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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Seele (technisch) - Seelenwanderung
.gleichwertig gebraucht. - Vgl. Fechner, über die
Seelenfrage (Lpz. 1861); Kühn, Die Vorstellungen
von S. und Geist in der Geschichte der Kulturvölker
.(Berl. 1873) ; Witte, Das Wesen der S. (tzalle 1888);
Flügel, Die Seelenfrage (2. Aufl., Cöthen 1890);
Fr. "Schultze, Vergleichende Seelenkunde (2 Bde.,
Lpz. 1892); Wundt, Vorlesungen über die Menfchen-
und Tiersecle (2. Aufl., Stuttg. 1893).
Seele, die Höblung der Feuerwaffen (s. Lauf)
und Raketen (s.d.); über die S. bei Streichinstru-
inenten s. Stimme; über die Federseele s. Federn;
über die S. des Kabels s. d. (Bd. 10, S. 3d).
Seelenachse, s. Lauf.
Seelenbäder, s. Bad (Bd. 2, S. 251 d).
Seelenblindheit, ein durch Zerstörung gewisser
Gehirnpartien hervorgerufener Zustand, bei dem der
Patient die Gesichtsvorstellungen, d. h. die Erinne-
rungsbilder der frühern Gesichtswahrnehmungen,
"verloren hat, so daß er das, was er sieht, nicht
kennt und erkennt.
Seelenfall, s. Erbsünde.
Seelenheilkunde, s. Psychiatrie.
Seelenkult, die Verehrung und die Pflege der
Verstorbenen. Der S. entwickelt sich durchaus im
Anschluß an die bei den verschiedensten Völkern herr-
schenden Anschauungen in Bezug auf das Fortleben
und Fortwirken der vom Leibe getrennten Seelen nach
dem Tode. Selbst bei den uncivilisiertcsten Völkern
findet man tief eingewurzelt den Begriff einer Geister-
seele, die, so lange sie im Leibe weilt, das Leben des
Menschen bedingt, im Tode aber sich vom Leibe
trennt und alsdann in eigentümlicher, bisweilen
wohlthätigen, gewöhnlich aber schädlichen Weise
fortwirkt, indem sie bald in andere Lebewesen (Tiere
oder Menschen), bald in leblose Dinge übergebt oder
sich auch in durchaus geister- oder gesvensterhafter
Weise, namentlich in Träumen oder Visionen, offen-
bart. Da das Atmen als hauptsächlichstes Sym-
ptom des animalischen Lebens erschien, so dachte
man sich dem entsprechend die Seele igrch. p^clie;
lat. Niiima, Hauch) als hauchartig und betrachtete
als deren Sitz bald das Blut, bald das Herz, bis-
weilen auch andere Leibesorgane. Der häufige Ver-
gleich der Seele mit einem Schatten beruht wohl
auf der Erfahrung, daß Verstorbene den Träumen-
den oder Visionären als gespenstische Schatten er-
scheinen. Weil nun die so gearteten Seelen ge-
wissermaßen als Dämonen angesehen wurden, die
befähigt waren, den Lebenden zu nützen oder zu
schaden, so pflegte man sie ähnlich wie die eigent-
lichen Götter durch einen Kult (Opfer, Spenden,
Ritus) zu verehren. Erst in neuerer Zeit ist der E.
von der religionsgeschichtlichen und mytholog. For-
schung gebührend gewürdigt worden, zuerst von
Tylor (Die Anfänge der Kultur, übersetzt von
Spengel und Poske, 2 Bde., Lpz. 1873), sodann
von Lippert (Der S., Verl. 1881, und Die Reli-
gionen der europ. Kulturvoller, ebd. 1881), der aber
die einschlägigen Fragen nur vom ethnogr. Stand-
punkte aus behandelt und viel zu weit geht, wenn
er den gesamten Götterkult und Götterglauben aus
dem S. herleiten will (vgl. O. Gruppe, Die griech.
Kulte und Mythen, Bd. 1, Lpz. 1887). Mit voller
Beherrschung des gesamten philol. und archäol. Mate-
rials und mit wissenschaftlicher Kritik den S. der
Griechen dargestellt zuhaben, ist das Verdienst
E. Rohdes in seinem grundlegenden Werke "Psyche"
Ereib. i. Vr. 1894; vgl. auch denselben irn "Rhein.
