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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Rom; Römisches Reich

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Rom und Römisches Reich (unter den Königen)

immer mehr. Eine bedeutende Einnahmequelle begann im 18. Jahrh. der Fremdenverkehr zu bilden. Die geistige Bewegung drang, besonders unter dem mildgesinnten aufklärungsfreundlichen Benedikt XIV. und dem Aufheber des Jesuitenordens Clemens XIV., auch nach R., aber das Hauptinteresse konzentrierte sich auf histor. und antiquarische Studien; die großen Museen verdanken ihre Gründung dieser Epoche (Kapitolinisches unter Benedikt XIV., 1742; Villa Albani, seit 1760; Vatikanisches Museum, Museo Pio Clementino, unter Clemens XIV. und Pius VI.).

Von Wichtigkeit war die Epoche der franz. Herrschaft, 1809-11, in welcher für Ordnung der Stadt, Einschränkung der Bettelei, Straßenbeleuchtung u. dgl. viel gethan wurde. Auch die Ausgrabungen, besonders auf dem Forum, im Kolosseum, auf dem Trajansforum, wurden, zum erstenmal in wirklich wissenschaftlicher Weise, unter Feas Leitung energisch gefördert; dafür mußte das Vatikanische Museum seine berühmtesten Kunstschütze nach Paris abgeben. Die Einwohnerzahl betrug damals gegen 130000.

Die nach der Rückkehr Pius' VII. 1814 erfolgte Reaktion lenkte völlig in die Bahnen des 17. Jahrh. ein; jede selbständige polit. Regung sollte unterdrückt, die geistige Thätigkeit auf Wissenschaft und Kunst beschränkt bleiben. Unter Leo XII. und Gregor XVI. gelang es auch, während überall in Italien revolutionäre Bewegungen fühlbar wurden, in R. die Ruhe äußerlich aufrecht zu erhalten, freilich mit Anwendung eiserner Strenge. Pius IX. wechselte in seinen ersten reformfreundlichen Jahren dieses System. Die Municipalverfassung wurde reorganisiert; aber die Revolution von 1848, welche R. für kurze Zeit zur Republik machte (Febr. bis Juli 1849), führte wiederum in die alten Bahnen zurück. Mit Hilfe franz. Truppen und einer aus geworbenen Soldaten bestehenden eigenen Armee behauptete der Papst die weltliche Herrschaft in der Stadt. Der Schutz Frankreichs war es auch namentlich, welcher 1859 eine Annexion R.s und seine Umwandlung zur Hauptstadt des neuen Italien verhinderte. Die Regierung Pius' IX. führte mancherlei Verbesserungen ein. Zu der unter Gregor XVI. gebauten Lokalbahn nach Frascati kamen Linien nach Civitavecchia, Orte (-Florenz) und Neapel; Telegraph und Gasbeleuchtung wurden eingeführt. Ausgrabungen wurden auf dem Forum (von Canina und P. Rosa), in den Kaiserpalästen (auf Kosten Napoleons III. unter Leitung P. Rosas), an der Via Appia (von Canina), im Hain der Arvalen (auf Kosten Wilhelms I. von Preußen, unter Leitung W. Henzens) gemacht. Die Ausgrabungen und Forschungen G. B. de Rossis über die Katakomben (s. d., seit 1853) sind epochemachend für die ersten Jahrhunderte der christl. Kirchen- und Kunstgeschichte.

Nachdem im Dez. 1866 die franz. Truppen aus R. zurückgezogen worden waren, versuchte Garibaldi die Stadt durch Handstreich zu nehmen, aber seine Expedition scheiterte durch das unglückliche Gefecht bei Mentana (3. Nov. 1867). Zum zweitenmal verließen die franz. Truppen die Stadt Aug. 1870, und nun rückte eine ital. Armee unter Cadorna gegen R. vor. Nur um die Thatsache der Gewalt zu beweisen, ließ der Papst die Stadt (durch 6000 Mann unter General Kanzler) verteidigen; nach kurzem Kampf zogen 20. Sept. 1870 die ital. Truppen durch eine neben Porta Pia in die Aureliansmauer gelegte Bresche in R. ein. Das Plebiscit vom 2. Okt. sprach die Vereinigung der Stadt mit dem Königreich Italien aus (von 167548 eingeschriebenen Wählern stimmten 135290, von diesen 133 681 mit Ja). Die große Tiberüberschwemmung, welche in den letzten Dezembertagen des J. 1870 die tiefer gelegenen Stadtteile verwüstete, wurde Anlaß zum ersten Besuche des Königs Victor Emanuel in R., welcher im Quirinal (31. Dez.) die Annahme des Plebiscits unterzeichnete.

