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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Socialdemokratie

1895 stattfanden, errungen; bei dieser ersten nach dem neuen Gemeindewahlgesetz von 1895 (mit Pluralstimmen) gelang es der S., in 78 Gemeinden die Majorität zu erlangen, und infolge der Proportionalvertretung, die in Kraft tritt, wenn kein Kandidat die absolute Majorität erreicht hat, in 210 Kommunen eine socialistische Minorität durchzusetzen. Die wichtigsten Zeitungen sind in Brüssel "Le Peuple", in Gent "Vooruit", ferner "De Werker" und "L'Echo du Peuple". Besonders großartig sind in Brüssel und Gent die Produktivgenossenschaften und Konsumvereine entwickelt.

In Holland war in den letzten 10-20 Jahren, namentlich unter dem Einfluß von Domela Nieuwenhuis, eine ziemlich mächtige socialdemokratische Bewegung entstanden. In dem "Bund der Socialdemokraten" hatte die S. ihre Parteiorganisation, und sie verfügte über ein täglich erscheinendes Organ "Recht voor Allen" ("Recht für alle"). Domela Nieuwenhuis ist seit 1888 in die Kammer deputiert worden. Doch ist hier neuerdings eine Spaltung eingetreten, besonders seitdem Domela auf dem Kongreß zu Zwolle im Dez. 1892 sich für die Mittel der Revolution und für die Wahlbeteiligung lediglich zu Agitationszwecken erklärte, und seitdem in Groningen 1893 sogar beschlossen wurde, an den Wahlen gar nicht mehr teilzunehmen. Dieser antiparlamentarischen Tendenz tritt eine Richtung unter Trolst und van Kol entgegen, die für polit. Thätigkeit und für unmittelbare Inangriffnahme socialer Reformen eintritt. Diese Fraktion hat auch ihre besondere Zeitung: "De Nieuwe Tijd", und hat sich 26. Aug. 1894 als Partei konstituiert. Sie zählt im ganzen 27 Abteilungen mit etwa 700-800 Mitgliedern und wird, entgegen der unter Domeles Führung stehenden Vereine, auch in Zukunft an den internationalen socialistischen Kongressen teilnehmen. In der Osterwoche 1895 hielt sie ihren ersten Kongreß ab. Bei den Wahlen zur zweiten Kammer erlangte sie 1897 zwei Mandate.

In der Schweiz hat die S. nie großen Anhang gefunden. Die andern Arbeiterorganisationen waren oder sind viel einflußreicher, z. B. der Grütliverein (s. d.), der sich aber der S. stark genähert hat, und der Gewerkschaftsbund, eine Verbindung von Fachvereinen, die 7000 Anhänger hat. Die definitive Konstituierung der "Socialdemokratischen Partei der Schweiz" fand 21. Okt. 1888 in Bern statt. Nach dem an den internationalen Arbeiterkongreß in Zürich 1893 über den Stand der socialdemokratischen Bewegung in der Schweiz erstatteten Bericht zählt sie insgesamt 1780 Mitglieder. Im Nationalrat sitzt nur ein Vertreter der S. In den kantonalen und städtischen Vertretungskörpern, wie in Zürich, Basel, Bern, hat es die S. auf dem Wege des Kompromisses zu mehrern Sitzen gebracht. Die socialdemokratische Fraktion des großen Stadtrats in Zürich ist elf Mitglieder stark; 1897 wurde daselbst auch der erste Socialdemokrat in die Regierung gewählt. Der Parteitag der schweizerischen S., der 21. und 22. Dez. 1895 in Bern stattfand, hat die Revision des Parteiprogramms von 1888 beschlossen; es sollte die genossenschaftliche Organisation im Sinne socialistischer Principien angestrebt werden. (Vgl. Berghoff-Ising, Die socialistische Arbeiterbewegung in der Schweiz, Lpz. 1895.) Nicht ausgesprochen socialdemokratischen Charakter trägt der 1887 begründete Schweizerische Arbeiterbund, d. i. die Vereinigung aller Arbeitervereine (Sekretär: Greulich). Die Zahl der Arbeiterblätter, teils politischen, teils gewerkschaftlichen Inhalts, die in drei Sprachen veröffentlicht werden, beträgt 13.

