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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Osmanisches Reich (Geschichte)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Osmanisches Reich (Geschichte)'

gestiftet; in Ägypten war von Ali Bei das Mamlukenregiment in alter Selbständigkeit wiederhergestellt worden. Beide verbündet, führten Krieg gegen die großherrlichen Paschas von Damaskus und Saida und wurden von dem russ. Feldherrn Orlow unterstützt. Während dieser Bedrängnis starb Mustapha III. im Jan. 1774 und hinterließ den erschütterten Thron seinem Bruder Abd ul-Hamid (1774–89). Dieser schloß 21. Juli 1774 den Frieden von Küčük-Kainardža (s. d.). Rußland gab die Moldau und die Walachei wieder heraus und nahm nur ein gewisses Schutzrecht über diese Fürstentümer in Anspruch. Dagegen behielt es Asow, Taganrog, Jenikale, Kertsch und Kinburn in Besitz und ließ sich das Recht der freien Schiffahrt in den türk. Meeren und Meerengen zugestehen. Die Krim wurde für unabhängig erklärt, was Katharina nur gewollt hatte, um sie desto leichter in ihre Gewalt bringen zu können. Als sie daher 1783 von der Krim Besitz ergriff, wagte die Pforte keinen Widerstand und ließ sich sogar bewegen, dies durch einen im folgenden Jahre abgeschlossenen Vertrag anzuerkennen; als aber das Zarenreich 1784 durch die Thronentsagung des Königs Heraklius von Georgien auch in Asien ein drohender Grenznachbar geworden war, erklärte die Pforte 1787 Rußland von neuem den Krieg. 1788 fiel der mit Katharina II. verbündete Kaiser Joseph in die Moldau ein. Allein die Türken schlugen ihn in mehrern Treffen und verfolgten ihn bis in das Temesvárer Banat; jedoch verloren sie in demselben Jahr Chotin und Otschakow an die Russen. Im April 1789 starb Abdul-Hamid. Sein Nachfolger und Neffe, Selim III. (1789–1807), setzte den Krieg fort und sandte ein Heer über die Donau, das am Rimnicuflusse von der vereinigten russ.-österr. Armee unter Suworow vernichtend geschlagen wurde. Bessarabien, die Walachei, Belgrad und Ismail fielen den Verbündeten in die Hände. Jetzt aber nahm Preußen sich der Pforte an und nötigte Österreich zu dem Frieden von Sistov (4. Aug. 1791), durch den es seine sämtlichen Eroberungen wieder verlor. Auch die Kaiserin gab in dem 9. Jan. 1792 zu Jassy abgeschlossenen Frieden ihre Eroberungen, mit Ausnahme von Otschakow, wieder heraus und begnügte sich mit einer Bestätigung der frühern Traktate. Indes erschienen die innern Verhältnisse der Türkei für den Bestand des Reichs beinahe noch bedrohlicher als die Ländergier äußerer Feinde. Die Finanzen waren zerrüttet, die Janitscharen demoralisiert, der Glaube an die alten Institutionen erschüttert. In den Provinzen wurde die Zahl der Machthaber immer größer, die offen nach Unabhängigkeit strebten. In Syrien schaltete der Pascha Achmed-Dschezzar nach Willkür, in Ägypten walteten gegen Zahlung eines geringen Tributs mächtige Mamlukenbeis in fast gänzlicher Unabhängigkeit, unter den Rajahnationen wurde der Wunsch nach Befreiung von dem schweren Joch immer mehr rege, und endlich waren die heiligen Städte Mekka und Medina in die Hände der räuberischen Beduinensekte der Wahabiten gefallen.

