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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Radom - Radowitz (Joseph Maria Ernst Christian Wilhelm von)
Graf Hugo Nadolinski (geb. 1. April 1841),
Majoratsherr der Grafschaft Iarotschin, als könig-
lich preuß. Ober-Kos- und Hansmarschall vom
Könige Friedrich III. 1888 unter dem Namen "von
N." in den nach dem Erstgeburtsrccht vererbenden
preuß. Fürstenstand erhoben. Unter Wilhelm II.
wurde er Obersttruchseß und 1892 deutscher Bot-
schafter in Konstantinopel.
Radom. 1) Gouvernement im südl. Teil von
Russisch-Polen, grenzt im W. an das Gouvernement
Kjelzy und Petrikau, im N. an Warschau und Sjed-
lez, im O. an Lublin, im S. an das österr. Kron-
land Galizien und hat 12352,2 hicm mit 777 070 E.,
d. i. 62,8 auf 1 qkm. Die Oberfläche ist im N. eben,
im S. gebirgig (Lysa Gora, die Höhenzüge von
Sandomir), im O. bewässert von der Weichsel, im
W. und NW. von der Piliza. Der vierte Teil der
Oberfläche ist mit Wald bedeckt, der Boden stellen-
weise sehr frucktbar. Die Bevölkerung besteht aus
Polen, dann Juden (109258), Deutschen (24033)
und Russen (2122). Hauptbeschäftigung ist Acker-
bau. N. hat gegen 250 Fabriken mit 6,5 MM.
Rubel Produktion, darunter 56 Eisenfabrikcn mit
3 Mill. Rubel Produktion, Zuckerfabriken, Ger-
bereien, Branntweinbrennereien, Handel mit land-
wirtschaftlichen Produkten und 227 kin Eisen-
bahnen. Es giebt 3 Mittelschulen für Knaben,
3 für Mädchen, 2 Special- und 175 niedere und
Elementarschulen. Das Gouvernement zerfällt in
sieben Kreise: R., Ilsha, Kosenizy, Konsk, Opatow,
Opotfchno und Sandomir. - 2) Kreis im nördl.
Teil des Gouvernements R., im Gebiet der Piliza
und Radomka, hat 2026,2 ykm und 109235 E. -
3) Hauptstadt des Gouvernements und Kreises N.,
an der zur Radomka gehenden Mletschna und an
der Eisenbahn Iwangorod-Dombrowa, Sitz des
Gouverneurs, hat (1894) 24038 E., 2 kath., 2 russ.,
1 evang. Kircke, 1 Synagoge, Knaben-, Mädchen-
gymnasium, Privatprogynlnasium, Sommertheater,
1 russ. und 1 poln. Zeitung, 2 Vuchdruckereien,
3 Buchhandlungen, Filiale der Rufsischen Reichs-
bank, Dampfmühle, 3 Brauereien und 4 Gerbereien.
-1656 siegten bei R. die Schweden über die Polen.
Am 23. Juni 1767 kam hier durch Nepnin die Kon-
föderation unter Fürst Karl Radziwill zum Schutz
der Dissidenten zu stände.
Radomysl. 1) Kreis im nördl. Teil des russ.
Gouvernements Kiew, im Gebiet des Dnjepr, Pri-
pet, Teterew, hat 9601 hkm, 262 438 E. (darunter
dis 20 Proz. Inden und Polen); Ackerbau, Wald-
industrie und Fischerei. - 2) Kreisstadt im Kreis
N., am Teterew, hat (1894) 7638 E. (über 53 Proz.
Juden), Post, Telegraph, 1 russ., 1 prot. Kirche,
1 Synagoge: Handel mit Getreide, Vieh und Holz.
Nadotieren (frz.), Ungereimtes reden, faseln;
Radotage (spr. -tahsch'), Geschwätz.
Nadolvenz, Dorf in der östcrr. Bezirkshaupt-
mannschaft und dem Gerichtsbezirk Trautenau in
Böhmen, hat (1890) 865, als Gemeinde 991 E. und
ist bekannt durch den versteinerten Wald, der aus
zahlreichen Araucaria-Stämmcn besteht, deren Holz
in Hornstein, Chalcedon und teilweise rötlichen
Kiesel verwandelt ist.
Radowitz, Joseph Maria Ernst Christian Wil-
helm von, preuß. General und Staatsmann, aus einer
ungarischen kath. Adelsfamilie, geb. 6. Febr. 1797 zu
Blankenburg am Harz, erhielt zu Paris und auf der
Artillerie- und Ingenieurschule zu Cassel seine militär.
