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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Preußen (Geschichte 1640-1815)

noch im letzten Augenblick abzuwenden. Erhebliche Verdienste dagegen erwarb sich Friedrich um die Beförderung der geistigen Bildung (s. Friedrich I., Bd. 7, S. 334 b). Einige kleinere Erwerbungen vergrößerten auch unter seiner Regierung das Staatsgebiet.

Die Regierung Friedrich Wilhelms I. (s. d., 1717-40) war für die innere Entwicklung des Staates von einschneidender Bedeutung. Unter ihm wurden die Hilfsmittel flüssig gemacht und die Kräfte angesammelt, die es Friedrich II. ermöglicht haben, P. zur europ. Großmacht zu erheben. Friedrich Wilhelm I. ist der eigentliche Schöpfer der preuß. Armee und des preuß. Offizierkorps. In der innern Verwaltung erhob Friedrich Wilhelm P. zu dem deutschen Musterstaat des 18. Jahrh. Das preuß. Beamtentum ist wesentlich durch ihn geschaffen worden. Dagegen wurden die Landstände, die früher den hauptsächlichsten Einfluß auf die Regierung ausgeübt hatten, von Friedrich Wilhelm I. gänzlich beiseite geschoben; er durchbrach die adlige Steuerfreiheit, schützte die Bauernschaft gegen den Ritterstand und beseitigte die Mißwirtschaft der städtischen Magistrate. Das preuß. Finanzwesen wurde von Friedrich Wilhelm vortrefflich geordnet und einer strengen Kontrolle unterstellt. Ostpreußen ward von gänzlicher Verwüstung wiederhergestellt, der Ackerbau und die Landeskultur auf alle Weise gefördert, viele Tausende von Kolonisten wurden in den dünn bevölkerten östl. Gebieten angesiedelt. Die Duldsamkeit gegen die verschiedenen christl. Konfessionen brachte es mit sich, daß auch unter Friedrich Wilhelm I. aus den verschiedensten deutschen und fremden Landen die in ihrem Glauben Bedrängten sich nach P. wandten und hier eine neue Heimat fanden. Auch Gewerbe und Handel wurden vom Könige eifrig unterstützt. Eine Hauptsorge bildete für ihn das Volksschulwesen, er suchte bereits die allgemeine Schulpflicht, soweit es anging, durchzuführen. Nach außen machte Friedrich Wilhelm I. nur in den ersten Jahren seiner Regierung einige Erwerbungen; 1713 ward Obergeldern, 1720 Vorpommern bis zur Peene nebst Stettin und den Inseln Usedom und Wollin gewonnen. Vergebens bemühte er sich in den letzten 15 Jahren seiner Regierung, durch engen Anschluß an den Kaiser die künftige Erwerbung von Berg für P. sicher zu stellen.

König Friedrich II. (s. d.), der Große (1740-86), erbte von dem Vater ein zwar räumlich getrenntes, aber durch einheitliche Verwaltung zu einem hohen Grade des Gemeingefühls entwickeltes Landesgebiet von ungefähr 121000 qkm mit etwa 3 1/4 Mill. E.; eine treffliche Armee, ein ausgezeichnetes Beamtentum, ein gefestigtes Finanzwesen und ein gefüllter Staatsschatz standen ihm zur Verfügung. Friedrich war entschlossen, dieses Erbteil des Vaters zu gebrauchen, um seinem Staate in Deutschland und in Europa das ihm gebührende Ansehen und eine führende Stellung zu verschaffen. Nach dem Tode Kaiser Karls VI. (30. Okt. 1740) machte Friedrich alte Rechte auf die schles. Fürstentümer Liegnitz, Brieg, Wohlau und Jägerndorf geltend und rückte, um für die ihm vorenthaltene jülich-bergische Herrschaft Entschädigung zu fordern, im Dez. 1740 in Schlesien ein (s. Schlesische Kriege), besetzte schnell fast die ganze Provinz, unterstützte, mit Frankreich verbündet, die Ansprüche des Kurfürsten Karl Albert von Bayern auf die österr. Erblande, verhalf ihm zur deutschen Kaiserkrone, und erhielt selbst im Frieden von Breslau (1742) die Provinz Schlesien nebst der Grafschaft Glatz. Da Friedrich durch die Fortschritte der österr. Waffen, durch die Eroberung Bayerns und den Abschluß des Wormser Vertrags sich bedroht glaubte, so trat er von neuem in Verbindung mit Frankreich und mit Kaiser Karl VII. und begann 1744 den Zweiten Schlesischen Krieg, den der Dresdener Friede (1745) beendete, durch den der Besitz Schlesiens dem Könige bestätigt wurde.

