Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

70

Rußland (Bevölkerung)

1) Der arktische Landstrich im Norden des Polarkreises hat über acht Monate lang Winter, so daß das Meer von Ende September bis Mitte Juni mit Eis bedeckt ist. Der kurze Sommer vermag, obwohl die Sonne teils gar nicht, teils nur für kurze Zeit untergeht, nur eine dürftige Vegetation vom Tundracharakter (s. Tundra) zu erhalten. Die Zwergbirke ist häufig; Grünerlengesträuch wird erst im Bereich der nördlichsten Birken- und Nadelwälder häufig. Von Bodenkultur kann nicht die Rede sein. Die Tierwelt ist auf Renntiere, Eisbären, Füchse und anderes Pelzwild, auf Seehunde, Eidergänse, Strandvögel und Fische beschränkt, welche letztere die Nahrung der übrigen einheimischen Tiere, des Menschen und des ihn begleitenden Hundes bilden.

2) Die zweite (kalte) Vegetationszone breitet sich am Westabhang des Urals aus und umfaßt die Gouvernements Archangelsk, Wologda, Olonez bis zum Onegasee, Wjatka und Perm. Hier ist die Heimat der sibir. Nadelhölzer: sibir. Tanne, Zirbelkiefer, Lärche, Fichte zusammen mit Birke und nordischen Gesträuchen. Im Holzreichtum liegt hier der Wert des Landes. Der Winter dauert streng anhaltend 6-7 Monate, und das Gefrieren des Quecksilbers ist etwas Gewöhnliches. Je östlicher desto kälter. In Perm unter 58° nördl. Br. liegt der Schnee zu Ende November schon mannshoch. Die atmosphärischen Niederschläge sind mäßig und in östl. Richtung abnehmend. Gewitter kommen nicht selten vor, sind aber meist von kurzer Dauer. Die mittlere Jahreswärme für die ganze Zone kann man zu etwa 3° C. annehmen. Dies ist die nördlichste russ. Kulturzone für den Anbau von Gerste, Hafer und Roggen. Im Norden dürftig und unsicher im Erfolg, wird der Getreidebau gegen die Südgrenze hin umfangreich und ergiebig. Auch Kartoffeln und Flachs sind wichtige Kulturpflanzen. Neben Raubwild, den Bären, Vielfraß, Wölfen, Füchsen und Luchsen tritt schon das Edelwild auf, wie Elen, Rehe, wilde Schweine. Die Zucht der Haustiere beginnt gleichfalls und nimmt südwärts an Umfang zu.

3) Die dritte (gemäßigte) Vegetationszone reicht vom westl. Olonez einerseits bis Kurland und Polen, andererseits über Moskau bis Tambow und Kasan, allgemein bis zur Südgrenze der Kiefer und der Laubhölzer gegenüber den Steppenlandschaften. In ihr herrscht noch Wald, aber vom baltischen Charakter; ihr Winter hat durchschnittlich 10° Kälte als Januarmittel, dabei hat sie schon deutlich hervortretende Frühlings- und Herbstzeit, trockne und heiße Sommer, meist sehr beständige Witterung, ebenfalls vorherrschende Ost- und Westwinde, verhältnismäßig geringe Niederschläge, selten Gewitter, und bei einer mittlern Jahreswärme von etwa 5,5° C. eine reichere Flora und Fauna als die andern Zonen. Unter den Bäumen herrscht hier besonders die Linde vor, der echt mittelruss. Baum, dessen Juliblüte die Hauptweide für die häufig gehaltenen Bienen abgiebt. Auch liegt hier das vornehmste Gebiet des Ackerbaues, und zu den Getreidearten der nördl. Zone kommt noch der Weizen. Außerdem ist der Hanfbau von Bedeutung. Für die Obstkultur eignet sich dieser Landstrich schon mit Erfolg. Die Tiere des nördl. Landstrichs sind meistenteils auch über diesen mittlern verbreitet, unter den Raubtieren namentlich der Wolf. Unter den Wiederkäuern besitzt diese Zone noch eine sehr seltene Tierart in dem großen Urwalde von Bjelowjesh (s. Bjelowjesher Heide), den Auerochsen oder Wisent, welcher übrigens auch noch im Quellgebiet des Kuban im Kaukasus vorkommt; auch das Elentier findet sich hier sowie in den großen Wäldern Litauens, Livlands und Esthlands, überhaupt in der Waldregion des nördlichen R.s und in den großen Wäldern Sibiriens.

4) Die letzte Zone ist die der Grassteppen, ausgedehnt über das Unterlaufsgebiet der Wolga, des Don und Dnjepr, am letztern Flusse nur noch bis zum 50.° nördl. Br., und sich in Bessarabien bis zur Donaumündung vorschiebend. Die südl. Krim nimmt Teil an der Mittelmeerflora. Ein kalter stürmischer Winter wechselt hier mit einem heißen, stets längere Zeit über 20° C. im Monatsmittel haltenden und trocknen Sommer; der blumenreiche Frühling tritt rasch ein, überall blühen Tulpen und andere Zwiebelgewächse, Adonis vernalis L., Iris. Abgesehen von den traurigen Salzwüsten in der Provinz Astrachan und weiterhin am südl. Fuße des Urals ist das Land da, wo die schwarze Erde ("Tschernosem") den Boden bildet, einer reichen Getreidekultur fähig, und die Sommerhitze beschleunigt die Reife von Mais, Melonen u. s. w. Die Viehzucht ist die Hauptnahrungsquelle der meist asiat. nomadisierenden Bevölkerung. Neben den gewöhnlichen Haustieren tritt auch das Kamel auf. Charakteristisch für die Steppen sind die Saigaantilope, Jerboas und Schakale. (S. auch noch Europa, Sibirien, Krim, Kaukasus u. s. w.)

Bevölkerung. Eine Volkszählung im westeurop. Sinn soll in R. erst 1896 stattfinden. Bis dahin sind von Zeit zu Zeit amtliche Abschätzungen (Revisionen) vorgenommen worden. Solcher Revisionen liegen zehn vor: die erste (1722) ergab 14 Mill., die vierte (1782) 28 Mill., die siebente (1815) 45 Mill., die zehnte (1858) 74 Mill. E. Die Bevölkerung in den J. 1885 und 1894 betrug:

^[Leerzeile]

Gebiete Flächenraum qkm Bevölkerung 1885 1894 Einw. auf 1 qkm 1885 1894

Europ. Rußland (ohne Polen und Finland) 4926667,0 81725185 94650213 16,59 19,21

Polen 127318,9 7960304 9221218 62,76 72,43

Finland 373611,9 2176421 2460457 5,83 6,59

Kaukasien 472554,1 7284547 8596026 15,42 18,19

Sibirien 12518487,3 4313680 5066332 0,34 0,40

Centralasien 4011365,1 5327098 6355428 1,33 1,58

Russisches Reich: 22430004,3 108787235 126349674 4,85 5,63

^[Leerzeile]

Es ergiebt sich also 1894 gegen 1885 ein Zuwachs von 17562439 Seelen.

Die Dichtigkeit der Bevölkerung ist sehr verschieden: im allgemeinen kommen auf 1 qkm 5,63 E.; in dem mittlern, westl. und südwestl. Teil des Europäischen R.s ist die Dichtigkeit am stärksten und