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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Schiller

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Schiller (Joh. Christoph Friedrich von)

mysteriösen Gestalten wie Cagliostro, seiner gruselnden Bewunderung für die geheimnisvolle Macht der Jesuiten entgegen kam, erreichte durch seine spannende Anlage einen Erfolg, der S. selbst überraschte. Die Prosascenen des dramat. Fragments "Der (versöhnte) Menschenfeind" entsprangen der lichtern Anschauung des Menschen, zu der S. durch Körners Freundschaft gelangt war. Das Hauptstück der "Thalia" waren die dritthalb Akte des "Don Carlos", der schon in Bauerbach geplant, jetzt langsam, stückweise, in sehr breiter Ausführung, zu erscheinen begann; die Buchausgaben (1787 und 1801) haben einen erheblich gekürzten Text. In den hinreißenden Jamben des "Don Carlos" macht der stürmende Naturalismus der Jugenddramen dem ideal schwungvollen Pathos des gereiften Dichters Platz. Anfangs auf Grund einer histor. Novelle von Saint-Real als Familientragödie gedacht, wuchs sich das Drama, unter dem Einfluß von Lessings "Nathan", zu einer Freiheitstragödie großen Stils aus; den Titelhelden verdrängt der begeisterte Vorkämpfer der Gedankenfreiheit, Marquis Posa, von dem ersten Platze in der Sympathie des Dichters (vgl. Elster, Zur Entstehungsgeschichte des Don Carlos, Halle 1888). Das Stück lag diesem so am Herzen, daß er 1788 erläuternde "Briefe über Don Carlos" folgen ließ.

Damals hatte S. Dresden schon verlassen. Im Juli 1787 war er nach Weimar gezogen. Goethe war in Italien, Wieland kam S. freundlich entgegen und eröffnete ihm den "Teutschen Merkur"; Charlotte von Kalb kokettierte mit ihrer alten Liebe weiter; eine Rolle spielte S. in dieser Gesellschaft nicht. Dringender verlangte es ihn nach gesicherter und anerkannter Stellung, zumal seit er in Volkstädt und Rudolstadt, wo er Sommer und Herbst 1788 zubrachte, eine erwiderte Neigung zu der sanften Charlotte von Lengefeld (geb. 22. Nov. 1766 in Rudolstadt; gest. 9. Juli 1826, fast erblindet, in Bonn; vgl. Fulda, Leben Charlottens von S., Berl. 1878) gefaßt hatte. So griff er zu, als ihm nicht ohne Goethes Zuthun eine zunächst unbesoldete außerordentliche Professur der Philosophie und Geschichte in Jena angeboten wurde; im Febr. 1790 konnte der neugebackene meining. Hofrat, von Karl August mit kleinem Gehalt versehen, die Geliebte heimführen. Neben Familienglück und Lehrfreuden brachte ihm Jena auch wertvollen Verkehr: so mit dem Kantianer Reinhold, mit Fichte, später mit dem jungen, ihm durch ästhetische Strenge sehr sympathischen Wilh. von Humboldt. (Vgl. Litzmann, S. in Jena, Jena 1889.)

S. verdankte die Berufung einem Geschichtswerke, das noch in den Vorstudien zum "Don Carlos" wurzelte, der "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande" (Lpz. 1788). Ohne je zu ernsthafter Quellenforschung durchzudringen, hat S. hier und öfter das historisch Wahre mit genialem Instinkt herausgefühlt. Er betrachtete sich als philos. Universalhistoriker und blieb als solcher nicht ohne starke Lehrerfolge. Er wußte durch seine histor. Essays weite Kreise für geschichtliche Fragen zu interessieren. Am meisten gewann er selbst; das Geschichtsstudium lehrte ihn Verständnis für das historisch Gewordene als historisch Notwendiges. Wenn er Niethammers Übersetzung von Vertots "Geschichte des Malteserordens" einleitete, wenn er eine "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" (Lpz. 1791-92) schrieb, so kam das seiner Poesie (dem Malteserfragment, dem "Wallenstein") unmittelbar zu gute, obgleich sie zeitweilig hinter den Anforderungen der Professur zurücktreten mußte.

