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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Savoyen
zur Arzneiwissenschaft bestimmt; doch das Vor-
bild des Thomas von Aquino bewog ihn, im Alter
von 23 I. in Bologna Dominikaner zu werden.
Das Aufsehen, das seine Talente nach anfäng-
lichem Mißerfolge hervorriefen, veranlaßte Lorenzo
de' Medici, seine Versetzung nach Florenz zu betrei-
ben. Er trat 1-189 ins Kloster von San Marco ein,
wurde 1491 dessen Prior und erlangte als solcher
durch seine hinreißenden Nedcn und seinen strengen
Wandel den größten Einfluß auf die Gemüter. In
propbctischcm Tone strafte er die unter Geistlichen
und Laien herrschende Sitteulosigkcit und wies auf
ein nahendes Gericht Gottes hin; er trat felbst ge-
gen seinen Beschützer Lorenzo auf, den er noch auf
dem Sterbebette zur Wiederherstellung der freien
Verfassung von Florenz zu bringen suchte. Nach
dessen Tode und der Vertreibung seines Sohnes
Piero 1-191 nahm S. den thätigsten Anteil an den
Staatsangelegenheiten, dasein Einfluß infolge des
Einfalls der Franzosen in Italien unter Karl VIII.,
der für die Verwirklichung seiner Prophezeiungen
angcscben wurde, plötzlich hoch gestiegen war. Er
stellte sich an die Spitze derjenigen, die eine Theo-
kratie mit Volksregierung wollten. Demgemäß wurde
die gesetzgebende Gewalt einem Vürgcrrat über-
geben, der ans seiner Mitte einen engern Ansschuß
erwählte. Mit dieser polit. Neugestaltung sollte nun
aber die innere Reformation, und zwar weniger eine
dogmatische als eine sittlich-religiöse, Hand in.Hand
gehen, und in kurzer Zeit gelang es S., meist nur
durch die Macht seines Wortes, aus dem leichtlebi-
gen Florenz eine ernste, sittenstreuge Stadt zumachen.
Allein auch das genügte seinem Feuereifer nicht; er
wollte von Florenz aus ganz Italien reformieren
und namentlich die Mißbranche des röm. Hofs ab-
stellen. In scharfer Weise trat er dem anstößigen
Lebenswandel Papst Alexanders VI., der ihm an-
fangs wohl gewollt und die Kardinalswürde ange-
boten hatte, entgegen und wurde infolgedessen erkom-
muniziert. Trotzdem stieg, nachdem bereits ein Mord-
versuch auf ihn gemacht worden war und die Gegen-
partei wieder das Nuder in Florenz in die Hände
vckommcn hatte, sein Einfluß noch einmal, als ein
Versuch der Mcdiceer 1198, sich wieder in den Besitz
der Macht zu setzen, mißlang. Aber die Vermengung
der Nollen eines polit. und religiösen Neformators
sowie die strengen Sittcuzuchtgesctze, die nach und
nacb unter seiner Leitung erlassen worden waren,
namentlich aber der Umschwung zu Ungunsten Frank-
reichs in Italien, infolgedessen Florenz allein stand,
untergruben S.s Ansehen und vergrößerten die Zahl
seiner Gegner im geistlichen wie im Laicnstande.
Ein zu Gunsten S.s von einem seiner Anhänger
angerufenes Gottesurteil, das nicht zu stände kam,
weil dieser nur mit der geweihten Hostie in der Hand
durch die Flammen schreiten wollte, gab den letzten
Anlaß zu seinem Sturz. Eine Versammlung von
Geistlichen hielt unter der Leitung zweier papstl.
Abgeordneten Gericht über ihn. Anfangs setzten die
Entschlossenheit und Beredsamkeit S.s seine Nichter
in Verlegenheit, aber auf Grund eines ihm mit der
Folter abgezwungenen Bekenntnisses, das er jedoch
widerrief, und mit Hilfe der Fälschung der Akten
gelang es endlich doch, das Wort Alexanders VI.:
"Dieser Mensch muß sterben, wenn er auch ein Jo-
hannes der Täufer wäre", zu verwirklichen. S.
