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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Osmanisches Reich (Geschichte)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Osmanisches Reich (Geschichte)'

Noch in demselben Jahr fand auf Kreta (s. d.) eine allgemeine Erhebung statt. Eine Nationalversammlung erklärte 2. Sept. den Anschluß der Insel an Griechenland, und dieses unterstützte die Aufständischen kräftig. Die Ratschläge der Großmächte, Kreta an Griechenland abzutreten, wies die Pforte, gestützt auf England, zurück, und eine 9. Jan. 1869 in Paris eröffnete Konferenz erkannte die Forderungen der Türkei an. Griechenland mußte sich fügen, und Kreta blieb türk. Provinz.

Bald darauf kam die Pforte in einen Konflikt mit dem nach einer selbständigen Stellung strebenden Chediv von Ägypten, Ismail Pascha, doch endigte derselbe, da sich der Chediv gefügig zeigte, damit, daß ihm 1872 das Recht der direkten Erbfolge und die Erlaubnis, ohne Anfrage Anleihen zu machen, zugestanden wurde. Diese Zugeständnisse wurden zusammengefaßt in dem Ferman vom 8. Juni 1873. (S. Ägypten, Geschichte.)

Die Beziehungen der Pforte zu Rußland waren allmählich besser geworden, und dem russ. Botschafter, General Ignatjew, gelang es sogar, den Einfluß Rußlands in Konstantinopel zum dominierenden zu machen. Als sich die russ. Regierung in ihrem Rundschreiben vom 31. Okt. 1870 von der Bestimmung des Pariser Vertrags von 1856, wonach ihr die Zahl und Größe der Kriegsschiffe, die sie auf dem Schwarzen Meere halten dürfe, vorgeschrieben war, lossagte, erklärte sich die Pforte in der zur Regelung dieser Angelegenheit berufenen Londoner Konferenz mit der Forderung Rußlands einverstanden (S. Pontusfrage.) Aber neue Unruhen im Innern ließen das Reich nicht zur Ruhe kommen. Schon 1874 drohte ein Krieg mit Montenegro. Am 6. Juli 1875 brach der nicht ohne russ. Zuthun angefachte Aufstand in der Herzegowina offen aus; bald standen auch die bosn. Christen unter den Waffen, Serbien und Montenegro unterstützten die Aufständischen heimlich in jeder Weise. Die Türken hatten geringe Streitkräfte zur Hand, und so gelang es ihnen nicht, den Aufstand zu bewältigen. Die Botschafter der Großmächte trugen ihre Vermittelung an; Kommissare wurden abgeschickt, um die Zustände in den beiden Provinzen zu untersuchen, und durch Irade vom 2. Okt. und den Ferman vom 12. Dez. wurde ein ganzes Füllhorn von Reformen der Justiz- und Administrativverwaltung über die Rajah ausgeschüttet. Dennoch dauerten die Kämpfe in den aufständischen Provinzen fort; ein Krieg mit Montenegro und Serbien stand unmittelbar bevor.

