Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

329
Postwesen
land, das mit seinen 2900 Territorien dem P. keine
Einheit zu geben vermocht hätte, große Dienste in
wirtschaftlicher Hinsicht sowie im Verkehrswesen ge-
leistet bat, und daß die einheitliche Organisation der
Tarisschen Post die Grundlage für die spätern staat-
lichen Posten geworden ist. Von letztern sind fol-
gende Verwaltungen hervorzuheben:
Das brandenburgisch-preußische P., als
dessen Schöpfer, wie oben erwähnt, der Große Kur-
fürst anzusehen ist, gedieh unter der einsichtsvollen
Pflege der Landesherren zu einem hohen Grade der
Ausbildung. Überall im Lande wurden Posten an-
gelegt. 1710 wurde die erste Postordnung erlassen;
1730 betrug der reine Überschuß 200000 Thlr.
Friedrich II. vervollkommnete namentlich auch die
prcus'). Feldpost (s. d.). Die vorübergehende Ver-
pachtung des P. an ein Finanzpächtcr-Konsortium
hatte keinen besondern Erfolg und ging 1770 wieder
ein. Am 26. Nov. 1782 erschien die "Allgemeine
Postordnung sür sämtliche königlich preuh. Pro-
vinzen". Die franz. Invasion 1805-12 hemmte fast
sämtliche Posten, hardenberg ließ nach dem Siege
über die Franzosen die Post neu organisieren; der
Abschluß von Postverträgen mit Sachsen, Kurhessen,
Österreich und den Niederlanden belebte den Vertehr.
Gencralyostmeister Nagler rief 1821 die Schnellpost-
verbindungen zwischen Berlin und Dresden, Ham-
burg und Leipzig (1827), und Berlin-Tauroggcn-
Rußland (1839) ins Leben, auch vervollkommnete
er das Landbriefbestellwesen. 1849 trat General-
direktor Schmückert, 1862 Philipsborn an die Spitze
des P.; beiden verdankt das P. viele zweckmäßige
Einrichtungen. 1850 wurden die Oberpostdirektionen
(s. d.) als Provinzialorgane der Verwaltung begrün-
det. Die Erkenntnis der Notwendigkeit, die inter-
nationale Wirksamkeit des P. durch billige Tarife
und andere Vcrkehrserleichterungen zu fördern,
führte zunächst (6. April 1850) zur Errichtung des
Deutsch-Österreichischen Postvereins, nach-
dem frühere Bestrebungen (1815), ein einheitliches
deutsches P. zu begründen, an der Fiskalität der
PostVerwaltungen gescheitert waren. Der neue
Deutsch-Österreichische Verein stellte wenigstens für
Deutschland und Österreich einen einheitlichen Porto-
satz her. Nach dem Kriege zwischen Preußen und
Österreich gelang es dem damaligen preuß. Geh.
Postrat Stephan, aus den beschlagnahmten Akten
der fürstl. Thurn und Tarisschen Generalpostdirek-
tion in Frankfurt a. M. die Grundlage für Ablösung
des Tarisschen Nutzungsrechts im Großherzogtum
Hessen, den thüring. Fürstentümern, Kurhessen,
Nassau und Frankfurt a. M. festzustellen. Preußen
übernahm sür eine Abfindungssumme von 3 Mill.
Thlrn. das Postnutzungsrecht des Fürsten Taris.
1867 wurden Hannover, Schleswig-Holstein und
Laucnburg dem preußischen P. einverleibt. Am
1. Jan. 1868 erfolgte die Begründung der Nord-
deutschen Bundespost, die auch Hessen südlich
vom Main umfaßte. Nur Baden (bis 1870-71),
Bayern und Württemberg behielten eigene Landes-
posten; an die Stelle der 17 Postinstitute Deutsch-
lands traten 4, denen durch Verträge ein cinbeit-
licher Betrieb des P. garantiert wurde. Die Bun-
despost war die erste Etappe zur Verwirklichung
der deutschen Einheitspost; ihr Gebiet umfaßte
419580 tikin mit 30 Mill. E. und 4600 Postan-
stalten. 1868 übernahm Graf von Vismarck, als
Bundeskanzler, die obere Leitung des Vundes-
postwesens, das 2. Nov. 1867 ein einheitliches
Postgesetz erhielt. Sodann wurde durch Gesetz vom
4. Nov. 1867 der Einheitsportosatz von 1 Sgr.
für den einfachen Brief auf alle Entfernungen in-
nerbalb Deutschlands eingeführt. Am 26. April
1870 trat Heinrich Stephan (s. d.) vorerst als
Gcneralpostdireltor an die Spitze der Verwaltung,
der zunächst im Deutsch-Französischen Kriege von
1870 und 1871 die Aufgabe der Neuorganisation
des Feldpostwescns (s. Feldpost) glänzend löste.
