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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Portugiesische Litteratur
Bibliotheken aufspeichern konnten (Cicero, Seneca, Quintus Curtius u. s. w.) und benutzten die so erworbene Wissensfülle, um moralphilosophische, mit Beispielen aus dem Altertum und aus ihrer eigenen Erfahrung gewürzte Abhandlungen zu kompilieren. So entstand die ohne Grund Johann I. zugeschriebene "Côrte Imperial" (Handschrift auf der Bibliothek von Oporto), so die "Virtuosa Bemfeitoria" des vielgereisten staatsklugen Infanten Dom Pedro (Handschrift in der königl. Akademie zu Lissabon), so das Handbuch damaliger Staatsweisheit, welches der König Dom Duarte u. d. T. "Der treue Ratgeber" ("O leal conselheiro") für seine Gemahlin niederschrieb (Lissab. 1843). Die Geschichtschreibung machte im 15. Jahrh. große Fortschritte. Ein Unbekannter verfaßte die Geschichte des Connétable Nunalvares Pereira: "Estoria ou Coronica do Condstabre de Portugal" (Lissab. 1526 u. 1848). Das tragische Geschick des in Afrika geopferten "Standhaften Prinzen" behandelte ein treuer Diener und Leidensgenosse, Frei Joam Alvares: "Chronica do sancto Iffante Dom Fernando" (gedruckt 1527 in modernisierter Fassung, und 1730; deutsch von Olfers, 1827). - Der eigentliche Begründer portug. Historiographie, Fernam Lopes (1454), erzählte mit sichtlichem Bestreben, unparteiisch zu berichten, die Thaten der letzten beiden Herrscher erster Dynastie: Peters des Grausam-Gerechten und Ferdinands des Schönen, und voll Begeisterung die Großthaten Johanns I.; sein dramatisch lebendiger Stil und sein nationaler Sinn passen vortrefflich zu den mittelalterlichen Heldengestalten, die er zeichnet. Ihm folgte im Amte eines Reichshistoriographen Gomes Eannes de Azurara (gest. 1479), der schwülstiger und mit gelehrterm Apparat die ersten afrik. Eroberungen und ihre Helden malt: "Chronica da tomada de Ceuta", "Chronica do Conde D. Pedro de Menezes", "Chronica dos feitos de Duarte de Menezes", "Chronica da conquista de Guiné". Sein Nachfolger im Amt, Ruy de Pina, geleitet die portug. Herrscher bis an die Wende des Jahrhunderts: "Chronica da D. Duarte, D. Affonso V, D. João II" ("Ineditos de historia portugueza").
III. Periode. Mit der Einführung und Nachahmung des klassisch-ital. Stils (1526) durch Sá de Miranda beginnt das goldene Zeitalter der portug. Nationallitteratur, in dem Poesie wie Prosa, Epik, Lyrik und Dramatik, Geschichtschreibung und Roman ihre Blüte erreichten. Minder national als in seinen Gedichten ist Sá de Miranda in seinen in portug. Prosa geschriebenen Lustspielen "Die Fremden" und "Die zwei Vilhalpandos", durch die er zwar einer der Väter der portug. Dramatik wurde, aber seiner fast sklavischen Nachahmung des italianisierten Terenz und Plautus wegen ohne Einfluß auf die eigentliche Volksbühne blieb. Dem von Sá de Miranda gegebenen Impuls folgte mit Glück Antonio Ferreira, der aus Patriotismus nur in portug. Sprache schrieb und nur vaterländische Stoffe wählte. Mit "Ines de Castro" gab er den Portugiesen die erste Tragödie im klassischen Geschmack; sein "Eifersüchtiger" ("O Cioso") ist eins der frühesten europ. Charakterlustspiele. Um diese beiden bildete sich auf der Universität von Coimbra und in der Residenz eine Schule von gelehrt-höfischen Dichtern, unter welchen Diogo Bernardes und sein Bruder Frei Agostinho da Cruz, Pero d’Andrade Caminha, Dom Manoel