Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Socialismus

9

Socialismus

Socialismus (lat.), im modernen (marxistischen) Sinne diejenige nationalökonomische Richtung, welche das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln an Stelle des Privateigentums und die planmäßige kollektivistische Produktionsweise an Stelle der individualistischen anstrebt. Im weitern Sinne versteht man unter S. alle diejenigen Bestrebungen, die seit Plato bis zur Gegenwart auf eine radikale Umänderung der wirtschaftlichen Rechtsordnung abzielen und namentlich gegen das Privateigentum und die freie Konkurrenz gerichtet sind. Als wichtige Abarten des S. in diesem weitern Sinne sind besonders hervorzuheben: a. Der Kommunismus (Babeuf u. s. w.) strebt die Beseitigung des Privateigentums an den Produktions- und Konsumtionsmitteln an. b. Der Agrarsocialismus (Henry George u. s. w.) verlangt die Abschaffung nur des privaten Grundeigentums und des privaten Grundrentenbezugs, c. Der Genossenschaftssocialismus (Louis Blanc, Lassalle u. s. w.) fordert die Bildung von Arbeiterproduktivgenossenschaften mit Staatsunterstützung, d. Der Mutualismus (Proudhon u. s. w.) wünscht die Beseitigung von Geld und Zins, sonst aber die Aufrechterhaltung der individualistischen Produktionsweise.

Der Staats- und Kathedersocialismus (Adolf Wagner u. s. w.) ist keine Abart des S., ebensowenig der Anarchismus (Stirner, Bakunin u. s. w.). Letzterer zielt auf Beseitigung jedes Rechtszwangs und jeder Rechtsordnung ab, während der S. eine radikale Umänderung, also eine gänzlich neue Rechtsordnung fordert. Die Socialdemokratie ist eine polit. Partei, der S. eine wissenschaftliche nationalökonomische Schule.

In den verschiedenen Ländern sind im Laufe der Jahrhunderte eine ganze Menge socialistischer Systeme der verschiedensten Richtungen ausgebildet worden; doch hat kein Socialist solche Anhängerschaft gefunden wie Karl Marx. Die Marxsche Theorie beruht vor allem auf seiner materialistischen Geschichtsauffassung; diese findet sich zuerst klar niedergelegt in dem von Marx und Engels herausgegebenen und 1848 erschienenen Kommunistischen Manifest (6. Aufl., Berl. 1894). Marx' materialistische Geschichtsauffassung gipfelt darin, daß alle bisherige Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen sei, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche seien, daß also die jedesmalige Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bilde, aus welcher der gesamte Überbau der rechtlichen und polit. Einrichtungen sowie der religiösen, philos. und sonstigen Vorstellungsweise eines Zeitalters in letzter Instanz zu erklären sei. Den Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Epoche glaubt Marx in seiner Werttheorie gefunden zu haben. Danach ist der Tauschwert das Verhältnis, worin sich die verschiedenen Gebrauchswerte untereinander austauschen. Das Austauschverhältnis der Waren bedeutet ihre mathem. Gleichsetzung; gleichgesetzt können sie aber nur werden, weil etwas Gemeinsames in ihnen ist. Alle Waren sind aber Arbeitsprodukte, nicht Produkte dieser oder jener Arbeit, sondern der Arbeit im allgemeinen, im abstrakten Sinne, als Verausgabung menschlicher Hirn-, Nerven-, Muskelsubstanz u. s. w. Folglich ist es das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswertes gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt, d. i. die Arbeitszeit, die notwendig ist, um irgend einen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrade von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen. Die Arbeitszeit ist also das Maß des Wertes, und jede Ware ist die normale Arbeitszeit wert, welche zu ihrer Herstellung erforderlich ist. Dieser Grundsatz findet aber unter der Herrschaft des Kapitalismus auch auf die Ware "menschliche Arbeitskraft" Anwendung: die Arbeit des Arbeiters ist dem Kapitalisten nur so viel wert als zu ihrer Reproduktion unbedingt nötig ist, d. h. der Preis, der dafür bezahlt wird, entspricht dem Quantum an Subsistenzmitteln, welches nötig ist, um die Arbeitskraft zu erhalten; der Kapitalist zahlt dem Arbeiter so viel an Lohn, daß dieser leben und seine Gattung erhalten kann. Dieses Quantum schafft aber der Arbeiter in einem Teil der täglichen Arbeitsstunden; der Kapitalist läßt aber den Arbeiter den vollen Arbeitstag arbeiten, den er so lange als möglich ausdehnt. Alles, was der Arbeiter nun über den notwendigen Lebensunterhalt hinaus schafft, ist der Mehrwert, den der Kapitalist dem Arbeiter entzieht. Wie im Altertum Sklaven und Freie, im Mittelalter Leibeigene und Feudalherren sowie Zunftmeister und Gesellen sich gegenüber standen, so stehen sich in der modernen Gesellschaft die Arbeiter und die Besitzer der Produktionsmittel, Ausgebeutete und Ausbeuter, einander gegenüber. Dieser Zwiespalt kann nicht andauern; auch das Privateigentum muß nach dem Gesetz der Weltgeschichte in sein Gegenteil umschlagen, in das Gemeineigentum; die kapitalistische Produktionsweise trügt schon den socialistischen Staat als Embryo in ihrem Schoße, aus dem er sich völlig unabhängig vom Denken, Wollen und Wünschen der Menschen losringen wird.

Wie nun auf dieser allgemeinen Grundlage des Gemeineigentums an den Produktionsmitteln sich der socialistische Zukunftsstaat im einzelnen gestaltet, darüber fehlt es an offiziellen Darlegungen seitens der Socialisten; es sei unmöglich, ein solches Bild zu entwerfen, weil die zukünftige Entwicklung der Technik und anderer auf das Wirtschaftsleben einwirkender Faktoren von niemandem vorausgesagt werden könne. Doch finden sich in manchen von einzelnen socialistischen Schriftstellern herausgegebenen Broschüren Andeutungen, nach denen man ungefähr sich ein Bild davon machen kann, wie die wirtschaftliche Einrichtung des socialistischen Zukunftsstaates gestaltet sein soll, vor allem in dem Buch von Bebel "Die Frau und der S." (27. Aufl., Stuttg. 1896). Doch giebt dieses Werk nicht die offiziellen Anschauungen der socialdemokratischen Partei, sondern nur die persönlichen Ansichten des Verfassers wieder. Danach wird, sobald die Gesellschaft im alleinigen Besitz aller Arbeitsmittel sein wird, die gleiche Arbeitspflicht aller, ohne Unterschied des Geschlechts, der erste Grundsatz der socialisierten Gesellschaft. Die Gesellschaft läßt durch Beamte genau die Art und Zahl der verfügbaren Kräfte sowie die zu befriedigenden Bedürfnisse feststellen; nach diesen statist. Feststellungen wird die Größe und Art der einzelnen Produktionszweige bemessen, und daraus ergiebt sich auch das Maß für die tägliche Arbeitszeit, die Bebel auf etwa 2-4 Stunden veranschlagt. - Es soll zwar freie Berufswahl herrschen; wenn sich aber in gewissen