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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1613-1762)

menen Dmitrij ausgab, 1605 mit poln. Hilfe verdrängt. Der falsche Dmitrij (s. Demetrius) wurde 1606 ermordet. Von den Bojaren wurde Fürst Wassilij Schujskij zum Zaren gewählt; er mußte in eine Beschränkung der zarischen Gewalt willigen und wurde, nachdem er im Bunde mit den Schweden von den Polen 1610 geschlagen worden war, in ein Kloster gesperrt. Nun folgte eine dreijährige Anarchie. Der Bojarenrat führte die Regierung und wählte Wladislaw, den Sohn König Sigismunds III. von Polen, zum Zaren, während trotzdem Sigismund, der ganz R. mit Polen zu vereinigen und die russ. Kirche unter den Papst zu bringen strebte, den Krieg an der Westgrenze fortsetzte. Ein Nationalaufstand unter Minin und Posharskij jagte die Polen 1612 aus dem Lande.

R. unter den Romanows. Darauf wählten die Russen den siebzehnjährigen Michael Feodorowitsch Romanow, dessen Familie durch Heirat mit dem Hause Rurik verwandt war, 1613 zum Zaren. Dieser stellte die alte Ordnung wieder her und sicherte das Reich nach außen, indem er mit Schweden den Frieden von Stolbowa 1617, mit Polen zunächst den Waffenstillstand von Deulino 1618 und endlich den Frieden von Wjasma 1634, unter Zurückgabe von Smolensk und Sjewerien, schloß. Noch mehr that sein Sohn Alexej Michajlowitsch (1645-76) zur Stärkung des Reichs. Ihm verdankt R. die Wiedererwerbung von Smolensk und Kleinrußland, die Anlegung verschiedener Manufakturen, der Eisen- und Kupferbergwerke, sowie die Herausgabe eines Gesetzbuchs (des sog. Uloženije). Auch wußte er den Stolz des Patriarchen Nikon, dessen Reformen das Schisma in der russ. Kirche hervorriefen, zu demütigen. Sein Sohn und Nachfolger, Feodor III. Alexejewitsch (1676-82), hob das Mestnitschestwo (s. d.) auf. Unter seiner Regierung kamen die Russen zum erstenmal in Krieg mit den Türken und kämpften 1677 und 1678 glücklich. Nach Feodors Tod wurde nicht dessen älterer, schwachsinniger Bruder Iwan, sondern der jüngere Stiefbruder Peter auf den Thron erhoben. Infolge eines Aufstandes, welcher von Iwans Schwester Sophia geleitet war, wurden jedoch beide Brüder als Zaren ausgerufen und während deren Minderjährigkeit Sophia die Regentschaft übertragen. Da aber diese die Herrschaft völlig an sich zu reißen suchte, so wurde sie von Peter gestürzt und 1689 in ein Kloster gebracht.