Museum", 1895). Er hat erwiesen, daß Homer zu
dem alten Eeelenglauben in schroffem Gegensatze
steht, indem er die einst so machtvollen Seelen zu
wesenlosen Schatten degradiert, daß sich aber zahl-
reiche Spuren des alten, bis zu furchtbarer Erhaben-
beit gesteigerten Seelenglaubens noch in zahlreichen
Bräuchen und Mythen (von den Erinnyen, Keren,
Heroen u. s. w.) erbalten haben.
Seelenlehre, s. Psychologie.
Seelenmesse, s. Messe (kirchlich).
Seelenpflege, s. Pastoraltheologie.
Seelenfchläfer, Sekte, s. Adventisten.
Seelenstörung, soviel wie Psychose (s. d. und
Geisteskrankheiten, Bd. 7, S. 708 d).
Seelenwände, s. Lauf.
Seelenwanderung, die vermeintliche Wande-
rung der menschlichen Seele durch verschiedene
Körper. Der Glaube an S. ist eigentlich ein naiver
Ausdruck der Ahnung einer durchgängigen Ver-
wandtschaft aller Organismen, die sich mit der na-
türlichen Überzeugung von der Unabhängigkeit der
Seele vom Körper und vielfach mit sittlich-religiösen
Motiven verknüpft. Uralt ist die Lehre von der S.
bei den Indern, obwohl sie in dem ältesten ind.
Litteraturdenkmal, dem Rigveda, sich noch nicht mit
Sicherbeit und in der unmittelbar darauf folgenden
Litteratur nur in spärlichen Zeugnissen nachweisen
läßt. Man glaubte, daß der Mensch sofort nach sei-
nem Tode wiedergeboren wird, und daß es von sei-
nen Thaten abbüngt, was aus ihm in der nächsten
Geburt wird. Nach häufiger Anschauung gehen die
Seelen nach dem Tode in den Mond und bleiben
dort während der Zeit des zunehmenden Mondes;
bei abnehmendem Mond steigen sie in Gestalt des
Regens wieder herab und gehen je nach ihren Thaten
in höbere oder niedere tierische Körper oder Pflanzen
ein. Auch die Verkörperung in Sternen ist altind.
Glaube. Die Lehre von der S. war allen ind. Re-
ligionen, Vrahmanismus, Buddhismus, Iainis-
mus, gemein, deren Ziel war, ihr ein Ende zu setzen.
Nach den Zeugnissen der Griechen von tzerodot
an hatten auch die Ägypter die Lehre von der S.
Nach dem Tode des Menschen gehe die Seele der
Reibe nach durch alle Tiere des Festlandes, des
Wassers und der Lust, bis sie nach 3000 Jahren
wieder in den menschlichen Körper zurückkehre. Die
ägypt. Denkmäler selbst lehren uns darüber bis jetzt
nichts. Wahrscheinlich von den Ägyptern empfingen
die Griechen (zuerst Pythagoras und Pherecydes) den
Glauben an die S., die sie M etemp sy ch osis nann-
ten. Empedokles, wie die Inder, nahm eine Wan-
derung der Seele selbst in Pflanzenkörper an. Die
griech. Mysterien kleideten die S. in Mythen ein,
die den Dionysos oder Bacchus als Herrn und
Führer der Seelen darstellen. Pindar, Orphischen
Lebren sich anschließend, läßt die Seele nach einem
dreimaligen tadellosen Lebenswandel in den Inseln
der Seligen anlangen. Plato dehnt den Zeirrauva
bis zur völligen Rückkehr der Seelen in den Schoß
der Gottheit auf 10000 Jahre aus, in denen sie
Menschen- und Tierkörper zu durchwandern bätten.
Er bedient sich übrigens der Vorstellung der S. nur
als mythischer Einkleidung philos. Gedanken; da-
gegen wurde sie von den Neuplatonikern ernstlich
behauptet. Aristoteles verwarf die S. auf Grund
einer berichtigten Vorstellung von der Wechselwir-
kung zwischen dem psychischen Leben und der Orga-
nisation des Körpers. Nnter den Römern haben
Cicero und Virgil sich auf diese Lehre bezogen. Die
jüd. Philosophie, desgleichen die christl. Sekte der