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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Persien (Geschichte)

schlug er bei Eriwan aufs Haupt (8. Aug. 1745), schloß jedoch bald Frieden.

Nach Nadir Schahs Ermordung (20. Juni 1747) trat in P. ein Zwischcnreich ein, erfüllt von innern Unruhen, die das Reich furchtbar zerrütteten und in verschiedene Teile zerfallen ließen. In Ostiran gründete damals Ahmad, aus dem Geschlecht der Abdali, das Reich der Afghanen (s. Afghanistan), das seitdem für das Persische Reich verloren blieb. Westiran dagegen zerfiel nach seinen verschiedenen Statthaltern, die sich unabhängig machten, in mehrere kleine Königreiche, die sich unablässig bekämpften und in ihrem Innern durch die gewöhnlichen orient. Thronstreitigkeiten zerrüttet wurden. Endlich gelang es hier nach langen und blutigen Kämpfen dem Kerim Chan, einem Kurden, nach andern Berichten einem vornehmen pers. Häuptling, sich der Herrschaft zu bemächtigen, die Ruhe herzustellen und seine Macht zu befestigen. Seine Weisheit, Gerechtigkeit und Kriegserfahrung erwarben ihm die Liebe seiner Unterthanen und die Achtung seiner Nachbarn. Er nannte sich übrigens selbst nie Schah, sondern nur Wekil, d. i. Reichsverweser (eines Seffiden), ließ sich 1755 zu Schiras, das er zu seiner Residenz machte, nieder und starb 1779. Neue Verwirrungen entstanden nach seinem Tode durch die Thronstreitigkeiten in seiner eigenen Familie, dem Geschlechte der Send, und endlich blieb ein Neffe Kerim Chans, Ali Murad, 1781 im Besitz des Throns. Nur in Masenderan hatte sich Agha Mohammed, ein Turkomane vom Stamme der Kadscharen, unabhängig gemacht. Ali Murad, der gegen ihn zog, starb 1785 infolge eines Sturzes mit dem Pferde. Die Regierung seines Nachfolgers Dschafar war ein immerwährender Kampf mit Agha Mohammed, der ihn durch eine Verschwörung ermorden ließ (1789). Vergebens suchte Dschafars tapferer Sohn, Lutf Ali, das Glück für sich zu gewinnen: Agha Mohammed siegte und unterwarf sich fast ganz Westiran; nur Chorassan und Georgien behaupteten ihre Unabhängigkeit.