Peter I. (s. d.) d. Gr. (1689-1725) regierte seitdem allein, da ihm der unfähige Iwan V. (gest. 1696) die Verwaltung überließ. Das Russische Reich erstreckte sich damals von Archangelsk bis Asow, berührte aber weder das Schwarze Meer noch die Ostsee. Durch die Eroberung der Ostseeküste, die es in zwanzigjährigem Kampfe im Nordischen Kriege (s. d.) den Schweden entriß, stellte sich R. in die Reihe der europ. Seemächte; nach der Schlacht bei Poltawa (8. Juli 1709) war es die erste Macht des Nordens. Unter harten Bedingungen schloß Schweden den Frieden zu Nystad 10. Sept. 1721, worin es Livland, Esthland, Ingermanland, einen Teil von Finland und Karelien an R. abtrat. Die Verlegung der Residenz nach dem 1703 gegründeten Petersburg brachte R. in engere Verbindung mit dem Westen, die Reformen im Innern wandelten es in einen europ. Staat um. Peter nahm den Titel eines Kaisers aller Reußen an. Seine Entwürfe gegen die Pforte, Persien und Polen wurden teilweise von seinen Nachfolgern ausgeführt. Peters Gemahlin und Nachfolgerin Katharina I. (1725-27) regierte unter Menschikows Leitung. Unter ihrem Nachfolger, dem unmündigen Peter II. (1727-30), hatten die Dolgorukij, welche den Fürsten Menschikow stürzten, den größten Einfluß. Als Anna (1730-40), des Iwan Alexejewitsch Tochter, Peters d. Gr. Nichte und seit 1711 Witwe des Herzogs Friedrich von Kurland, den russ. Kaiserthron bestieg, versuchten die Dolgorukij mit Hilfe anderer Großen die kaiserl. Gewalt zu beschränken; doch dieser Versuch endigte mit ihrem Sturz und mit der Bildung eines Kabinetts, in dem Münnich, Ostermann und Viron die Hauptrolle spielten. In dem ausbrechenden Polnischen Thronfolgekrieg (s. d.) eroberte ein russ. Heer Danzig und der russ. Kandidat August III. von Sachsen bestieg den poln. Thron. So hatte sich R. seinen Einfluß auf Polen gesichert, und Biron, der Günstling der Kaiserin Anna, erhielt 1737 das Herzogtum Kurland als poln. Lehn. Unter Münnich ward hierauf der Krieg gegen die Türkei begonnen, Asow und Otschakow erstürmt, die Türken bei Stawutschane 1739 geschlagen und die Festung Chotin erobert. Diese Vorteile gingen zwar durch den von Österreich übereilt geschlossenen Frieden von Belgrad 1739, dem R. beitreten mußte, und in welchem es nur Asow behalten durfte, wieder verloren; allein R.s Überlegenheit war doch entschieden, sein Heerwesen vervollkommnet und das Ansehen seines Kabinetts bedeutend erhöht.

Auf Anna folgte ihr Großneffe, Iwan VI. (1740-41), Sohn der Prinzessin Anna von Braunschweig-Bevern, unter der Regentschaft seiner Mutter. Elisabeth, Peters d. Gr. jüngste Tochter, stürzte diese Regierung, schickte den zweijährigen Iwan in die Festung Schlüsselburg, seine Eltern nach Cholmogory, Münnich, Ostermann u. a. nach Sibirien und machte sich 6. Dez. 1741 zur Kaiserin (1741-62). Frankreich hatte während des Österreichischen Erbfolgekriegs Schweden zu einem Kriege gegen das zu Österreich neigende R. gereizt. Allein der Sieg bei Wilmanstrand 3. Sept. 1741 und die Eroberung Finlands führten den Frieden von Åbo 18. Aug. 1743 herbei, in welchem R. den größten Teil Finlands zurückgab, aber durch die Grenze des Kymmeneflusses Petersburg sicherte und durch die Nachfolgeakte des Prinzen Adolf Friedrich von Holstein-Gottorp R.s Einfluß auf Schweden befestigte. Herzog Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp (s. Oldenburger Haus) wurde von seiner Tante, der Kaiserin Elisabeth, 1742 als Peter III. zum Thronfolger im Russischen Reich erklärt. Als hierauf Lestocq, der frühere Günstling, vom Hofe entfernt war, und Bestushew allein die auswärtigen Angelegenheiten leitete, gewann Österreichs Partei so sehr das Übergewicht, daß Elisabeth 1747 ein Heer nach Deutschland gegen Frankreich abschickte und dadurch den Abschluß des Aachener Friedens beschleunigte. Noch enger verband sich R. 1756 mit Österreich gegen Preußen und nahm an dem Siebenjährigen Kriege Anteil. Die Siege bei Großjägerndorf und Kunersdorf zeigten, daß R.s Heere den Armeen des westl. Europa bereits widerstehen konnten. Unter der Regierung Elisabeths wurde der deutsche Einfluß von dem französischen verdrängt, in Moskau die erste Universität 1755, in Petersburg die Akademie der Künste 1758 gegründet.

R. unter dem Hause Romanow-Holstein-Gottorp. Mit Elisabeths Neffen Peter III. (5. Jan. bis 9. Juli 1762) gelangte das jetzt regierende Haus Holstein-Gottorp auf den Thron.