Unter diesen Umständen konnte die 1798 unternommene Ägyptische Expedition der Franzosen (s. d.) seitens der Türkei nur auf geringen Widerstand stoßen. Zögernd erklärte die Pforte auf Englands und Rußlands Andrängen der franz. Regierung den Krieg, beeilte sich aber Frieden zu schließen, nachdem ihr 1801 Ägypten zurückgegeben war. Ein Aufstand, der in Serbien (s. d., Geschichte) unter ↔ Karadjordjes (s. d.) Führung 1804 ausgebrochen war, konnte trotz schwerer Kämpfe nicht niedergeworfen werden, besonders weil die Aufständischen von Rußland, das sich seit 1806 wieder mit der Türkei im Kriege befand, Unterstützung erhielten. In Konstantinopel hatte nämlich die franz. Diplomatie so sehr das Übergewicht gewonnen, daß der Sultan die russ. Sympathien verdächtigen Hospodare der Moldau und Walachei abberief, worauf die russ. Kriegserklärung und Occupation der Fürstentümer erfolgte. Englands Bemühungen, die Pforte zur Teilnahme an einer antifranz. Koalition zu bewegen, waren ebenfalls erfolglos; Selim hielt fest an Frankreich und war der erste unter den türk. Sultanen, der sich mit umfassenden Reformplänen trug. Er beabsichtigte eine Umgestaltung des Diwans, eine bessere Stellung der Rajahvölker und vor allem eine Neubildung des Heers nach franz. Muster. Dies erregte namentlich den Groll der Janitscharen, die im Mai 1807 die Entthronung Selims durchsetzten. Ihm folgte sein Vetter, Abd ul-Hamids Sohn, Mustapha IV. (1807–8), der sich offen der Reaktion in die Arme warf. Aber die Reformidee hatte in der Beamtenschaft bereits Wurzel gefaßt. Der Statthalter von Rustschuk, Mustapha Bairaktar (s. d.), nahm die Sache Selims auf und erschien als sein Rächer mit einem Heer in Konstantinopel, fand aber Selim bereits ermordet. Er ließ Mustapha IV. absetzen und strangulieren und hob (Juli 1808) den einzigen noch übrigen osman. Prinzen, Mahmud II. (1808–39), einen andern Sohn Abd ul-Hamids, auf den Thron. Als Großwesir suchte Mustapha Bairaktar nunmehr den Plänen Selims Geltung zu verschaffen. Da er aber seine Reformen zu rasch ins Werk setzen wollte, zog er sich den allgemeinen Haß zu und erlag im Nov. 1808 einem Aufstande. Mahmud II. mußte sich nunmehr notgedrungen der Reaktion ergeben, ohne deshalb für die Zukunft seine Reformpläne aufzugeben. Er söhnte sich (1809) alsbald mit England aus, um gegen Rußland, das noch immer die Donaufürstentümer besetzt hielt, erfolgreicher operieren zu können. Aber der immer noch nicht gedämpfte serb. Aufstand lähmte die Bewegungen der türk. Führer. Die Russen drangen über die Donau und nahmen und zerstörten Nikopolis, Silistria und Rustschuk. Der drohende Krieg mit Napoleon machte jedoch den Zaren zum Frieden geneigt, der unter Englands Vermittelung 28. Mai 1812 zu Bukarest abgeschlossen wurde und den Pruth zur Grenze beider Reiche machte. Die Serben blieben der Türkei tributpflichtig, sollten aber eigene Gerichtsbarkeit erhalten. Da ihnen dies Versprechen nicht genügte, so dauerte der Aufstand unter Milosch (s. d.) Obrenowitsch fort, und diesem gelang es, für seine Nation eine anfangs nur beschränkte Autonomie bei der Pforte durchzusetzen. Auch in Kleinasien und Syrien hatte Mahmud mit Aufständen zu kämpfen, doch gelang es ihm, die dortigen unbotmäßigen Statthalter sowie den mächtigen Ali (s. d.) Pascha von Jannina wieder zu unterwerfen. Bedeutsamer war die Erhebung der Griechen im J. 1821 (s. Griechenland, Geschichte), gegen die Mahmud nach mehrern vergeblichen Feldzügen seinen mächtigsten Vasallen, Mehemed Ali (s. d.) Pascha von Ägypten, zu Hilfe rufen mußte. Die Ausrottung der Janitscharen (16. Juni 1826), die zu einer verwilderten Rotte herabgesunken waren, verschaffte dem Sultan endlich in Beziehung auf die erstrebte Reorga-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 684.