Mit dem Tode des kämpfend gefallenen Lutf Ali Chan (1794) beginnt die jetzt noch herrschende Dynastie der Kadscharen. Agha Mohammed, später, nach der Eroberung von Georgien, Mohammed Schah, herrschte mit wilder Grausamkeit. Rußland nahm 1796 Georgien; Mohammed schloß jedoch nach Katharinas II. Tode einen nicht unvorteilhaften Frieden und siel 1797 durch Mörderhand. Zu seinem Nachfolger hatte er Vaba Chan ernannt, seinen Neffen, ebenfalls aus dem Stamme der Kadscharcn, der, 1768 geboren, 1797 nach Agha Mohammeds Ermordung unter dem Namen Feth Ali den Thron bestieg und, wie schon seine Vorgänger, in Teheran residierte. Durch eine Reihe von Feldzügen befestigte er im Innern seine Macht und eroberte sogar Chorassan. Dagegen kam er in eine gefährliche Lage durch die rivalisierenden Bestrebungen Rußlands, Englands und Frankreichs im Orient, die ihn mit Rußland, das nach der Eroberung der pers. Grenzprovinzen trachtete, in viele Konflikte brachten. So verlor er an Rußland im Frieden von 1797 Derbend und einen Teil des Landes an der Kura; 1802 wurde Georgien zur russ. Provinz erklärt. Im Frieden von Gulistan (12. Okt. 1813), der dem unglücklichen Kriege folgte, den er unter Frankreichs Einfluß 1811 den Russen erklärt hatte, verlor Feth Ali alle seine übrigen Besitzungen am Kaukasus, nördlich von Armenien, und mußte die russ. Kriegsflagge auf dem Kaspischen Meere gestatten. Auch der 1822 gegen die Pforte geführte Krieg hatte für P. keinen günstigen Erfolg. 1826 ließ sich Feth Ali durch den Kronprinzen Abbas Mirza und seinen Günstling Hussein Kuli Chan zum Kriege gegen Rußland bewegen. Die Perser fielen ohne Kriegserklärung in das russ. Gebiet ein. reizten einen Teil der Mohammedaner zum Aufstande und drangen bis Ielisawetpol vor. Bald aber wurden sie von den russ. Generalen Iermolow und Paskewitsch geschlagen und verloren mehrere feste Plätze, darunter Eriwan, worauf die Russen 16. Okt. 1827 über den Arares gingen und 31. Okt. Täbris besetzten. In dem 22. Febr. 1828 am Turkmantschai zu stände gekommenen frieden mußte P. seinen ganzen Anteil an Armenien mit Eriwan und dem Kloster Etschmiadzin, Nachitschewan und die einträglichen Salinen von Kuly abtreten, 80 Mill. Rubel Kriegskosten zahlen und den Russen große Handelsvorteile einräumen. Hierüber war das durch Erpressungen aufs Äußerste gebrachte Volk erbittert, und als der russ. Gesandte Gribojedow in Teheran einige georgische Frauen, die russ. Unterthanen waren, der pers. Sklaverei entzog, brach 12. Febr. 1829 die Wut des Volks los, das den russ. Gesandten nebst seiner Gemahlin und dem größten Teil seines Gefolges ermordete. Nur durch die größten Demütigungen sowie durch strenge Bestrafung der Teilnehmer am Aufstande vermochte der Schah Rußland zu besänftigen.

Einen großen Verlust erlitt P. 1833 durch den Tod des präsumtiven Thronfolgers Abbas Mirza, des einzigen Mannes, dem es ernstlich um die Hebung seines verwahrlosten Vaterlandes zu thun gewesen war. Bald darauf starb 20. Okt. 1834 der Schah Feth Ali. Ein innerer Krieg drohte infolge der Thronansprüche unter seinen Nachkommen auszubrechen; allein die Übereinstimmung Englands mit Rußland, die dem Sohne Abbas Mirzas, Muhammed, den Thron garantierten, bewirkte, daß dieser wirklich den Thron besteigen konnte, nachdem einer der Söhne Feth Alis, Ali Schah, 20 Tage lang die Herrschaft behauptet hatte. Doch vermochte er die Umtriebe seiner übrigen Verwandten nicht zu unterdrücken. Dazu kam die wachsende Eifersucht Rußlands und Englands, die P. für ihre Zwecke zu gewinnen suchten und die Negierung demoralisierten. In diesen diplomat. Kämpfen trug Rußland endlich den Sieg davon. So gelang es ihm, P. zu einem zweimaligen, wiewohl erfolglosen Zuge gegen Herat zu vermögen, um dieses Vollwerk auf der Straße von Vorderasien nach Indien dem russ. Einfluß zu gewinnen. Zwar bewirkte der siegreiche Zug der Engländer nach Afghanistau sowie die zeitweilige Besetzung des Hafens von Abuschehr, daß die engl. Politik um 1840 in P. wieder das Übergewicht bekam. Allein dies dauerte nur kurze Zeit; denn die drohende Nähe der Russen und die Schwäche des körperlich und geistig zerrütteten Schahs, der sick ganz in den Händen seines von den Russen gewonnenen Großwesirs befand, gaben der russ. Politik bald wieder ihren vorwaltenden Einfluß. Das äußerte sich in der nach fünfjährigen Verhandlungen zu Erzerum durch den Vertrag vom 7. Juni 1847 zu stände gekommenen Beilegung der drohenden Grenzstreitigkeiten zwischen der Türkei und P., besonders aber in einem Vertrage, den der Fürst Woronzow als russ. Bevollmächtigter 1846 in Tistis mit P. abschloß. Rußland erhielt die pers. Häfen