Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

36

Russisch-Deutsch-Französischer Krieg von 1812 bis 1815

stand, entscheidenden Schlachten auszuweichen und sich in das Land hinein auf verschanzte Lager (Drissa) zurückzuziehen.

Am 24. Juni begann der Übergang der franz. Truppen über den Niemen. Ohne erheblichen Widerstand zu finden, rückte man am 28. in Wilna ein. Murat mit einem Teile der Kavallerie und drei Divisionen folgte der ersten russ. Westarmee auf ihrem Rückzüge nach der Düna; Davout brach gegen Minsk auf, um Bagration, den der König von Westfalen in der Front beschäftigen sollte, von der ersten russ. Westarmee abzuschneiden. Diese ging (13. Juli) in das Lager von Drissa zurück, sah sich aber bald genötigt, die Vereinigung mit Bagration weiter rückwärts bei Witebsk zu suchen. Napoleon setzte 16. Juli die Hauptarmee wieder in Bewegung, das 2. Korps (Oudinot) wurde gegen Wittgenstein entsendet und im August durch das 6. Korps (Gouvion Saint-Cyr, Bayern) verstärkt; das 7. (Reynier, Sachsen) war seit Anfang Juli nach dem rechten Flügel abgerückt, wo es sich mit Schwarzenberg vereinigte. Auf dem linken Flügel rückte Macdonald nach mehrern Gefechten zur Belagerung von Riga vor. Die Große Armee konnte die Russen auch bei Witebsk nicht zur Schlacht stellen, diese wichen auf Smolensk zurück, wo sich die beiden Westarmeen endlich (3. Aug.) unter Barclays Oberbefehl vereinigten. Im franz. Heere war Mangel ausgebrochen; Napoleon ließ daher, um den Truppen Erholung zu gönnen, Kantonierungen beziehen. Aber schon Anfang August begann er die Operationen wieder und versammelte bis 14. Aug. die Hauptarmee westlich von Smolensk (s. d.), das von den Russen 17. Aug. hartnäckig verteidigt und nur nach großem Verluste von den Franzosen besetzt wurde. Nachhutgefechte fanden 19. Aug. bei Walutina Gora und am Strajan statt, die aber die Russen nicht hinderten, ihren Rückzug auf der Moskauer Straße fortzusetzen.

Am 29. Aug. trat Kutusow an Barclays Stelle und beschloß, zur Rettung der Hauptstadt eine Schlacht anzunehmen. In einer durch Schanzen verstärkten Stellung bei Borodino, den rechten Flügel an die Moskwa (s. d.) gelehnt, erwartete er den Feind, der 7. Sept. die Schlacht begann. Von beiden Seiten wurde tapfer gekämpft; der Verlust betrug bei den Franzosen 28000, bei den Russen etwa 44000 Mann. Kutusow sah seinen Zweck verfehlt, trat in der Nacht den Rückzug an und gab Moskau preis, wo die Franzosen 14. Sept. einrückten. Die erwarteten Friedensanträge blieben indessen aus. Brandstiftungen in der Stadt mehrten sich von Tag zu Tag, bis sich die Flammen über ganz Moskau ergossen (s. Rostoptschin) und Napoleon zum Verlassen der Hauptstadt genötigt wurde. Endlich, nachdem er selbst vergeblich Frieden angeboten und vier Wochen verloren hatte, mußte der Rückzug angetreten werden (19. Okt.). Kutusow hatte eine Flankenstellung südlich genommen und dem König Murat 18. Okt. ein glückliches Gefecht geliefert, als er Meldung vom Aufbruch der Franzosen erhielt und ihnen die Rückzugslinie nach Kaluga verlegte. Durch das Treffen von Malojaroslawez (24. Okt.) wurde Napoleon wieder auf die verheerte Smolensker Straße gewiesen, wo seine Truppen zwar noch in den Gefechten, besonders ruhmvoll bei Wjasma 3. Nov., ihre Waffenehre behaupteten, aber durch Mangel, starke Verluste, strengen Frost und einreißende Unordnung in fürchterliches Elend gerieten. Als die Armee bei Studjanka die Beresina (s. d.) erreichte, bestand sie nur noch aus etwa 35000 Bewaffneten, die sich 28. Nov. gegen den heranrückenden Feind unter Wittgenstein und Tschitschagow glänzend schlugen und den weitern Rückzug erkämpften. Nun aber erfolgte die Auflösung auch dieses Restes der Hauptarmee, von der nur spärliche Trümmer, 1200 Mann bewaffnet, das übrige eine chaotische Masse von mehrern tausend Offizieren und Unteroffizieren, 14. Dez. über den Niemen zurückgingen und Königsberg erreichten.

