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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1855-81)

lungen (Jan. bis April 1853) lehnte Großbritannien diese Vorschläge ab. Inzwischen war jedoch die russ. Politik schon energisch vorgegangen. Am 28. Febr. 1853 erschien Fürst Menschikow als außerordentlicher Botschafter in Konstantinopel, wo er mit schroffer Rücksichtslosigkeit auftrat. Am 16. März übergab er eine Note, welche wegen der Heiligen Stätten Beschwerde führte und Garantien für die Rechte der griech. Kirche forderte. Als die Pforte, von England und Frankreich ermutigt, diese Forderung verweigerte, brach Menschikow die diplomat. Beziehungen ab, und der Zar verkündete, nachdem ein der Pforte gestelltes Ultimatum abgelehnt war, in einem Manifest vom 26. Juni, daß er seine Truppen in die Donaufürstentümer einrücken lasse, um für die Wiederherstellung der Rechte R.s und der griech. Kirche ein Pfand in Besitz zu nehmen.

In der Tat drang schon 2. Juli 1853 ein russ. Heer unter Fürst Michail Gortschakow in die Moldau und Walachei ein. Alle Vermittelungsversuche blieben erfolglos, und auch eine in Wien 21. Juli 1853 eröffnete Konferenz der Großmächte zog sich bis April 1854 hinaus, ohne eine Ausgleichung herbeizuführen. Inzwischen hatten seit Okt. 1853 die Feindseligkeiten zwischen R. und der Türkei begonnen, und 12. März 1854 traten auch die Westmächte in den Krieg gegen R. (den sog. Krimkrieg oder Orientkrieg, s. d.) ein, der nun große Dimensionen annahm. Im Sept. 1854 faßten die verbündeten Franzosen, Briten und Türken, denen sich später die Sardinier anschlossen, festen Fuß in der Krim und begannen die Belagerung von Sewastopol (s. d.). Mitten in diesen Schwierigkeiten starb Kaiser Nikolaus 2. März 1855. Sein Sohn und Nachfolger Alexander II. (1855-81) setzte den Krieg fort, da die abermaligen Friedenskonferenzen zu Wien März und April 1855 ohne Resultat blieben. Nach dem Fall Sewastopols (10. Sept. 1855) wurden unter Vermittelung Österreichs die Unterhandlungen aufgenommen und führten 30. März 1856 zum Abschluß des (dritten) Pariser Friedens (s. d.).

Der Orientkrieg hatte R. in den Zustand tiefster Erschöpfung versetzt, und so war es natürlich, daß die russ. Politik in den nächsten Jahren sich von jeder thatkräftigen Einmischung in die europ. Verwicklungen zurückhielt, dagegen aber im Orient eine lebhafte Thätigkeit entwickelte. Obwohl Persien, seitdem der brit.-pers. Krieg (1856-57) unter franz. Vermittelung beigelegt war, sich mit den Westmächten in engere Beziehungen setzte, wußte doch R. seinen Einfluß am Hofe von Teheran zu behaupten. Während des Krieges der Westmächte gegen China (1857-60) nahm R. eine vermittelnde Stellung ein und gewann auf diesem Wege große Vorteile. Durch die Verträge von Aigun 28. Mai 1858, von Tientsin 13. Juni 1858 und von Peking 14. Nov. 1860 wurde China dem russ. Handel eröffnet und zugleich ein großer Teil der Mandschurei, das sog. Amurland, an R. abgetreten. Auch ward 1863 eine ständige russ. Gesandtschaft in Peking errichtet. Durch den Handelsvertrag vom 26. Jan. 1855 wurde der Verkehr mit Japan eröffnet und durch den Vertrag vom 7. Mai 1875 die Insel Sachalin an R. abgetreten, das dafür die Kurilen an Japan überließ.