In dieser kritischen Lage wurden 6. Mai 1876 der deutsche und der franz. Konsul in Saloniki bei einem Auflaufe von dem türk. Pöbel ermordet, und nur durch die stärksten Drohungen konnte die Pforte vermocht werden, die Schuldigen zur Strafe zu ziehen. Am 11. Mai erfolgte eine Erhebung der theol. Studenten (Softas) in Konstantinopel, wodurch der Großwesir Mahmud Nedim Pascha gestürzt und ein vorzugsweise aus Alttürken bestehendes Ministerium gebildet wurde. Die Seele desselben war der Kriegsminister Hussein Awni (s. d.) Pascha, neben dem der Staatsratspräsident Midhat Pascha (s. d.) durch Erlassung einer Repräsentativverfassung der Schwierigkeiten der Lage Herr zu werden hoffte. Der unfähige Sultan Abd ul-Asis wurde 29. Mai auf Betreiben dieser beiden Männer abgesetzt und dessen Neffe, ein Sohn Abd ul-Medschids, als Murad V. (30. Mai bis 31. Aug. 1876) zum Sultan ↔ ausgerufen. Am 4. Juni fand man Abd ul-Asis tot; angeblich hatte er sich selbst entleibt. Am 31. Aug. wurde Murad als irrsinnig für abgesetzt erklärt und sein Bruder als Sultan Abd ul-Hamid II. ausgerufen. Während diese Veränderungen in Konstantinopel stattfanden, war in den ersten Tagen des Mai ein Aufstand in Bulgarien ausgebrochen, und auch Serbien und Montenegro erklärten der Pforte den Krieg und rückten 2. Juli ins Feld. Aber während Fürst Nikola von Montenegro mehrere Siege über Mukhtar Pascha erfocht und die Türken völlig aus Montenegro vertrieb, wurden die Serben, die unter dem Kommando des russ. Generals Tschernajew standen und von Rußland durch Zuzug von Freiwilligen und durch Sendungen von Geld und Kriegsrequisiten unterstützt wurden, auf Belgrad zurückgeworfen. In diesem kritischen Augenblick ließ Kaiser Alexander von Rußland der Pforte 30. Okt. erklären, daß, wenn sie nicht sofort einen Waffenstillstand bewillige, die diplomat. Beziehungen zwischen Rußland und der Türkei abgebrochen seien. Die Pforte entschied sich für Waffenstillstand, und auf die Einladung der engl. Regierung erklärten sich sämtliche Großmächte bereit, eine zur Lösung dieser Fragen in Konstantinopel zu eröffnende Konferenz zu beschicken. Bevor diese aber zusammentrat, erklärte Kaiser Alexander, daß er, falls die Pforte nicht die von ihr zu verlangenden Garantien gewähre, entschlossen sei, selbständig zu handeln.

Inzwischen hatte die Verfassungskommission unter Midhat Pascha einen Entwurf ausgearbeitet, der dazu bestimmt war, die Reformvorschläge der Großmächte durch die Gewährung konstitutioneller Freiheiten und Rechte an die türk. Provinzen und Unterthanen zu überbieten. An die Stelle Mehemed Ruschdis wurde 19. Dez. Midhat Pascha zum Großwesir ernannt, 23. Dez. die Verfassung proklamiert und 19. März 1877 das Parlament eröffnet. Die Verfassung gewährte allen ottoman. Unterthanen Glaubensfreiheit und bürgerliche Rechtsgleichheit und führte ein aus Senat und Abgeordnetenkammer bestehendes Parlament sowie Provinzial-, Kantons- und Municipalräte ein. Daß jedoch 5. Febr. 1877 Midhat Pascha gestürzt und ins Exil geschickt, der Alttürke Edhem Pascha zum Großwesir ernannt und die alte Günstlingswirtschaft fortgesetzt wurde, stimmte wenig zu den offiziellen Reformverheißungen, wie die Verfassung denn auch in Wirklichkeit ein Stück Papier blieb; das Parlament wurde nicht wieder einberufen.

Die Konferenz, bei welcher der türk. Minister des Auswärtigen, Safvet Pascha, präsidierte, war indessen 23. Dez. 1876 eröffnet worden. Da die Pforte die zwei hauptsächlichsten Forderungen, Mitwirkung der Großmächte bei Ernennung der Gouverneure in den christl. Provinzen und Einsetzung einer aus Bevollmächtigten der Großmächte bestehenden Aufsichtskommission, ablehnte, so ging die Konferenz 20. Jan. 1877 resultatlos auseinander. Die Pforte eröffnete sofort Friedensunterhandlungen mit Serbien und Montenegro. Am 1. März wurde der Friedensvertrag zwischen der Pforte und Serbien unterzeichnet; die Verhandlungen mit Montenegro scheiterten an dessen Forderungen, so daß 13. April dort wieder der Kriegszustand begann. Nun erklärte auch Kaiser Alexander 24. April den Krieg, und noch am nämlichen Tage überschritten die ersten Truppenabteilungen die rumän.

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 686.