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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Seiler - Seilerei
mittelbar dazu, den Zug emporzuziehen, sondern
bewegt beiderseitig Rollen, die an einem besondern
Wagen (Rollwagen) angebracht sind; durch Über-
tragungen erfolgt die Bewegung des Rollwagens
langsamer als die des Seils. In der Mitte des
Gleises befindet sich ein zweites Seil, das sog.
Schleppseil, (^dis ä'^älleroncs, das über ein
Paar mit Kehlen versehene, von dem Treibseil be-
wegte Rollen des Rollwagens geschlungen ist. Das
Schleppseil hat keine eigene Bewegung, sondern
dient in ähnlicher Weise wie das Tau oder die
Kette bei dem Betrieb der Tau- und Kettenschlepp-
schiffahrt, den Zug auf der Ebene sicher zu halten,
da die Reibung der Räder des leichten Rollwagens
hierzu nicht ausreichen würde. Am obern und untern
Ende steht je eine Dampfmaschine, die das Treibseil
mit je einem Paar mehrmals umschlungener Treib-
rollen in Bewegung setzen. Das Schleppseil kann
auch durch Zahnstangen oder durch eine Mittel-
schiene, wie bei dem Fellschen System (s. Bergbahnen),
ersetzt werden; eine solche Anlage wurde bei Lans-
le-Bourg am Mont-Ccnis auf eine Lange von
2,3 km ausgeführt. Ursprünglich wollte man auch
für besonders schwierige strecken der Gotthardbahn
Agudiosche S. anwenden, schließlich entschied man
sich für Durchführung des gewöhnlichen ^ystcms
auf der ganzen Linie. Das System Agudio ist bei
der 1884 eröffneten 2,13 km langen Vergnügungs-
bahn nach der Euperga bei Turin zur Ausführung
gekommen. Die Eeiledene schließt an eine bestehende
Dampfstrahenbcchn an und weist Steigungen bis
zu 1:5 auf. S. für den durchgehenden Verkehr be-
stehen zur Zeit in Europa nur noch in ganz geringer
Anzahl. Dagegen hat der Eeilbetrieb für den kleinen
örtlichen Verkehr auf Bergbahnen in neuester Zeit
vielfach Anwendung gefunden, insbesondere durch
das Agudiosche System, das später durch Riggenbach
und Zschokke (Ersatz des Schleppseils durch eine
Zahnstange) verbessert wurde. (^.Bergbahnen, wo
auch die bekanntesten Seilbahnen ausgeführt sind.)
Seiler, ein Handwerker, welcher ^eilerwarcn
verfertigt. (S. Seil und Seilerei.)
Seilerei oder S e i l f a b r i k a t i o n, die hand-
werksmäßige oder fabrikmäßige Verfertigung von
Seilen aus Faserstoffen. (S. Seil.) Die Werkstätten
für die Verfertigung der Seile, fpeciell der Taue,
heißen Reepfchlägereien. Oft bestehen dieselben
bloß aus einem freien Raume, der Seiler- oder
Reepbahn; manchmal sind sie wenigstens gegen
Wind und Regen geschützt. Das Drehen der Fäden
geschieht auf dem Seilerrade. Dasselbe besteht aus
einem festen Gestell, in welchem ein Rad gelagert ist,
das entweder mittels einer Kurbel durch einen Hilfs-
arbeiter, oder mittels einer um Rollen geschlungenen
Schnur durch den Spinner selbst in Bewegung ver-
setzt wird. An den obern Enden der Ständer be-
finden sich zwei in der Höhe verstellbare Vrettchen,
in welchen vier oder mehr Spindeln gelagert sind',
an jeder der letztern sind Häkchen zur Ausnahme der
Fäden angebracht. Die Spindeln werden vom Rade
aus durch eine Schnur ohne Ende, durch Zahnräder
oder durch einen andern Mechanismus in Umlauf
versetzt. Bei der Arbeit zieht der Spinner, welcher
den Hanf um den Leib gebunden hat oder das Werg
in einer Schürze trügt, einen Faserbüschel von ent-
sprechender Größe heraus, hängt diesen mittels einer
Öse in einen der Haken des Rades und schreitet nun
rückwärts fort, wobei sich neue Fasern herausziehen,
die mit den frühern zusammengedreht werden. Mit
der rechten Hand hält er den Spinnlappen, mit-
tels dessen er den gesponnenen Faden glättet. In
neuerer Zeit wird das Garn vielfach nicht in den
Seilerwerkstätten, sondern auf Maschinen hergestellt,
die den in der Flachsspinnerei gebräuchlichen ähnlich,
nur größer und stärker gebaut sind.
