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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Schulze-Gävernitz - Schumacher (Heinr. Christian)
auf der Basis wirtschaftlicher Selbsthilfe wieder auf-
natnn. Unter seinem Einfluß entstanden zunächst in
Delitzsch, Eilenburg, Halle, Vitterfeld und im König-
reich Sachsen Genossenschaften zur billigern Beschaf-
fung von Rohstoffen und Halbfabrikaten, Lebens-
und Genußmittelu, ferner sog. Volksbanken, die aus
kleinen Einzahlnngen und fortgesetzten Spareinlagen
der Teilhaber sowie aus empfangenen Darlehnen
Geldvorschüsse gegen etwas höhere Zinsen gewährten
und den Nntzen dem Gnthaben der Mitglieder zu-
wachsen ließen. (S. Vorschuß- und Kreditvereine.)
Durch zahlreiche populäre Schriften wirkte S. zu-
gleich für die Ausbreitung seines wirtschaftlichen
Princips und trat namentlich der stürmischen Pro-
paganda Lassalles für Prodnktivgenosfenfchaftcn mit
Staatshilfe entgegen. Auf dein ersten Vercinstage
deutscher Vorfchnßvercine, welcher vom 14. bis
16. Inni 1859 in Weimar abgehalten wurde, über-
trug man S. die Stellung eines "Anwalts" des
Genossenschaftswesens, welche er bis zu seinem Tode
bekleidete. Seit 1859 beteiligte er sich auch wieder
an polit. Angelegenheiten; er wirkte mit an der
Stiftung des Nationalvereins und nahm 1861 ein
Mandat für Berlin znm preuß. Abgeordnetenhaufe
an, wo er, ebenso wie im Reichstage (1867-74 für
Berlin, seit 1874 für Wiesbaden), der Fortschritts-
partei angehörte. Er starb 29. April 1883 zu Pots-
dam. In Delitzsch wurde ihm 1891 ein Denkmal
errichtet. Von seinen zahlreichen Schriften feien ge-
nannt: "Asfociationsbnch für deutsche Handwerker
und Arbeiter" (Lpz. 1853), "Vorschuß- und Kredit-
vereine als Volksbanken" (5. Anfl., ebd. 1876),
"Jahresbericht über die deutschen Erwerbs- und
Wirtschaftsgenofsenschaften" (ebd. 1859-82), "Die
Gesetzgebung über Erwerbs- und Wirtschaftsge-
nossenschaften" (Berl. 1869), "Neue vollständige
Anweisung für Vorfchuß- und Kreditvcrcine" (Lpz.
1870). - Vgl. Bernstein, S.s Leben und Wirken
(Berl. 1879).
Schulze-Gävernitz, Zerm. Joh. Friedr. von,
Staatsrechtslehrer, Sohn von Friedr. Gottlob
Schulze (s. d.), geb. 23. Sept. 1824 zu Jena, studierte
daselbst und in Leipzig, habilitierte sich 1848 in Jena,
wurde hier 1850 ausierord. Professor, 1857 ord. Pro-
fessor der Rechte in Brcslau. 1869 wurde er zum
lebenslänglichen Mitglied des preuh. Herrenhauses
und zum Kronsyndikus ernannt. 1878 folgte er
einem Rufe als ord. Professor des Staatsrechts nach
Heidelberg. Er starb daselbst 28. Okt. 1888, nachdem
er kurz vorher in den erblichen Adclsstand erhoben
war. S.' akademische wie littcrar. Thätigkeit war
vorzugsweise dem öffentlichen Recht gewidmet.
Seine wichtigsten Schriften sind: "Das Recht der
Erstgeburt in den deutschen Fürstenhäusern" (Lpz.
1851), "Die staatsrechtliche Stellung des Fürsten-
tums Neuenburg" (Jena 1854), "Neucnburg. Eine
geschichtlich-staatsrechtliche Skizze" (Berl. 1856;
3. Aufl. 1857), "Die Hausgesetze der regierenden
deutschen Fürstenhäuser" (Bd. 1 - 3, Jena 1862
-82), "System des deutschen Staatsrechts" (Vd.1:
"Einleitung in das deutsche Staatsrecht", Lpz. 1865),
"Die Friedensbestimmungen in ihrem Verhältnis
zur Neugestaltung Deutschlands" (ebd. 1867), "Ein-
leitung in das deutsche Staatsrecht mit besonderer
Berücksichtigung der Krisis des 1.1866 und der Grün-
dung des Norddeutschen Bundes" (ebd. 1867), "Die
Krisis des deutschen Staatsrechts im 1.1866" (ebd.