wurde nebst zwei seiner Klostcrgenossen 23. Mai
1498 erst stranguliert und dann verbrannt; mit
seinem Tode sielen auch seine Neformversuche wie-
der zusammen. Doch gewann seine Partei, die ?iHn>
g'ioni ("Jammerthäler"), noch einmal nach dem
siieco äi I^oma in Florenz die Oberhand, um nach
dessen Bezwingung durch die Spanier 1530 dauernd
vom Schauplatz zurückzutreten. S.s Predigten
(Flor. 1196; neue Ausg. von Baccini, ebd. 1889)
sowie seine Auslegung des 31. und 51. Psalms, die
Luther 1523 wieder herausgab, sind tiefsinnig und
kräftig. Eine Sammlung feiner Werke, hauptsäch-
lich philos. und ascetischen Inbalts, erschien zu Lyon
(6 Bde., 1633-10); seine "Erwccklichen Schriften"
übersetzte Napp (Etuttg.1839); "Ausgewählte Pre-
digten" gab Leonhardi heraus (Lpz. 1891). Am
23. Mai 1875 wurde zu Fcrrara seine vom Bild-
hauer Galotti aus Bologna gefertigte Marmor-
statue enthüllt. Eine Kolossalstatue S.s vonPassaglio
befindet sich seit 1881 im Palazzo Pubblico zu Flo-
renz; Erinnerungen an ihn sind im Markuskloster.
Vgl. außer dem Hauptwerk über S.: Villari,
8tori^ äi 8. (2 Bde., 2. Aufl., Flor. 1887 -88;
deutsck von Verdufchek, 2 Bde., Lpz. 1868) sowie
nach ihm gearbeitet Clark, 8., liig lils anä tim^s
(Lond. 1878; 2. Aufl. 1890) und den biogr. Schriften
von Nudelbach (Hamb. 1835), F. K. Meier (Berl.
1836), Perrcns (deutsch von Schröder, Braunschw.
1858), Seibert (Barm. 1858) u. a. noch: Hase, Neue
Propheten (3. Aufl., Lpz. 1893); W. Lang, Trans-
alpinische Studien, Bd. 1 (ebd. 1875); Vöhringer, Die
Kirche Christi und ihre Zeugen, Bd. 21 (2. Ausg.,
Stuttg. 1879); Nanke, Histor. - biogr. Studien
("Sämtliche Werke", Bd. 40, 41, Lpz. 1877);
Gherardi, ^luovi äocumönti e ätvM inwrno a 8.
(Flor.1887); G. Baccini,?i'H 8., precliciie (cbd.1839).
Eine poet. Darstellung der Ideen und Schicksale
S.s gab Nikolaus Lenan.
Savoyen (frz. 8^voi6, ital. 8^vo^), ehemaliges
Herzogtum, später Bestandteil des Königreichs Sar-
dinien, gehört seit 1860 zu Frankreich und bildet die
Departements Savoie und Haute-Savoie.
Geschichte. Das schon im-1. Jahrh. v. Chr. von
Allobrogcrn (Kelten) bewohnte S. wurde 121 v. Chr.
von den Nömern unterworfen und zur(^11ia cisai-
pina (ti-anFMä^nk) geschlagen. Nach Zerstörung
des Vurgunderrcichs (137 n. Chr.) durch die Hun-
nen wandten sich die Überreste der Vurgundionen
nach Sapaudien und gründeten hier 413 ein Kö-
nigreich, das in nomineller Abhängigkeit von Nom
stand. (S. Burgund.) Nach dem Siege Chlodwigs
bei Antun (532) ging das Burgunderreich im Me-
rowingischcn Neich auf (53-1), blieb aber bei dessen
Teilungen unzerrissen. Erst die Teilungen des
Frankenreichs unter den Karolingern zerlegten auch
das Burgunderreich und bahnten die Trennung
Niedcrburgunds unter Voso von der Provence (879)
und Hochburgunds, welches S. einbcgriff, unter dem
Welsen Nudo'lf I. (880) an^ Wieder vereinigt wurde
Burgund durch Nudolf II. 933; an das Deutsche
Ncicb brachte es aber erst Konrad II., welcher das im
12. Jahrh. Königreich Arelat (s. d.) genannte Land
nach Nudolfs lll., feines Oheims, Tode 1033 dauernd
gewann. Als Begründer desHause s S. gilt Hum -
bert I. Wcißhand (1003-56), welcher wahrschein-
lich ein Verwandter der Gattin Nudolfs III. ist. Sein
Sohn Odone (gest. 1060) gewann zu seinen dies-
scit der Alpen liegenden Gebieten die Grafschaft
Turin und das südl. Piemont durch Heirat (1015).
König Heinrich IV. ernannte 1101 die Eavoyer zu
Reichsgrafcn von S., was Heinrich V. 1111 bestä-
tigte. Der kraftvolle Tommaso I. (1189-1232)