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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Perspektograph
Vild aufgenommen werden, als innerhalb eines Vlick-
Winkels von 60" liegt; 2) der Augenpunkt soll in
der Mitte des Horizonts liegen; 3) die geometr.
Verhältnisse des Objekts müssen möglichst auch in
seinem Bilde zu erkennen sein; 4) längere Teile
des Objektes dürfen nicht parallel der Bildfläche
angenommen werden. Die letztere Anforderung ist
durch Fig. 2 u. 3 der Tafel erläutert, welche
zeigen, daß die Eckansicht malerischer ist als die
Frontansicht.
Die perspektivischen Gesetze, wie sie sicb aus dem
Glastafelprincip ergeben, werden in der Praris in
manchen Punkten nicht befolgt und zwar nicht aus
Unkenntnis der Gesetze, sondern absicbtlich; z. B.
zeichnet sich eine Kugel nach der mathem. Konstruk-
tion als Ellipse ab, pbald ihr Mittelpunkt nicht mit
dem Augenpunkt zusammeufällt. Da wir aber in
Wirklichkeit die Kontur einer Kugel stets als Kreis
zu sehen gewöhnt sind, so erscheint die mathcm.
Konstruktion fehlerhaft. Dieses Paradoxon erklärt
sich daraus, daß die mathem. Konstruktion vollkom-
men recht hat, wenn sich der Beschauer mit seinem
Auge genau auf die Stelle des Projektionscentrums
begiebt, für welches das Bild entworfen ist. Von
dort ans betrachtet, wird die gezeichnete Ellipse als
Kreis gesehen, giebt also die Kugel richtig wieder.
Verläßt jedoch das Auge des Beschauers die bezeich-
nete Stelle, so erscheint das Bild der Kugel elliptiscb,
und man gewinnt den Eindruck einer Verzerrung.
Da nun bei Betrachtung eines Gemäldes der un-
besangene Beschauer nicht daran denkt, sich mit dem
Auge an die richtige Stelle zu begeben, und dies
auch bei vielen Gemälden wegen ihrer holen Auf-
hängung nicht möglich wäre, so schließt der Künst-
ler, um dem Beschauer auch bei mathematisch fal-
schem Standpunkt nichts Widernatürliches zu bie-
ten, ein Kompromiß zwifchen den mathem. Gesetzen
und den Anforderungen einer ungezwungenen Be-
trachtungsweise und zeichnet die Kugel als einen Kreis,
da sie dann richtig erscheint, wenn man vor ihr steht
iman vergleiche die Kugeln auf Naffaels Bilde Die
Schule von Athen). Ferner müßten nach der mathem.
Konstruktion bei einer der Bildebene parallelen Reihe
von Säulen oder Personen die am Rande befind-
lichen dicker gezeichnet werden alo die in der Mitte.
Auf Gruppenphotographien, welcbe wie alle Photo-
graphien die mathematische P. befolgen, solange
das benutzte Objektivglas frei von Verzeichnungs-
fehlern ist, findet man in der That Personen am
Rande dicker als in der Mitte, eine Unannehmlich-
keit, die der Photograph durch geschickte Stellung
der Personen zu mildern suchen muß. Der Maler
zeichnet Personen, die gleichweit von der Bildebene
entfernt sind, gleichstark, wie z. B. Leonardo da
Vincis Heiliges Abendmahl (s. die Tasel beim Ar-
ükel Leonardo da Vinci) zeigt, bei welchem die Sce-
nerie start perspektivisch verkürzt ist, die Figuren
dagegen in Parallelprojektion eingesetzt sind. Bei
größerer Augenweitc mildern sich genannte Diffe-
renzen svgl. auch die vorher genannte Anforde-
rung 1 an gute Bilder). Man nähert sich dann
mehr der Parallelprojektion; um aber die mit kurzer
Augenweite verbundenen perspektivischen Reize nicht
aufzugeben, konstruiert man die Hauptlinien der
Scenerie mit kurzer Augenweite und benutzt für
l^leichweit von der Bildebene entfernte Personen
die Parallelprojektion, für entfernter liegende Grup-
pen jedoch die der kurzen Augenweite entsprechende
perspektivische Verkürzung.