1867), "Das prenh. Staatsrecht auf Grundlage des
deutschen Staatsrcchts" (2 Bde. in 5 Abteil., ebd.
1870 -77; 2. Aufl. 1888 -90), "Das Erb- und
Familienrecht der deutschen Dynastien des Mittel-
alters" (Halle 1871), "Aus der Praxis des deutschen
Staats- und Privatrechts" (Lpz. 1876), "Lehrbuch
des deutschen Staatsrechts" (2 Bde., ebd. 1881-86).
Anßerdcm erschienen von ihm "Nationalökonomische
Bilder aus Englands Volksleben" (Jena 1853), sowie
eineViographie von Rob. von Mohl(Heidelb. 1886).
Schulzengut, s. Dorfsystem.
Schulzenlehn, Lehn, dessen Gegenstand das
Recht der Amtsführung als Schulze oder ein
Grundstück ist, welchem das Recht und die Pflicht
zur Amtsübung anhaftet. (S. Schulze.)
Schulzimmer, s. Schulhygieine.
Schulzucht, Schuldisciplin, die Gesamt-
heit der Maßregeln und Einrichtungen, wodurch die
Ordnung der Schule aufrecht erhalten und die Er-
reichung des Unterrichtszwcckes gesichert wird. Von
wesentlichstem Einflüsse auf die S. ist die Persön-
lichkeit des Lehrers, die sich sowohl in der sittlichen
Einwirkung wie im Unterricht geltend macht. Außer-
dem ist die Feststellung einer bestimmten Schul-
ordnung znr Regelung des äußerlichen Verhaltens
nötig, mag sie niedergeschrieben sein oder nur auf
Herkommen beruhen.
Schulzwang, Schulpflicht, die auf gesetzlichen
Bestimmungen bernhcnde Verbindlichkeit der Eltern,
ihre Kinder, falls sie denselben nicht im Hause ent-
sprechenden Unterricht erteilen lassen, eine bestimmte
Reihe von Jahren (meist vom 6. bis 14. Lebensjahr)
in eine vom Staate anerkannte öffentliche oder Pri-
vatschulc zu schicken. Gesetzliche Bestimmungen hier-
über sind zuerst in Norddentschland seit Ende des
17. Jahrh, erlassen, z. V. für Ostpreußen durch die
i'rinciinH regulativ". Friedrich Wilhelms I. (1737),
für ganz Preußen durch das Generallandschulrecht
Friedrichs II. von 1763. Gegenwärtig sind der-
gleichen für alle deutfche Staaten in den betreffen-
den Schulgesetzen oder in besondern Verordnungen
vorhanden; ebenso für Österreich und Skandinavien.
Frankreich hat seit 1882 den allgemeinen S. einge-
führt. In England ist die Einführung desselben den
einzelnen Gemeinden, in Nordamerika den einzelnen
Staaten überlassen, die nur im Falle der Einführung
staatliche Zuschüsse erhalten; in Belgien, den Nieder-
landen, in Italien u. s. w. sind mit dem Schulbesuch
gewisse Vorteile verknüpft. Wo der allgemeine S.
besteht, muß auch der Schulbesuch überwacht wer-
den. Zu diesem Zwecke sind von den polizeilichen
Behörden am Beginne des Schnljahres Listen der
schulpflichtig werdenden und im Laufe desselben der
zuziehenden schulpflichtigen Kinder für die Schul-
behörden anzufertigen; in den Schulen aber sind
für alle Klassen Versäumnislistcn zu führen, welche
die Ortsschulinspektion und meist auch der Vczirks-
schulinspektor kontrollieren und auf Grund deren
ungerechtfertigte Versäumnisse bestraft werden. Kin-
der, welä)e privatim unterrichtet werden, haben in
einzelnen Ländern (z. B. in Österreich) jeweils vor
der Behörde eine Prüfung abzulegen.
Ho/tn/^., hinter lat. Pflanzennamen Abkürzung
für Christian Friedrich Schnmacher, geb.
15. Nov. 1757 in Glückstadt, gest. 9. Dez. 1830 als
Professor in Kopenhagen.
Schumacher, Heinr. Christian, Astronom, geb.
3. Sept. 1780 zu Vramstcot in Holstein, studierte
in Kiel, Jena, Kopenhagen und Gottingen erst Jura,
dann Mathematik und Astronomie, habilitierte sich
1805 als Jurist in Dorpat, lebte 1807-10 in Al-