S. vergaß die Poesie freilich nicht. Epische Pläne (Gustav Adolf, Friedrich d. Gr.) tauchten auf. Vor allem aber erschloß sich S. die Antike; auch das war eine Vorbereitung auf Goethe, dem freilich der revolutionäre Ton der "Götter Griechenlands" (März 1788) fremdartig sein mußte. Wie sie, feiert auch das herrliche, nur allzu ideenüppige Lehrgedicht "Die Künstler" (März 1789) den Wert der Kunst für die Kulturentwicklung der Menschheit, die Einheit von Wahrheit und Schönheit (vgl. Grosse, Die Künstler von S., erklärt, Berl. 1890). Sie führen zu S.s ästhetischen Überzeugungen, die namentlich das durch den Jenaer Philosophen Reinhold beförderte Studium Kants zur Reife brachte. Aber Kants Widerspruch zwischen Pflicht und Neigung will S. überwinden durch die Harmonie der Schönheit, in der Materie und Geist, Sinnlichkeit und Sittlichkeit eins werden. Er definiert die Schönheit als "Freiheit in der Erscheinung". Tiefe und wissenschaftlich sehr fruchtbare Gedanken, die er in leuchtender Sprache und klarer Anschauung, wenn auch ohne philos. Begriffsschärfe durchführte (so besonders "Über Anmut und Würde", 1793, "Vom Erhabenen", 1793, "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen", 1795, ursprünglich an den Herzog von Augustenburg gerichtet, in der alten Fassung hg. von Michelsen, Berl. 1876; über eine größtenteils verlorene Schrift vgl. Michaelis, Über S.s Kallias, ebd. 1882). Verwirklicht fand er diese Ideale am meisten bei den Griechen. Im Gegensatz zu seiner eigenen modernen, sentimentalischen Kunst feiert er die Kunst der Hellenen als naiv. Aber als er in der Abhandlung "über naive und sentimentalische Dichtung" (1795) diese naive Kunst, sich selbst unterordnend, pries, da schwebte ihm mehr noch als Homer Goethe, der naive Dichter der Gegenwart, vor.

Der ideale Flug des Geistes war S. um so mehr Bedürfnis, je schwerer sein Körper litt. Eine lebensgefährliche Brustkrankheit 1791 nötigte ihn zu sorgfältiger Schonung, die ihm durch ein reiches Geschenk des Herzogs Christ. Friedr. von Augustenburg und des Grafen Schimmelmann erleichtert ward. Eine zehnmonatige Erholungsreise in die Heimat zu den Eltern 1793/94 gab ihm Gelegenheit, mit dem großen Verleger J. G. Cotta anzuknüpfen. Zwar die Leitung einer polit. Zeitung lehnte S. ab; aber die belletristische Zeitschrift, die "Horen", verabredete der Unermüdliche, dem im lebhaftesten litterar. Getriebe am wohlsten war.

Die "Horen" führten S. zur Anknüpfung mit Goethe, den er zur Mitarbeit gewinnen mußte. Goethe hatte bisher den Jenaer Professor, der einst die ihm antipathischen "Räuber" geschrieben, der noch jüngst seinen "Egmont" verständnislos beurteilt hatte, wohlwollend, aber mit kühler Herablassung behandelt. Doch S.s Wandlung entging ihm nicht. Die Liebe zu den Griechen, der Ernst der Kunstauffassung, das unermüdliche Streben des Gereiften machten Eindruck auf ihn. S.s Brief vom 23. Aug. 1794 bewies Goethe, daß der Jenaer Nachbar ihn besser begriff und würdigte als irgend ein anderer. Die Freundschaft Goethes und S.s war ein hohes Glück für beide. Der Briefwechsel der großen Dichter ist eine unerschöpfliche geistige Fundgrube, das Denkmal eines Bundes ohnegleichen.

Zunächst kamen für S. Jahre der Gedankenlyrik (vgl. Philippi, S.s lyrische Gedankendichtung,