Solche Differenzen zwischen mathcm. Konstruktion
und praktischer Ausführung fallen, was die Vreiten-
richtung anlangt, bei den Rundgemälden der Pano-
ramen weg, da hier der Beschauer immer im Cen-
trum bleibt und die Sehrichtung stets senkrecht zur
Bildebene ist.
Mechan. Hilfsmittel, welche dem Maler die Ge-
winnung der perspektivischen Linien erleichtern, sind
Flucktpunktschicncn (s. d.), die (^mera luciäa (s. d.>,
der Perspektograph (s-d.), ganz besonders aberdio
Photographie. Komplizierte Details, menschliche
Figuren und alle solche Objekte, die mit Konstruktio-
nen nur mühsam korrekt erhalten werden und früher
vom Maler nach dem Gefühl und deshalb vielfach
fehlerhaft angelegt wurden, können mit Hilfe der
Photographie vollkommen korrekt nachgebildet wer-
den; auch bewegte Objekte (eine schreitende Person,
ein springendes Pferd, Wellen u. s. w.), deren Form
früher mit großer Mühe der Natur abgelauscht
werden mußte, sind durch die Momcntphotographic
der Malerei bequem und in korrekten Linien zugäng-
! lich geworden. Während dadurch die Photographie
einerseits söroerno auf die Malerei eingewirkt hat,
ist für den Künstler die Gefahr uicht zu verkennen,
sich durch ihre Benutzung zu sehr an cin bloßes
Kopieren der Natur zu gewöhnen, hingegen das
Komponieren und Idealisieren zu verlernen; daher
bat man nicht mit Unrecht behauptet, daß die Pho-
tographie dem Realismus in der modernen Malerei
Vorschub geleistet hat.
Auf der Unkenntnis der perspektivischen Gesetze
beruht die uns störende Unvollkommenheit der an-
tiken und der meisten mittelalterlichen Malereien.
Erst seit dem 15. Jahrb. wurde die P. als selbstän-
diger theoretischer Stoff behandelt und in die Malerei
eingeführt, dank den Bemühungen des Uccello, des
Piero della Francesca, des Leonardo da Vinci u. a.
in Italien, und Albrecht Türers in Deutschland.
Zur Linearperspettive gehört auch die Reliefper-
! spektive (s. d.) und die Theaterperspektive (s. d.).
! Unter Luftperspektive versteht man diejenigen
! malerischen Regeln, nach denen der Einfluß der Lust-
schicht zwischen Auge und Gegenstände auf die Ge-
stalt und Größe, Farbe und Lichtverteilung richtig
dargestellt wird. Das Aufsehen der Gegenstände
wird in dieser Hinsicht desto mehr verändert, je wei-
ter die Gegenstände liegen und je mehr Feuchtigkeit
die zwischenliegende Luft enthält. Bezüglich der
Körperschatten gilt, daß fernliegende Objekte ihre
Plastik scheinbar verlieren und wie Flächen erschei-
nen, bezüglich der Farbe, daß sie ein gleichmäßiges
Blaugrau annehmen. Gestalt und Größe werden
am meisten durch Nebel und in ganz abnormer Weise
durch Lustspiegelung (s. d.) verändert.
Litteratur. Gennerich, Lehrbuch der P. für
bildende Künstler (Lpz. 1865); Hauck, Die malerische
P. (Berl. 1882); Niemann, Handbuch der Lincar-
perspektive für bildende Künstler (Stuttg. 1882);
Heyn, Hauptsätze der P. (Lpz. 1885); Bötlen, Vor-
lagenwerk für konstruktives Zeichnen, III (3. Aufl.,
Stuttg. 1886); Schreiber, Lehrbuch der P. (3. Aufl..
Lpz. 1886); Dietzel, Leitfaden für den Unterricht im
technifchen Zeichnen, Heft 3 (4. Aufl., ebd. 1887);
Conz, Lebrbuch der P. l Stuttg. 1888); Söllner, P. für
Maler, Architekten u. s. w. (2. Aufl., ebd. 1891); Klei-
ber, Katechismus der angewandten P. (2. Aufl., Lpz.
1896); Verger, Lehre der P. (11. Aufl., ebd. 1895).
Perspektograph (lat.-grch.), ein von Ritter er-
fundener Apparat, mit welchem man das perspekti-