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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Sicilien (Königreich beider)

und unterwarf sich im Frieden von Florenz (18. März 1801) den von Napoleon auferlegten Bedingungen: Amnestierung der verfolgten Republikaner, Aufnahme eines franz. Armeekorps bei Tarent, Ausschließung der engl. Schiffe von allen Häfen des Königreichs, Verzicht auf Elba, Piombino und den Stato dei presidii. Marie Karoline ließ sich bestimmen, während sie in Paris einen Neutralitätsvertrag abschloß (26. Okt. 1805), in Wien wegen ihres Beitritts zur dritten Koalition zu verhandeln, worauf der Kaiser am Tage nach dem Preßburger Frieden (7. Dez. 1805) durch Dekret die Bourbonen in Neapel entsetzte und Saint-Cyr die Wegnahme des Königreichs befahl. Weder eine demütige Gesandtschaft, noch die Aufwiegelung der Massen schützte die Bourbonen. Joseph Bonaparte und Masséna, 15. Febr. 1806 über die Grenze gerückt, zwangen rasch den als Vicekönig zurückgelassenen Kronprinzen Franz, seinen wieder nach S. geflohenen Eltern zu folgen, worauf Joseph Bonaparte 11. Mai 1806 die Regierung in Neapel übernahm; er wollte mit Milde das blutig niedergeworfene Land gewinnen; aber Napoleon zwang den Bruder zur Härte und rief ihn endlich nach Spanien ab; Josephs letzte Regierungshandlung war der Erlaß einer streng centralistischen Verfassung nach franz. Muster. An seine Stelle trat 15. Juli 1808 der rücksichtslosere Joachim Murat (s. d.), der sofort die Engländer von Capri verjagte, in den ersten zwei Jahren das Brigantentum durch den furchtbaren Manhès niederwerfen ließ, daneben aber das von Joseph begonnene Werk der innern Umbildung des Landes vollendete. Mit gleicher Grausamkeit ließ Ferdinand, den auf S. die engl. Flotte deckte, Regungen zu Gunsten der Franzosen in Messina niederschlagen. Aber bald trat ein Zerwürfnis zwischen der Krone und dem sicil. Parlament ein, welches nach der alten Verfassung einberufen worden war, um Geld zu geben; die Adligen, die in dem Parlament den Ausschlag gaben, forderten für die Geldbewilligung bessere Besteuerung, Rechtspflege und Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit. Der Versuch der Krone, eine unbewilligte Steuer vom Lande zu erhalten, scheiterte, und nun trat der Bevollmächtigte Englands, Lord Bentinck, für das sicil. Parlament ein. Zum Generalkapitän der engl. Truppen auf S. ernannt, bewog er jetzt (Jan. 1812) Ferdinand, den Kronprinzen zum Reichsverweser zu bestellen, welcher den Fürsten von Belmonte zum ersten Minister machte und das Parlament beauftragte, über die Abstellung der bestehenden Mißbräuche und eine neue Verfassung Vorschläge vorzulegen. Letztere wurde rasch nach engl. Muster ausgearbeitet und bot ein Zweikammersystem, Steuerbewilligungsrecht und Ministerverantwortlichkeit. Erst auf eine nochmalige ernste Drohung hin ergaben sich Marie Karoline und Ferdinand in diese Neuerungen, die dann Ferdinand, nach Neapel zurückgekehrt, wieder abschaffte. Dieses Vorgehen ermöglichte Ferdinand das Verhalten Murats. Dieser hatte, als er sich von Österreich betrogen, von England bedroht und von den kriegsmüden Italienern im Stiche gelassen sah, seine Verbindungen mit Napoleon auf Elba wieder angeknüpft und 31. März 1815 seine Waffen gegen Österreich sowie für gewaltsame Errichtung eines verfassungsmäßigen und einigen Italiens erhoben. Bei Tolentino geschlagen (2. und 3. Mai 1815), sah