In Schweden geht die socialistische Bewegung Hand in Hand mit der Gewerkvereinsbewegung. Von Malmö aus, wo die erste Zeitung entstand, griff die Bewegung rasch um sich, und 1886 hatten die socialdemokratischen Delegierten im Gewerkschafts-Centralkomitee bereits die überwiegende Majorität, so daß sich die liberalen Gewerkvereine ganz zurückzogen. In den letzten Jahren schritt die Bewegung, namentlich infolge mangelnder Geldmittel, langsamer fort. Bei den Wahlen von 1896 gelangte der erste socialdemokratische Vertreter in die zweite Kammer des schwed. Reichstags. Hauptorgan ist "Socialdemokraten" in Stockholm. In Norwegen ist die sociale Bewegung vorwiegend auf Kristiania beschränkt; die 1887 gegründete Partei soll 56 Verbände mit 6000 Mitgliedern umfassen. Der agrarische Charakter verhindert die raschere Verbreitung.

In Dänemark hat die S. nicht nur in Kopenhagen, dem einzigen Industrieplatz, sondern auf dem Lande, besonders in Jütland, Fuß gefaßt. Bei den Wahlen 1895 wurden 8 socialistische Abgeordnete in das Folketing gewählt. Im Landting sitzen zwei Vertreter. Führer sind: Knudsen, Holmsen, Andersen u. a. Hier ist neben der gewerkschaftlichen Organisation die der Landarbeiter sehr entwickelt, die ein eigenes Programm mit Übergangsbestimmungen zur Vergesellschaftung von Grund und Boden aufgestellt haben. (Vgl. Knudsen, Der Landarbeiter, Kopenh. 1891.) Wichtig sind hier auch die Studentenvereinigungen. Die socialdemokratische Partei zählt im ganzen 104 Vertreter in öffentlichen Stellungen, nämlich als Reichstagsabgeordnete, Mitglieder in Gemeindeverwaltungen u. s. w. In Kopenhagen hat die Zahl der socialdemokratischen Stimmen wie folgt zugenommen:

^[Tabelle]

1872 1834 1837 1890 1892 1895

315 6806 8409 17 232 20 098 25 019

^[Tabellenende]

Die Partei ist in 952 Vereinen organisiert, von denen 713 Fachvereine mit 42 000 Mitgliedern sind. Die 239 polit. Vereine haben etwa 23 000 Mitglieder. Hauptorgan ist "Scoialdemokraten" ^[richtig wohl: "Socialdemokraten"] in Kopenhagen.

Auch in Italien, besonders Oberitalien und Sicilien, bestehen Organisationen der S. Zeitungen sind "Lotta di Classe" und "Critica sociale" in Mailand, "La Plebe" in Pavia, "L'Era Nuova" in Genua, "La Giustizia" in Reggio u. a. Die Zahl der socialdemokratischen Abgeordneten im ital. Parlament beträgt seit 1895 15. Die italienische S. hielt ihren vierten Landeskongreß vom 11. bis 13. Juli 1896 in Florenz ab. Die Zahl der abgegebenen Stimmen war von 26 229 (1892) auf 70 558 (1895) gestiegen.

In Serbien, Rumänien und Bulgarien begann die Agitation durch socialistische Studenten und hat rasche Fortschritte gemacht bei Kleinbauern und Industriearbeitern. In Bulgarien hat sich die Partei 1891 konstituiert, 1894 wurden zwei Abgeordnete in die Sobranje gewählt. In Spanien ist die marxistische Partei unter Iglesias unbedeutend gegenüber rein anarchistischen Bildungen. In Russisch-Polen hatten 1878 Studenten socialistische Lehren verbreitet; eine geheime Parteiorganisation wurde 1884 entdeckt, und seitdem besteht nur eine geheime Propaganda.

Die amerikanische S. zeichnet sich dadurch aus, daß fast alle socialistischen Richtungen, die in ihr her-^[folgende Seite]