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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Spanien (Geschichte 1868-75)

Opposition gegen das Militär- und Polizeiregiment des Marschalls Narvaez. Darauf ließ dieser in der Nacht vom 29. bis 30. Dez. eine Anzahl Deputierter, darunter den Präsidenten der Zweiten Kammer, Rios Rosas, verhaften und aus dem Lande schaffen. Dasselbe Schicksal traf den Präsidenten des Senats, Marschall Serrano, weil er in einer Audienz bei der Königin Vorstellungen erhoben hatte. Viele andere hervorragende Persönlichkeiten, darunter O'Donnell, entflohen ins Ausland. Ein königl. Dekret vom 30. Dez. 1866 löste die Cortes auf. Es gelang der Regierung, die Neuwahlen nach Wunsch zu leiten, und 12. April 1867 bewilligten die neuen Cortes dem Ministerium Narvaez Straflosigkeit für alle angeordneten Maßregeln.

Als Narvaez 23. April 1868 starb, übernahm Gonzalez-Brabo den Vorsitz im Kabinett, hatte aber als Nichtmilitär fast die ganze Armee gegen sich. Im Juli sollte ein großer Militäraufstand ausbrechen. Der Minister ließ daher 7. Juli die bedeutendsten Generale nach den Canarischen Inseln abführen und sogar den in Sevilla residierenden Schwager der Königin, Herzog von Montpensier, aus S. ausweisen. Isabella glaubte sich an Napoleon III. noch inniger als bisher anschließen zu müssen, und verabredete mit ihm eine Zusammenkunft auf den 18. und 19. Sept. in den beiden Grenzorten Biarritz und San Sebastian. Während die Königin in San Sebastian verweilte, brach die Revolution aus. Die verbannten Generale wurden von den Canarischen Inseln abgeholt und trafen, mit Prim, 18. Sept. im Hafen von Cadiz ein; Konteradmiral Topete schloß sich mit der ganzen Flotte an sie an, ein erstes Manifest forderte das Volk zum Sturze der Regierung auf, ein zweites von Prim verkündete die Volkssouveränität. Cadiz, ganz Andalusien traten bei, Serrano rückte mit den abgefallenen Truppen gegen Madrid vor, schlug 29. Sept. bei Alcolea die königl. Truppen unter Novaliches, worauf alle größern Städte, auch Madrid, sich für die Revolution erklärten. Nun gab Isabella, welche Gonzalez-Brabo entlassen und 22. Sept. General Concha (s. d.) zum Ministerpräsidenten ernannt hatte, ihre Sache verloren, trat 30. Sept. nach Frankreich über, von wo aus sie 3. Okt. 1868 einen Protest gegen die Revolution veröffentlichte, und nahm 6. Nov. ihren Aufenthalt in Paris. Durch Napoleon bewogen, dankte sie 25. Juni 1870 förmlich zu Gunsten ihres Sohnes Alfons ab. Andererseits veranlaßte der Sturz Isabellas die Nachkommenschaft des Don Carlos, ihre Ansprüche auf den span. Thron zu erneuern. Der Infant Juan verzichtete 3. Okt. 1868 zu Gunsten seines ältesten Sohnes Don Carlos, Herzog von Madrid, der seitdem als Kronprätendent (Karl VII., geb. 30. März 1848) auftrat.