er sich zum Rückzug und 20. Mai zum Verlassen seines Reichs gezwungen. Die unter Prinz Leopold von Bourbon ihm nachgedrungenen Österreicher gaben das Land 23. Mai an Ferdinand zurück, nachdem die Reste von Murats Truppen in der Kapitulation von Casalanza auf Fortsetzung des Kampfes verzichtet hatten. Der Wiener Kongreß bestätigte mit den andern Herstellungen auch diese (8. Juni), worauf Ferdinand 17. Juni 1815 wieder in Neapel einzog. Piombino, Elba und den Stato dei presidii erhielt Ferdinand nicht zurück. Ein abenteuerlicher Versuch Murats, sein Königreich wiederzugewinnen, führte nur seine Verhaftung und standrechtliche Erschießung 15. Okt. 1815 herbei. Mißtrauen verbreitete unter dem Volke das Verhalten der Regierung gegenüber dem von ihr früher großgezogenen Banditentum und dem Sektenwesen (s. Carbonari, Calderari und Decisi); das Übelste jedoch war die Unzufriedenheit im Heere,welches aus Ersparnisrücksichten sehr vermindert wurde. Die Zahl der Unzufriedenen stieg, während die Verteidigungskraft der Regierung gegen die sich anbahnende Revolution bedeutend geringer ward. Bei der Nachricht von der span. Militärerhebung und den raschen Fortschritten der Cortesrevolution gaben einige in Nola stehende Offiziere das Zeichen zur Empörung (2. Juni 1820). Da der König sich nicht entschließen konnte, den allgemein beliebten G. Pepe an die Spitze der noch treuen Truppen zu stellen, so begab sich dieser 3. Juni zu den nach Avellino vorgedrungenen Aufständischen, deren Oberbefehl er übernahm. Die von diesen verlangte span. Verfassung von 1812 sah sich Ferdinand schon 7. Juni zu verkünden, 13. Juni zu beschwören gezwungen. Die Kunde von diesem mühelosen Sieg der Aufständischen entzündete in Palermo und Girgenti wüste Pöbelerhebungen, deren man erst nach einigen Tagen Herr wurde. In Palermo wie in Messina wollte man ein eigenes Parlament haben; dies war gegen die Meinung der Konstitutionellen des Festlandes, das nun Flor. Pepe zur Unterwerfung der Insel absandte. Pepe und sein Nachfolger Colletta stießen aber in Palermo auf so entschiedenen Widerstand, daß letzterer sich mit einer Übereinkunft begnügen mußte, welche die Frage unentschieden ließ; thatsächlich entsandte dann auch nur Messina einen Abgeordneten in das neapolit. Parlament. Dieses selbst aber, ganz unter den Druck der Carbonari geraten, lehnte die von Frankreich nahe gelegte Annahme der französischen an Stelle der demokratischem span. Verfassung ab. So stand Neapel allein gegen das Österreich Metternichs, der entschlossen war, keine Verfassung in Italien aufkommen zu lassen. Nachdem Österreich insgeheim zu Troppau 19. Nov. 1820 Rußlands und Preußens Zustimmung zu seinem bewaffneten Eingreifen erzielt hatte, ward von den Nordmächten ein Kongreß zu Laibach abgehalten. Zu diesem begab sich Ferdinand 14. Dez. 1820, indem er die Stellvertretung wieder dem Kronprinzen übertrug, um 28. Jan. 1821 das bewaffnete Einschreiten Österreichs zuzugeben. Während das Parlament diese Entscheidung des Königs für erzwungen und nichtig erklärte, strömte das Volk unter die Fahnen zur Verteidigung der Unabhängigkeit. Allein der Mangel an Geld und an Unterordnung in dem allzurasch durch Freiwillige vermehrten und durch das Carbonariwesen zersetzten Heer und der Haß der Führer, G. Pepes, Carascosas, Collettas und Filangieris, gegeneinander machte den durch den Kirchenstaat anrückenden 50000 Österreichern die Arbeit leicht.