Das Zusammendrehen der Fäden zu Litzen ^das
Schlagen der Litzen) mit der Hand kann auf
zweierlei Art vorgenommen werden. Nach der ältern
Methode, die man noch jetzt zur Herstellung ordinä-
rer Seilerwaren, auch dünnen Tauwerks anwendet,
werden so viele Garnfäden, als zu einer Litze nötig
sind, nebeneinander in der erforderlichen Länge aus-
gefpannt, dann mit einem Ende an dem Haken einer
Spindel befestigt und durch Umdrehung derselben
in derjenigen Richtung, die dem Draht des Garns
entgegengefetzt ist, zufammengezwirnt. Nach der zu
Anfang diefes Jahrhunderts von dem cngl. Kapitän
Huddart erfundenen Methode, dem fog. Patent-
schlag, welche namentlich bei stärkern, fadenreichern
Litzen, also beim Zusammendrehen von Tauen, ein
viel gleichmäßigeres Produkt ergiebt, wird das Garn
vor dem Zusammendrehen auf Spillen gewunden,
die auf horizontale Stäbe eines Rahmens drehbar
aufgesteckt werden. Jeder Faden wird alsdann durch
eins der in konzentrischen Kreisen angeordneten
Löcher einer Platte, Registerplatte, geleitet,
worauf alle Fäden gemeinsam durch eine Röhre
gehen, deren schwach konisch geformte Öffnung an
ihrer engsten Stelle nur ebenso weit ist, daß die-
selben mühsam hindurchgezogen werden können,
solglich einen starken Druck erfahren. Beim Austritt
aus der Röhre werden sie an dem Ausziehwagen
befestigt, der in feiner einfacksten Gestalt aus einem
auf vier Rädern ruhenden Brett besteht, an dessen
Ecken vier durch Querriegel zusammengehaltene
Ständer angebracht sind. Auf der der Registerplatte
zugewendeten Seite ist an den Ständern ein Quer-
brett befestigt, in dessen Löchern je ein Dreheisen
(Spindel nnt Haken und Kurbel) steckt. An einem
der Haken wird das Garnbündcl, an dem Querriegel
der hintern Ständer ein über die ganze Bahn sich
erstreckendes Tau, Grundtau, befestigt, dessen an-
deres Ende am Umfang einer Trommel festgemacht
wird, die ihre Bewegung durch Räderübersetzung
erhält. Bei der hierdurch erfolgenden Auswicklung
des Taues wird der Ausziehwagen von den Spulen
und der Negisterplatte entfernt. Währenddessen
dreht ein auf dem Wagen stehender Arbeiter den
Haken in der dem Draht des Garns entgegengesetz-
ten Richtung, so daß das Garnbündel in dem Maße,
wie es aus der Röhre tritt, zusammengedreht wird.
Die deim Zusammendrehen der Litzen zu Seilen
und Tauen gebrauchten Vorrichtungen sind den-
jenigen zum Schlagen der Litzen nach dem ältern
Verfahren ähnlich. Vor dem Beginn der Drehung
wird ein abgestumpfter Holzkegel, Lehre, der mit
ebenfo vielen Lüngsfurchen verfehen ist, als Litzen
vorhanden sind, zwischen die letztern gesteckt und von
einem Arbeiter der Zusammendrehung des Seils ent-
sprechend fortbewegt. Bei der Herstellung sehr star-
ker Taue verfährt man in der Weife, daß man erst
aus den Litzen schwächere Taue verfertigt, die nach-
her ähnlich wie zuvor die Litzen vereinigt werden.
Man hat auch Maschinen konstruiert, die in ununter-
brochener Aufeinanderfolge das Garn zu Litzen und
diese zu Tauen zusammendrehen. Den durch Hand-
arbeit hergestellten Seilen gegenüber hat die Ma-
schinenarbeit den Nachteil, daß es bis jetzt noch nicht