Während des Interregnums und unter König Amadeus. Am 3. Okt. zog Serrano mit seinen siegreichen Truppen in Madrid ein. Die Regierungsjunta der Hauptstadt betraute ihn mit der Bildung eines provisorischen Ministeriums. Die verschiedenen Revolutionsjunten lösten sich auf. Durch ein Dekret der Regierung vom 12. Okt. wurde der Jesuitenorden, 19. Okt. viele Klöster aufgehoben; in betreff des Schulwesens, der Gemeindeordnung, der Presse, des Versammlungsrechts u. s. w. ergingen liberale Verfügungen und Zusagen. Bedenklich waren die republikanischen Kundgebungen im Süden des Landes, die in Xeres, Cadiz und Malaga blutige Konflikte hervorriefen. Auf Cuba war ein blutiger Aufstand ausgebrochen. Die Finanzen S.s waren in größter Zerrüttung. Am 10. Nov. 1868 wurde für die einzuberufenden konstituierenden Cortes ein auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhendes Wahlgesetz verkündigt. Während Prim, Serrano, Topete u. s. w. sich für die konstitutionelle Monarchie aussprachen, suchten insbesondere Orense und Castelar für eine demokratische Föderativrepublik Propaganda zu machen. Bei den Wahlen wurden von 351 Abgeordneten kaum 30 Isabellisten (Alfonsisten), Karlisten und Klerikale, etwa 60-70 Republikaner, zumeist aber monarchisch gesinnte Progressisten und Demokraten gewählt. Am 3. März wurde von den Cortes ein Ausschuß von 15 Mitgliedern erwählt, um den Entwurf einer neuen Staatsverfassung auszuarbeiten, der dann 6. April in den Cortes zur Beratung kam. In der Schlußabstimmung vom 1. Juni 1869 wurde die neue Verfassung, welche die monarchische Regierungsform beibehielt, mit 214 gegen 56 republikanische Stimmen angenommen und 6. Juni feierlich verkündigt, auch von den Mitgliedern der Exekutive beschworen. Unmittelbar darauf wurde der Entwurf eines Regentschaftsgesetzes von dem Verfassungsausschuß eingebracht und nach kurzer Verhandlung angenommen. Am 15. Juni wählten die Cortes mit 193 gegen 45 Stimmen den Marschall Serrano zum Regenten des Königreichs bis zur Wiederbesetzung des Throns. Am 18. Juni leistete Serrano den Eid als Regent, zugleich erfolgte eine Modifikation des Kabinetts, in dem Prim Präsidentschaft und Kriegswesen und damit die eigentliche Regierungsmacht übernahm.

Darauf suchte die span. Regierung einen Kandidaten für den erledigten Thron zu gewinnen. Serrano, Topete und die Liberale Union waren für den Herzog von Montpensier, der den Verschwörern die ersten Geldmittel gegeben hatte und jetzt seinen Wohnsitz wieder in Sevilla nahm. Aber Prim und die Progressisten waren gegen diesen. Auch Napoleon III. bot alles auf, um die Thronbesteigung eines Orleans zu verhindern. Andererseits ward die Idee einer "Iberischen Union" zwischen S. und Portugal unter Dom Ferdinand mit größter Entschiedenheit von den Portugiesen zurückgewiesen. Nun wurden Verhandlungen in Florenz angeknüpft, wo man den zweiten Sohn oder den Neffen Victor Emanuels II., den Herzog Amadeus (s. d.) von Aosta oder den Herzog Thomas von Genua, im Auge hatte. Aber erstere Kandidatur wollte der ital. König nicht gestatten, weil sein ältester Sohn damals noch keine Nachkommenschaft besaß, und gegen die zweite war die Mutter des Prinzen. Aus diesen unsichern Zuständen suchten die Karlisten und Republikaner Gewinn zu ziehen. Der Prätendent Karl VII. erhob einen Aufstand in den Provinzen, fand aber wenig Anhang; die zerstreuten Banden wurden binnen kurzer Zeit (Juli bis August) von den Regierungstruppen auseinander gesprengt. Wegen neuer republikanischer Schilderhebungen hatte der Regent bereits 21. Juli den Kriegszustand über ganz S. verhängt. Die Aufständischen wurden auf allen Punkten geschlagen, die Städte Barcelona, Saragossa, Valencia genommen. Bis Ende Oktober war die Ruhe überall wiederhergestellt, und 15. Dez. 1869 setzten die Cortes die suspendierten konstitutionellen Garantien wieder in Kraft.

Unter diesen Umständen schien der Herzog von Montpensier an Aussichten zu gewinnen. Ein von Castelar und der republikanischen Partei ge-^[folgende Seite]