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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Rüdesheim; Rüdiger; Rudimentäre Organe

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Rüdesheim - Rudimentäre Organe

R.

Rüdesheim, Kreisstadt im Rheingaukreis des preuß. Reg.-Bez. Wiesbaden, am Rhein, am Fuße des Niederwalds, zu dem die Niederwaldbahn führt, gegenüber von Bingen und Bingerbrück, mit denen es durch Dampffähre verbunden ist, an der Linie Frankfurt-Köln der Preuß. Staatsbahnen, Sitz des Landratsamtes und eines Amtsgerichts (Landgericht Wiesbaden), ist Dampferstation und hat (1890) 4240 E., darunter 705 Evangelische und 59 Israeliten, Postamt erster Klasse, Telegraph, kath. und evang. Kirche, einen Winterhafen; Schaumweinfabrikation, bedeutenden Weinbau und -Handel. Der Wein (Rüdesheimer) ist ein durch Fülle, Bouquet und Feuer ausgezeichneter Rheinwein, einer der besten des Rheingaus (s. d.). Der beste Wein wächst hier auf den Talkschieferfelsen und verwitterter Grauwacke des Niederwaldes. Die Weinpflanzungen nehmen 204,35 ha ein und geben jährlich ungefähr 7800 hl. Die besten Lagen sind der Rüdesheimer Berg stromabwärts, Rüdesheimer Hinterhaus, Rottland, Bischofsberg und Engerweg unmittelbar hinter der Stadt. Der Rüdesheimer Berg, die südl. Abdachung des Niederwaldes zwischen der Stadt und der 1210 erbauten und 1689 von den Franzosen zerstörten Burg Ehrenfels, ist die großartigste Weinberganlage im Rheingau und enthält an 100 ha. Dicht bei der Stadt die Brömser- oder Niederburg, die Stammburg der Ritter von R., sowie die Boosen- oder Oberburg (s. Tafel: Burgen I, Fig. 3), früher Eigentum der Grafen von Boos. Urkundlich wird R. schon 864 erwähnt. Es war Sitz des Geschlechts "von Rudesheim", das 1668 mit den "Brömsern" ausstarb. - Vgl. Schmelzeis, R. im Rheingau (Rüdesh. 1881).

Rüdiger von Bechelaren, eine der schönsten, ergreifendsten Gestalten des Nibelungenliedes (s. d.). Markgraf R. von Bechelaren (heute Pechlarn), im Dienste König Etzels von Hunnenland, wird von diesem nach Worms gesandt, um für ihn um Kriemhilds Hand zu werben. Er gelobt der neuen Herrin unbedingte Treue und geleitet sie in ihre neue Heimat. Als die Burgunden ihrer Einladung ins Hunnenland folgen, empfängt R., der von Kriemhilds schlimmer Absicht nichts ahnt, die Gäste freundlich auf seiner Burg, verlobt dem jüngsten Bruder Kriemhilds, Giselher, seine Tochter Dietlind und zieht mit ihnen an Etzels Hof. Als der Vernichtungskampf ausgebrochen ist, hält er sich fern, wird aber, da die meisten Hunnen gefallen sind, von Kriemhild an seinen Eid gemahnt, und muß, in furchtbarem Seelenkampfe dem Mannesworte getreu, das Schwert gegen die Freunde ziehen. Er fällt samt seinen Mannen; er und Gernot töten sich gegenseitig. Diese Idealgestalt milderer Gesittung und Gesinnung, die in der streng heroischen Umgebung der Nibelungensage zu Grunde geht, verrät schon durch ihren Charakter, daß sie einer jungem Sagenschicht angehört. Wahrscheinlich ist R. der Niederschlag histor. Verhältnisse, wie sie sich in der Ostmark entwickelten (ähnlich wie Gere und Eckewart); andere sehen in ihm eine Umbildung des getreuen Eckart aus der Harlungensage, eine wesentlich mythische Gestalt.

Rüdiger, Andr., Gegner der Philosophie von Chr. Wolf (s. d.), geb. 1. Nov. 1673 zu Rochlitz, bezog 1692 die Universität Halle, wo er in Thomasius einen Gönner fand. Nachdem er sich zunächst mit der Theologie und Philosophie beschäftigt hatte, ging er 1697 in Leipzig zur Jurisprudenz, bald darauf zur Medizin über und wirkte als praktischer Arzt und Professor der Philosophie in Halle und Leipzig. Er starb 1731 in Leipzig. Sein philos. Standpunkt ist gegenüber dem damals in Deutschland herrschenden Rationalismus ein entschiedener Empirismus. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: "Philosophia synthetica" (1707), "De sensu veri et falsi" (1709) und "Philosophia pragmatica" (1723). Großen Einfluß gewann R. auf die Philosophie des 18. Jahrh, durch seinen Schüler Crusius (s. d.).

Rudimentäre Organe, bei fast allen Tieren vorkommende Organe, die sich entweder nicht vollständig ausgebildet haben oder von einer frühern Entwicklung zurückgesunken und allmählich unbrauchbar geworden sind. Neuere Untersuchungen haben gelehrt, daß solche Organe, namentlich diejenigen der letztern Art, einen Fingerzeig für die Abstammung des Typus geben, bei dem sie vorkommen. So findet man in den Kiefern der Walfischembryonen Zahnkeime, die niemals zur Entwicklung kommen, sondern später durch die Fischbeinbarten ersetzt werden. Da nun die übrigen Waltiere, wie Delphine, Pottwale u. s. w., Zähne in den Kiefern tragen, so schließt man aus jenem Vorkommen von rudimentären Zähnen bei den Embryonen der Walfische mit Recht, daß diese von Voreltern abstammen, die mit Zähnen versehen waren. Ebenso schließt man aus den mangelhaft oder kaum ausgebildeten Augen der Höhlentiere, daß deren Voreltern vollkommene Augen hatten, die später infolge des Nichtgebrauchs beim Aufenthalt in dunkeln Höhlen rückgebildet wurden. Sehr häufig bleiben bei ausgebildeten Tieren Rudimente von Organen zurück, die im Jugend- oder Larvenzustand vollständig entwickelt waren, während bei andern gewisse Teile, wie Stacheln, Beine u. s. w., im Laufe der Entwicklung zwar angelegt oder angedeutet, aber nicht ausgebildet werden, obgleich dieselben bei benachbarten Arten vollständig zur Erscheinung kommen. Das Studium der R. O. ist deshalb für die Betrachtung der Entwicklung einzelner Tierstämme sehr wichtig.