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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ostindien (Geschichte)

fahrt auf dem Irawadi für den Handelsverkehr beider Nationen freigegeben wurde. Andere Erweiterungen des unmittelbaren Gebietes der Engländer erfolgten unter Dalhousies Oberstatthalterschaft (1848-56) auf ähnliche Weise wie unter Ludwig XIV. durch die Chambres de réunion. Infolge Aussterbens der regierenden Fürstenfamilien wurden mehrere Vasallenstaaten dem unmittelbaren Besitztum der Engländer einverleibt, wie 1848 das Fürstentum Sattra im westl. Dekan; 1849 Samhalpur an der Nordostecke des Dekan und Dschaitpur in Bundelkhand; 1854 das westlicher gelegene Fürstentum Dschhansi und das weit bedeutendere Königreich Nagpur nebst einem dem Nisam von Haidarabad gehörigen Teil von Berar; 1855 das Fürstentum Tandschur. Die Mißregierung des Königs Wadschid Ali Schah von Oudh gab Anlaß zur Annexion auch dieses bedeutenden und dicht bevölkerten Gebietes. - Dalhousie legte den Grund zu einem großartigen Eisenbahn- und Telegraphennetz und baute die von Scher Schah, dem afghan. Statthalter von Bengalen, begonnene, von dem Großmogul fortgeführte große Heerstraße Kalkutta-Pischawar aus. Er leitete die Schiffbarmachung der Godawari ein, eröffnete den Gangeskanal, den größten seiner Art in der Welt, und steigerte den Handelsverkehr und die Einkünfte der Regierung sehr bedeutend. Doch zugleich entfremdete sein despotischer Sinn die Bevölkerung, seine oft schroffen Reformen verletzten die nationalen Vorurteile, und die gewaltsame Besitznahme vieler kleinen und der drei großen Staaten Lahaur, Rangun und Oudh gab das Signal zu einem allgemeinen Ausbruche, der das Gebäude der brit. Herrschaft in Indien zu stürzen drohte. Dalhousies Nachfolger, Lord Canning, übernahm 1. April 1856 die Verwaltung des Reichs in vollem Frieden. Einige Militäraufstände, die im Februar und März 1857 während eines Krieges mit Persien ausbrachen, wurden leicht unterdrückt.

Anfang 1857 belief sich die bewaffnete Macht des unmittelbaren Reichsgebietes auf etwa 330000 Mann. Dazu kamen an vertragsmäßigen Kontingenten der Lehnsstaaten 33000 Mann und die aus Persien zurückkehrenden Truppen, so daß man im ganzen 370000 Mann aller Waffengattungen zählen konnte. Nicht viel weniger Soldaten und Polizeimannschaften hielten die Lehnsfürsten der drei Präsidentschaften als Haustruppen. Man konnte demnach alle bewaffnete Mannschaften in Hindustan und Dekan auf 700000 Mann schätzen. Den zahlreichen Truppen der Einheimischen stand aber nur, zerstreut über einen ungeheuern Flächenraum unter der zum Teil feindlich gesinnten Bevölkerung, ein kleiner Haufe Europäer gegenüber, nämlich 29000 Mann königl. Truppen und etwa 20000 Mann Truppen der Ostindischen Compagnie, die Offiziere der Sipahi mitgerechnet. Die Zahl der nicht zum Militärstande gehörigen Europäer mit Frauen und Kindern belief sich auf etwa 10000. Mit Einschluß der Juni und Juli 1857 aus Persien zurückgekehrten Truppen standen daher kaum 51000 Europäer der hereinbrechenden Empörung gegenüber. Die äußere Veranlassung zu dem Aufstande bot die Einführung neuer Patronen, die angeblich mit Kuh- oder Schweinefett bestrichen waren, wovon das eine die religiösen Gefühle der Hindu, das andere die der Mohammedaner beleidigte. Der Aufstand gestaltete sich zu einer allgemeinen Erhebung der kriegerischen Elemente des Landes zum Zwecke der Vertreibung der Engländer und der Wiederherstellung der beiden ind. Großmächte, des Mogulreichs von Dehli mohammedanischerseits und des Peschwastaates der Mahratten seitens der Hindu. Hierzu kam noch der Versuch des jüngst annektierten Königreichs Oudh, sich wieder selbständig zu machen. Am 10. Mai 1857 erfolgte die erste massenhafte Meuterei der Sipahi zu Mirat, wo man die engl. Offiziere nebst Frauen und Kindern ermordete und die Kasernen anzündete. Von hier eilten die aufrührerischen Sipahi nach Dehli, wo sich die größten Militärmagazine der nördl. Provinzen befanden. Nach den fürchterlichsten Greueln gegen die Europäer bemächtigten sich die Meuterer eines Artillerieparks von 150 Kanonen, unermeßlicher Kriegsvorräte und eines Schatzes von 2 Mill. Pfd. St. Teils gleichzeitig, teils später verbreitete sich der Aufstand über alle Garnisonstädte der Nordwestprovinzen, nach Benares, Asimgarh, Allahabad, Agra, Mathura, Kanpur, Lakhnau und ganz Oudh, und nach Bareli in Rohilkhand. Auch im Pandschab erhoben sich die dort stehenden Truppen der Bengalarmee, während in der Bombay- und Madrasarmee nur vereinzelte Fälle von Meuterei vorkamen. Überall begingen die Aufständischen Grausamkeiten.