Im Kaukasus, wo 1856-61 Fürst Barjatinskij als Statthalter kommandierte, dauerte der Kampf gegen die unabhängigen Bergvölker (s. Kaukasische Kriege) ununterbrochen fort, und erst nach drei beschwerlichen Feldzügen kam es endlich zu einem entscheidenden Erfolge. Am 6. Sept. 1859 mußte Schamyl in seiner Bergfestung Gunib sich den Russen ergeben. Damit war die Unterwerfung des Kaukasus im ganzen und großen vollendet. In Mittelasien schritt R. unaufhaltsam vorwärts. (S. Russisch-Centralasien.) Der Chan von Chiwa hatte bereits 1854 den russ. Kaiser als seinen Oberherrn anerkannt. Aus weitern eroberten Ländern wurde 1867 die Provinz Turkestan mit der Hauptstadt Taschkend gebildet und 1876 die Provinz Ferghana. So verstärkte sich die Macht R.s in Mittelasien von Jahr zu Jahr zum Mißvergnügen Englands, welches bereits 1873 einen Notenwechsel hierüber eröffnete.

In der europ. Politik bewahrte R. nach wie vor eine maßvolle und reservierte Haltung. Nach dem Sturze des Königs Otto von Griechenland hatte R. mit den beiden andern Schutzmächten bei der Wiederbesetzung des griech. Throns (1862-63) mitzuwirken. Die Einladung Frankreichs zu einer diplomat. Intervention in dem Nordamerikanischen Bürgerkriege lehnte R. ab (Nov. 1862). Vielmehr wurden die alten Sympathien für die Vereinigten Staaten sorgsam gepflegt, und R. verkaufte im März 1867 seine Besitzungen im nordwestl. Nordamerika für 7 1/5 Mill. Doll. an die Vereinigten Staaten. Der poln. Aufstand gab Anlaß zu diplomat. Erörterungen. Nur Preußen stellte sich in dieser Schwierigkeit auf R.s Seite und schloß die geheime Konvention vom 8. Febr. 1863. Dagegen vereinigten sich Frankreich, Großbritannien und Österreich, auf Antrieb Napoleons III., und erließen 10. April wesentlich übereinstimmende Noten, worin sie unter Hinweis auf die Verträge von 1815 eine mildere Behandlung Polens befürworteten. Der russ. Staatskanzler Fürst Gortschakow antwortete darauf 26. bis 27. April, daß R. sich die Auslegung der Verträge selbst vorbehalten müsse. Bei den langwierigen diplomat. Differenzen wegen der schlesw.-holstein. Frage hatte R. bisher auf seiten Dänemarks gestanden. Als aber 1864 der Deutsch-Dänische Krieg ausbrach, begnügte es sich, diplomatisch zu vermitteln und an der fruchtlosen Londoner Konferenz teilzunehmen. Auch trat Alexander II. zu Kissingen 19. Juni 1864 die Erbansprüche auf Schleswig-Holstein, welche ihm als Haupt der Gottorpischen Linie des Oldenburger Hauses zustanden, an den Großherzog Peter von Oldenburg ab.

Schon seit 1864 war die russ. Regierung, wegen ihres Verfahrens gegen die kath. Kirche in Polen, mit der päpstl. Kurie in Streitigkeiten verwickelt. Bei der Neujahrscour 1866 kam es deshalb zu einer heftigen Scene zwischen Papst Pius IX. und dem russ. Geschäftsträger Freiherrn Felix von Meyendorff. Infolgedessen wurden 9. Febr. die diplomat. Beziehungen abgebrochen, und 13. März verließ Meyendorff die Stadt Rom. Darauf erklärte 4. Dez. 1866 ein kaiserl. Ukas das zwischen R. und dem Papst 15. Aug. 1847 abgeschlossene Konkordat für erloschen. Als im Sommer 1866 der Konflikt zwischen Preußen und Österreich zum Ausbruch kam, verharrte R. in einer neutralen, aber entschieden preußenfreundlichen Haltung. Mit besonderer Lebhaftigkeit nahm die russ. Diplomatie sich der aufständischen christl. Bevölkerung der Insel Kreta an und riet der Pforte, die Insel an Griechenland abzutreten, dessen König Georg I. 27. Okt. 1867 sich mit einer russ. Prinzessin vermählte. Aber England war dagegen, die Pariser Konferenz vom Jan. 1869