Nach Aufrichtung des neuen Deutschen Reichs
(18.Ian.1871) erstand auch dieDeutschc Neichs-
post wieder, aber nicht als Fortsetzung der alten
feudalen Tarisschen Reichspost, sondern als eine der
Wohlfahrt des deutschen Volks gewidmete Reichs-
verkebrs anstatt mit einheitlicher Leitung und
einheitlichem Betrieb. Elsaß-Lothringen wurde 1871
der Reickspost einverleibt, Baden trat 1. Jan. 1872
hinzu. Dagegen blieben Bayern und Württemberg
im Besitz ibrer Tcrritorialpostinstitute, mit der Maß-
gabe jedoch, daß die Reichspost sie dem Auslande
gegenüber vertritt, Postgesetze und Tarife aber all-
gemeine Geltung für ganz Deutschland haben soll-
ten. Stephan wurde 1876 der erste Generalpost-
meister des Deutschen Reichs. Seine von gro-
ßem Organisationstalent getragene Wirksamkeit hat
das deutsche P. auf eine Höhe gebracht, die es den
ersten Rang unter den PostVerwaltungen der Erde
einnehmen läßt. Abgesehen von der Festlegung des
deutschen Postrechts, der Vereinigung von Post und
Telegraphie im Interesse einer weniger kostspieligen
Verwaltung, ferner der einheitlichen Gestaltung des
technischen Betriebes gebührt ihm das Verdienst, die
Zahl der Postanstalten in den Städten und auf dem
platten Lande in hohem Maße vermehrt und den
Landbriefbestellungsdienst in mustergültiger Weise
reformiert zu haben, dergestalt, daß Stadt und Land
gleiche Verkehrserleichterungen genießen. Auch das
Verkchrsbeamtentnm Deutschlands verdankt Ste-
phan Einrichtungen, welche die materielle und gei-
stige Wohlfahrt diefer Klasse von Staatsbürgern zu
fördern bestimmt sind; so die Begründung der Kaiscr-
Wilhelm-Stiftung, aus der zahlreiche Unterstützun-
gen und alljährlich mehrere Stipendien zu Reisen
ins Ausland gewährt werden; die Errichtung von
Postspar- und Vorschuhvereinen, ferner die Erleich-
terungen bei der Lebensversicherung der Beamten,
die Begründung einer Stiftung "Töchterhort" für
verwaiste Töchter der Neichspost- und Telegraphen-
beamten; endlich die Gründung einer Post- und
Telegraphenschule (s. d.), die Errichtung von Amts-
bibliotheken und die Herausgabe des "Archivs sür
Post und Telegraphie" zur Förderung der geistigen
Interessen der Post- u. s. w. Beamten. Noch wichtiger
sür die Kultur sind Stephans Maßnahmen zur Rege-
lung der internationalen Postbeziehungen.
(S. Postkongreß, Weltpostverein.) Die fortschrei-
tende Vervollkommnung des Postkurswesens (sah-
rende Posten, Vahnposten, schwimmende Post-
bureaus, Postdampferverbindungen j^s. Dampsschiff-
fahrt^, ambulante Stadtposterpeditionen, Rohr-
posten, Votenposten, Landbriefträgerposten) hat das
Netz der Postverbindungen mehr und mehr verdichtet
und den Verkehr in ungeahntem Maße gesteigert.
Über das P. in den übrigen größern europ.
Staaten s. die Abschnitte "Verkehrswesen" im Ar-
tikel Frankreich (Bd. 7, S. 70d), Großbritannien
und Irland (Bd. 8, S. 410 d fg.), Italien (Bd. 9,
S. 748), Österreich-Ungarische Monarchie (Bd. 12,
S. 720 d) u. s. w.