Bildung und trat im Dez. 1812 als Offizier in die
westfül. Artillerie ein. Bei Leipzig verwundet und
gefangen, ging er nach Auflösung des Königreichs
Westfalen in den kurhess. Dienst über und machte
die Feldzüge in Frankreich mit. Nach dem Frieden
wurde er Lehrer der mathem. und Kriegswissen-
schaften bei der Kadettenanstalt zu Cassel. Seine
Parteinahme für die Kurfürstin in den Familien-
Händeln des Kurfürsten Wilhelm II. führte dazu,
daß er diese Stellung verlieh. Auf das Anerbieten
Friedrich Wilhelms III. von Preußen trat R. als
Hauptmann in den Großen Generalstab in preuß.
Dienste und wurde zum Lehrer des Prinzen Albrecht
ernannt. 1828 wurde er Major und 1830 Chef des
Generalstabes der Artillerie. Lebhaft beteiligte er
sich bei dem 1831 - 37 in Berlin erscheinenden
"Polit. Wochenblatt", dem Organ der feudal-
romantischen Politiker. Seine reiche und vielseitige
Bildung, seine geistvolle und eigentümliche Betrach-
tung der Dinge, seine polit. und religiöse Weltan-
schauung verschafften ihm die dauernde Frenndschaft
des Kronprinzen (Friedrich Wilhelm IV.). Auf das
Gerücht, daß er diesen zum Katholicismus verleiten
wolle, und aus Veranlassung von Reibungen auf
Militär. Gebiete, wurde R. 1836 als preuß. Mili-
tärbevollmächtigter zum Bundestage versetzt; 1839
wurde er Oberstlieutenant, 1840 Oberst. Friedrich
Wilhelm IV. sandte ihn im selben Jahre nach Wien,
damit er dort über die Reform der Bundeskriegs-
verfassung und des Bundes überhaupt unter-
handle. 1842 erfolgte feine Ernennung zum außer-
ordentlichen Gesandten bei den Höfen zu Karls-
ruhe, Darmstadt und Nassau und 1845 wurde er
Generalmajor. R. war der engste Vertraute der
polit. Bestrebungen Friedrich Wilhelms IV. Er
bestärkte namentlich dessen Pläne einer deutschen
Bundesreform und verfaßte in diesem Sinne eine
Denkschrift, die der König genehmigte und auf
Grund welcher N. Anfang März 1848 wieder in
Wien unterhandelte. Der Plan scheiterte an der
unmittelbar folgenden Märzbewegung, worauf R.
feinen Abschied aus preuß. Diensten nahm. Ein
geistvoller Ausdruck seiner damaligen polit. Ge-
danken sind die Schriften: "Deutschland und Fried-
rich Wilhelm IV." (Hamb. 1848) und "Gespräche
aus der Gegenwart über Staat und Kirche" (Stuttg.
1846'). In die Nationalversammlung von dem
Kreise Arnsberg gewählt, war R. dort der Führer
der äußersten Rechten und ihr glänzendster Redner.
Ende April 1849 wurde er nach Berlin berufen und
wurde Generallieutenant. Der Versuch, einen
engern Bundesstaat mit preuß. Führung jetzt zu
begründen, geschah unter seiner geistigen Leitung.
Er trat mit an die Spitze der provisorischen Bun-
desverwaltung (Herbst 1849), vertauschte aber diese
Stelle bald mit der Leitung der Ilmonsangelcgcn-
hciten, die er sowohl vor den preuß. Kammern als
vor dem (März 1850) nach Erfurt berufenen Parla-
ment vertrat. Am 26. Sept..1850 übernahm er das
Ministerium des Auswärtigen, trat aber, da seine
Vorschläge wegen kräftigen Vorgehens gegen Öster-
reich und sein Antrag auf Mobilmachung keine An-
nahme fanden, schon 2. Nov. wieder zurück. Er zog
sich im Jan. 1851 nach Erfurt zurück, fchrieb dort
feine "Neuen Gespräche aus der Gegenwart" (2 Bde.,
Erfurt und Lpz. 1851), die die Reorganisation
Deutschlands behandelten, wurde im Aug. 1852
zur Leitung der Militärbildungsanstalten berufen
und starb 25. Dez. 1853 in Berlin. Seine "Ge-
sammelten Schriften" erschienen in 5 Bünden (Berl.