Doch blieben den Engländern die Regimenter, welche aus Bergbewohnern des Himalaja, namentlich den Ghurkas, sowie aus Sikh bestanden, aus Haß gegen die Bengal-Sipabi, treu und leisteten große Dienste. Selbst eingeborene Truppen der Madras- und Bombayarmee ließen sich gegen die Rebellen führen. Von den ind. Fürsten schloß sich, mit Ausnahme des Großmoguls und der kaiserl. Prinzen in Dehli, des Mahrattenführers Nana Sahib von Bithur bei Kanpur und der tapfern Fürstin von Dschhansi, keiner der Empörung an. Das eigentliche Volk, gegen die brit. Regierung wie für die nationale Sache gleichgültig und an Druck von allen Seiten von jeher gewöhnt, beteiligte sich nur hier und da an den Plünderungen und Metzeleien, focht aber nicht mit, so daß die Sipahi eigentlich auf sich beschränkt blieben. Unter solchen Umständen war es dem General Wilson möglich, nach einer dreimonatigen Belagerung, endlich 20. Sept. 1857 Dehli nach sechsstündigem Sturm zu nehmen. Der von den Aufständischen zum Beherrscher von Indien ausgerufene 90jährige Großmogul Bahadur Schah (s. d.) wurde gefangen abgeführt, die Prinzen seines Hauses ermordet. Einem Teil der nach allen Seiten hin flüchtenden Sipahi gelang es, sich mit den Aufständischen in Oudh zu vereinigen, dessen Hauptstadt Lakhnau nach dem Falle Dehlis der Centralpunkt der Insurrektion ward. Während der Belagerung von Dehli hatte General Havelock Ende Juni in Allahabad den Befehl über das zur Entsetzung von Kanpur und Lakhnau bestimmte Korps übernommen und die Blutscenen von Kanpur ebenso blutig gerächt, nachdem er die Rebellen unter Nana Sahib 12. Juli bei Fatihpur sowie am 15. und 16. auf der Straße nach Kanpur geschlagen und 17. Juli aus dieser Stadt vertrieben hatte. Am 29. und 30. Juli erfocht er einen großen Sieg bei Unao und Bupirgandsch, unweit Kanpur, 16. Aug. bei Bithur. Nach Überwindung der größten Schwierigkeiten drang er endlich 26. Sept. unter mörderischem Kampfe in die Festung von Lakhnau, das indessen erst 19. März 1858 von Campbell und Outram eingenommen wurde. Außer Dehli, Kan-^[folgende Seite]