Durch die Vernichtung der Hauptarmee wurde auch der Rückzug der Seitenkorps notwendig. Macdonald, mit den Preußen unter Yorck, hob die Belagerung von Riga auf und ging über den Niemen. Bei dem Rückzüge verlor Yorck die Verbindung mit den Franzosen und schloß 30. Dez. mit Diebitsch, Wittgensteins Generalquartiermeister, die sog. Konvention von Tauroggen, wonach das preuß. Korps, vorbehaltlich der Genehmigung des Königs, neutral bleiben, auf jeden Fall aber zwei Monate lang nicht gegen Rußland fechten sollte. Oudinot, der gegen Wittgenstein zweimal bei Polozk gekämpft und sich dann mit dem 9. Korps unter Victor hinter der Ula vereinigt hatte, sicherte die von der heranziehenden Moldauarmee unter Tschitschagow bedrohte Rückzugslinie Napoleons. Schwarzenberg, der, mit den Sachsen vereinigt, Tormassow durch das Treffen von Gorodeczna 31. Juli hinter den Styr geworfen und dann Waffenruhe gehabt hatte, zog sich vor der 50000 Mann starken Moldauarmee zurück. Die Russen teilten sich hier: Sacken blieb gegen die Österreicher und Sachsen stehen und löste seine Aufgabe, diese von der Großen Armee zu trennen; Tschitschagow marschierte gegen die Beresina, um Verbindung mit Wittgenstein zu suchen und die Franzosen von der Rückzugslinie abzuschneiden. Aber jene Verbindung glückte nicht. Tschitschagow, der schon Borissow besetzt hatte, wurde durch Oudinot geworfen, und so gelang es der franz. Armee, wenn auch unter den entsetzlichsten Umständen, über die Beresina zu entkommen. Am 3. Dez. erließ Napoleon sein 29. Bulletin, das zwar nicht die Wahrheit enthüllte, aber doch bestimmte Andeutungen vom Untergange der Armee machte. Dann (5. Dez.) übergab er den Heeresbefehl an Murat und eilte nach Paris voraus, wo er 19. Dez. eintraf. Die Russen bezogen bei Wilna Kantonierungen. Die Österreicher und Sachsen zogen sich nach ihren Grenzen zurück.

II. Der Krieg in Deutschland und Frankreich, auch Deutscher Befreiungskrieg oder Deutsche Freiheitskriege genannt. A. Der Krieg von 1813 in Deutschland. Das mutige Verfahren Yorcks gab in Preußen den Anstoß zur großartigen Erhebung für die Befreiung des Vaterlandes. Der König hatte sich, weil Berlin noch von den Franzosen besetzt war, 22. Jan. nach Breslau begeben und 3. Febr. 1813 zur Bildung freiwilliger Jägerabteilungen aufgefordert. Tausende aus allen Ständen eilten in höchster Begeisterung zu den Waffen; die größten Opfer wurden bereitwillig dem Vaterlande gebracht. Unterdessen hatte sich das russ. Heer, zu dem sich Kaiser Alexander persönlich begeben hatte, wieder in Bewegung gesetzt, dagegen das französische die Weichsel verlassen. König Murat hatte den Oberbefehl an den Vicekönig von Italien übergeben, und dieser führte das franz. Heer hinter die Elbe zurück und nahm sein Hauptquartier in Magdeburg. Am 16. März erfolgte, nachdem 28. Febr. zu Kalisch mit Rußland ein Bündnis ge-^[folgende Seite]