In dem folgenden Jahrzehnt war Friedrich bemüht, den Frieden zu erhalten und jeden Anlaß zu neuen Verwicklungen zu beseitigen. Da jedoch Österreich und besonders Rußland auf einen Krieg hindrängten, so mußte die Wehrkraft P.s noch erhöht werden. Die Mittel zur Erhaltung dieser großen Militärmacht suchte Friedrich in der Beförderung der Bodenkultur, der Gewerbe, des Handels, in der Entwicklung aller produktiven Thätigkeiten, die den Wohlstand des Landes und infolgedessen indirekt auch die Einkünfte des Staates vermehrten. Die Einnahmen stiegen nach der Erwerbung Schlesiens dank der ausgezeichneten Finanzverwaltung von 7 bis auf 11 Mill. Thlr. Im Herbst 1756 begann Friedrich einen neuen Krieg gegen Österreich, um dem geplanten Angriffe Rußlands und Österreichs zuvorzukommen. Sieben gefahrvolle Jahre hindurch (1756-63) führte er den ungleichen Kampf gegen eine Koalition, die fast das ganze europ. Festland umfaßte. Durch seinen heldenmütigen Widerstand erwarb er dem preuß. Staate die Anerkennung als Großmacht. (S. Siebenjähriger Krieg.) 1772 einigte er sich mit Katharina II. und Kaiser Joseph II. über eine Teilung Polens (s. d.) und stellte durch seine Erwerbungen die Verbindung her zwischen den beiden Kernländern Brandenburg und Ostpreußen.

Sogleich nach Abschluß des Hubertusburger Friedens (Febr. 1763) ließ es Friedrich seine erste Sorge sein, die schweren Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hatte. (S. Friedrich II., Bd. 7, S. 339.) In der Verwaltung und Behördenorganisation beschränkte sich der König vor dem Siebenjährigen Kriege auf einige Erweiterungen des Generaldirektoriums. Nach 1763 erschienen größere Umgestaltungen angebracht; die Zahl der Fachministerien ward vermehrt, die ganze Verwaltung der indirekten Steuern dem Generaldirektorium entzogen und einer besondern Behörde, der Accise- und Zolladministration, der sog. Regie, unterstellt. Im übrigen blieb die Verwaltung so bestehen, wie sie von Friedrich Wilhelm I. geordnet war. Dagegen erfolgten sehr einschneidende Neuerungen auf dem Gebiete des Justizwesens. Auch auf dem Gebiete des Kirchen- und Schulwesens sowie auf dem Gebiete geistiger Kultur erwarb sich König Friedrich sehr große Verdienste durch seine Toleranz, durch Anlegung von Volksschulen, durch eifrige Förderung von Kunst und Wissenschaft (s. Bd. 7, S. 340 a). Seinem Neffen Friedrich Wilhelm II. hinterließ der König ein Staatsgebiet von über 198000 qkm und 5½ Mill. E., ein Heer von 195000 Mann und einen Staatsschatz von über 50 Mill. Thlrn. Außer Schlesien und Westpreußen waren noch 1744 Ostfriesland und 1780 ein Teil der Grafschaft Mansfeld hinzugekommen.

Als Friedrich Wilhelm II. (s. d., 1786-97) den Thron bestieg, zeigten sich sofort die Gefahren, die in der centralisierten Kabinettsregierung lagen. Unfähig zu großen Reformen, selbst nicht arbeitslustig und nicht erfahren genug, um die Regierung zu leiten, überließ er die Entscheidung den Kabinettsräten oder den Günstlingen, die, wie Wöllner