de Portugal, Falcão de Resende, Francisco de Sá e Menezes als Lyriker nennenswert sind. Aber diese klassische Schule der "Quinhentistas" blieb auf die Studierstube und den Salon beschränkt. Das Volk wurde davon wenig berührt. Und doch war gerade damals das Selbstbewußtsein der Portugiesen durch ihre Entdeckungen und Eroberungen in Asien, Afrika und Amerika gehoben und bis zur Begeisterung gesteigert worden; der Drang, dieses Selbstgefühl auch litterarisch, auch poetisch auszusprechen, war zu lebhaft, um nicht Organe zu finden, und er fand sie auch. So war schon Gil Vicente, der Schöpfer des nationalen Auto, am Anfang des 16. Jahrh. (von 1502 bis 1536) zum Repräsentanten der volkstümlichen Dichtung geworden. So schrieb der schlichte Schuhflicker Gonçalo Annes Bandarra apokalyptische Prophezeiungen über die Zukunft des Vaterlandes: "Trovas em ar de profecias" (gedruckt erst 1644). So wurde Luis de Camões, der größte Lyriker der Halbinsel und gleich bewunderungswürdig in seinen nationalen und klassischen Poesien, zum begeisterten Sänger des nationalen Heroentums. Unter den Königen Emanuel d. Gr. und Johann III. hatte die Nation den Gipfelpunkt ihrer staatlichen Entwicklung erreicht: unter den Dichtern Gil Vicente und Camões entfaltete sich auch die portug. Poesie zu ihrer schönsten Blüte, und der Portugiesen Heldenthaten drängten den Sänger der "Lusiaden" zur epischen Gestaltung. Und wie um den Lyriker Sá de Miranda sich eine Schule talentvoller Jünger geschart hatte, so ahmten das nationale Auto Gil Vicentes ein halbes Dutzend mehr oder weniger geistvoller Dramatiker nach: Antonio Prestes, Antonio Ribeiro, Chiado, Henrique Lopes, Affonso Alvares, Jeronymo Ribeiro und Camões, der hinwiederum als Epiker durch das geniale Ergreifen des vaterländischen Stoffs zündend auf alle episch beanlagten Zeitgenossen wirkte. Jeronymo Cortereal schrieb den "Segundo Cerco de Diu" (1576), Francisco de Andrade den "Primeiro Cerco de Diu" (1589); Francisco de Sá de Menezes wählte Affonso de Albuquerque zum Helden seiner "Malaca conquistada". Doch bald nach der Niederlage bei Alcacer-Kebir (1578) erlosch mit dem Glanz dieses Heroentums auch die künstlerische Schaffenskraft. Die Heldengedichte, welche die Epigonen noch fangen, waren mehr elegische Klaggesänge, wie schon Luiz Pereira Brandäo sein übrigens als histor. Quelle nicht zu unterschätzendes Epos über Sebastians Untergang mit richtigem Gefühl "Elegiada" (Lissab. 1588 u. 1785) nannte: Epopöen ohne epische Begeisterung, in denen die lyrischen Partien noch am meisten eigentümliche, nationale Färbung haben, die eigentlich heroischen aber die epische Einfachheit durch den Bombast des auch in der portug. Poesie einreißenden Gongorismus zu ersetzen suchen. Weder Gabriel Pereira de Castros "Ulyssea" (1636) noch Vasco Mouzinho de Quevedo e Castellobrancos "Affonso Africano" (Lissab. 1611; 1787) sind hervorragende Werke, obgleich das letztere immerhin ein Heldengedicht ist, das seines glücklich gewählten nationalen Stoffs, gelungener Beschreibungen und Episoden und seines fließenden eleganten Stils wegen den "Lusiaden" am nächsten kommt.
Durch den Verlust der nationalen und polit. Selbständigkeit der Portugiesen wuchs unter der Herrschaft der drei Philippe von Spanien die Abhängigkeit der P. L. von der spanischen bis zu dem Grade, daß viele begabte Dichter die Muttersprache freiwillig ganz aufgaben und es vorzogen, ihre Werke