Geschichte seit 1871 s. S. 939 b.

Litteratur. Zur Geschichte des mittelalterlichen R. vgl. Gregorovius, Geschichte der Stadt R. im Mittelalter (4. Aufl., 8 Bde., Stuttg. 1886-94); von Reumont, Geschichte der Stadt R. (3 Bde., Berl. 1867-70); Specialzeitschrift: das "Archivio della Società romana di storia patria", bis 1895 17 Bände (Rom 1878 fg.).

Rom und Römisches Reich (Geschichtlich; über Verfassungsverhältnisse, Gerichtswesen u. s. w. s. Römische Altertümer; über Kriegswesen s. Legion).

I. Rom unter den Königen. Die aus dem Altertum überlieferte Geschichte Roms weiß die Entstehung des röm. Staates mit Jahr und Tag zu bestimmen, wobei freilich das Jahr verschieden berechnet wird, und setzt die Gründung der Stadt selbst in Verbindung mit einer weit ausholenden Vorgeschichte. Sie läßt Rom 21. April, nach Varros Berechnung im 3. Jahre der 6. Olympiade = 753 v. Chr., von den Zwillingsbrüdern Romulus (s. d.) und Remus gegründet werden, setzt dabei Rom in Beziehung mit Albalonga, einer Stadt der Latiner im Albanergebirge, diese wieder mit Lavinium und endlich Lavinium selbst mit Troja: trojanische Einwanderer unter Äneas sollen sich mit den Ureinwohnern Latiums, den sog. Aborigines, vereinigt haben. (S. Lateiner.) Daneben berichten andere Überlieferungen von ältern, vor Romulus bestehenden Ansiedelungen auf röm. Boden durch die Götter Janus, Saturn, Faunus, den Arkader Evander. Dieser ganze Kreis von Erzählungen ist aber nicht nur in seinen rein sagenhaften Elementen, sondern auch da, wo er die Form geschichtlicher Thatsachen annimmt, zum größten Teil zu verwerfen. Er ist in der uns vorliegenden Fassung das Werk schriftstellerischer Erfindung und Komposition. Auch die neuere Forschung über röm. Geschichte sucht jedoch über Rom selbst hinauszugehen und seine Entstehung aus den Verhältnissen Latiums zu begreifen, aber in ganz anderer Weise. Sie sucht vor allem die röm. Nationalität festzustellen. Nach der Überlieferung war die Bevölkerung Roms von vornherein in drei Stämme (Tribus) eingeteilt, die Ramnes, Tities und Luceres, in denen man verschiedene Bevölkerungselemente, Latiner, Sabiner, Etrusker (oder wieder Latiner, die Bewohner des zerstörten Albalonga) zu erkennen glaubte, aber die neueste Forschung hat diese Überlieferung als recht jung (auf Varro zurückgehend) nachgewiesen und stark angefochten. Jene angeblichen Stämme begegnen zunächst nur als in ihrem Ursprung nicht mehr bestimmbare Abteilungen der röm. Ritterschaft. Die Römer sind wie ihre Sprache, wie die gute alte Überlieferung beweist, ihrem Hauptelement nach Latiner; wahrscheinlich ist im Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. eine neue Wohnstätten suchende Latinerschar nach der Stätte des spätern Roms vorgedrungen. Sie fand dort bereits, wie nach topogr. Gesichtspunkten und der mit diesen übereinstimmenden Überlieferung angenommen werden kann, auf dem Quirinal und dem Kapitol eine Niederlassung, die