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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Spanische Litteratur

in welcher sich zunächst die Lyrik dem ital. und klassischen Muster zuwendete, dann der Roman und zuletzt das Drama selbständige europ. Bedeutung gewannen; zugleich die Zeit des höchsten polit. Aufschwungs. Die kraftvolle Regierung Isabellas der Katholischen und die weitere Entwicklung unter Karl V. und Philipp II. pflanzten dem Lande eine ausgesprochen militär. Denkweise ein. Mit ihr verband sich der engste Anschluß an die Kirche, die in Spanien weniger verfallen war als im übrigen Europa und die Siege der Nation teilte; weder Reformbewegung noch Paganismus konnten hier Boden finden. Ein streng soldatisches, kath., nationales Empfinden durchdrang die ganze Bevölkerung, und die Poesie, vor allem das Drama, ist der Ausdruck dieser geschlossenen Anschauungsweise, kräftig und eigenartig, wenn sie auch zuletzt in starrer Einseitigkeit erstirbt.

Am wenigsten originell ist die Lyrik. Zwar hat der kräftige Castillejo einzelne der höfischen Formen in der leichtern Dichtung noch ausschließlich gepflegt, und die nationale lyrisch-epische Romanze ward um die Mitte des 16. Jahrh. auch bei den Kunstdichtern außerordentlich beliebt. Aber maßgebend waren doch die Neuerungen Boscans, Garcilasos de la Vega und Mendozas, welche den Hendecasillabo (Elfsilbner), Sonett, Oktave, Terzine u. s. w. einbürgerten und den Wohlklang zum obersten Princip erhoben. Von ihren unzähligen Nachfolgern mögen Cetina, Acuña, Gregorio Silvestre, Figueroa genannt sein; mehr nach Vollklang strebt der von dem Catalaner Ausias Marc beeinflußte Sevillaner Herrera und seine Nachfolger, wie Rioja, mehr nach Wohlklang die Salamantinische Schule, Luis Ponce de Leon, Francisco de la Torre Medrano; eng an Horaz schließen sich die beiden Argensola und ihr Schüler Villegas an. Unheilvoll für das 17. Jahrh. ward der Culteranismus Góngoras, der durch gesuchte Wortstellung und überreiche Bilderfülle den Eindruck der Tiefe und Neuheit hervorzurufen bemüht war, eine Manier, in die viele nach ihm, nur zu oft auch Calderon, verfallen sind. Wesentlich unter dem Einfluß Italiens, Ariosts, ohne dessen Geist, und Tassos steht auch die epische Dichtung des Barahona de Soto, Lope de Vega, Balbuena u. a., und auch unter den Darstellungen zeitgenössischer Großthaten ist nur Ercilla y Zúñigas "La Araucana" nennenswert. Besser vertreten ist das komische Heldengedicht in Villaviciosas "Mosquea", Lope de Vegas "Gatomaquia".

Die Einführung des Buchdrucks (seit 1474) kam zunächst der Verbreitung des erneuerten Amadis (s. d.) zu statten. Die unendlichen Fortsetzungen und Nachahmungen, die Palmerine, Belianis, Sonnenritter (vgl. Gayangos, Libros de Caballerias, Madr. 1874), wurden um die Mitte des 16. Jahrh. in der Gunst wenigstens der höhern Lesewelt durch die Epen und mehr noch durch den Schäferroman verdrängt. Auch hier waren die Italiener vorausgegangen, aber ihrem nächsten Vorbild, Sannazaros "Arcadia", gegenüber besaß Montemayors "Diana" den Vorteil fortlaufender Erfindung und unfraglich auch höherer poet. Begabung. Die letzte dieser halb lyrischen Verkleidungen persönlicher Erlebnisse erschien 1633; zu nennen ist neben Montemayor sein Fortsetzer Gil Polo, Cervantes' "Galatea", Lopes "Arcadia", Balbuenas "Siglo de oro" (vgl. Rennert, The spanish pastoral romances, Baltimore 1892). Die scharfe Beobachtung des wirklichen Lebens, wie sie Juan Ruiz und der Erzpriester von Talavera zeigten, bethätigte sich in hervorragendster Weise in der "Celestina" (s. Rojas), die trotz ihrer dem lat. Buchdrama Italiens entstammenden Form dem Roman und nicht dem Schauspiel beizuzählen ist. Unter den vielfältigen Nachbildungen, in welchen fast immer die Figur der Kupplerin im Mittelpunkt steht, mag die "Lonza andaluza" des Delgado (Madr. 1871) hervorgehoben sein. Nahe mit dieser Gattung verwandt ist der Schelmenroman, der 1554 durch Mendozas "Lazarilo de Tormes" lebensvoll eingeleitet wird. Ihm folgten Cervantes' "Rinconete y Cortadillo", Alemans "Guzman de Alfarache", Lopez de Ubedas "Picara Justina", Quevedos "Gran Tacaño"; verwandt sind die Sittenbilder in Espinels "Marcos de Obregon" und in den Erzählungen des Salas Barbadillo und Francisco Santos, verbunden mit dem phantastischen Element der "Sueños" Quevedos in Velez de Guevaras "Diablo cojuelo". Eine ganz andere Richtung findet sich im 16. Jahrh. vertreten. Schon in einigen alten Traditionen und Romanzen hatte sich die poet. Teilnahme den besiegten Mauren zugewendet; ihr entfloß die anmutige, von Montemayor und Villegas modernisierte histor. Novelle vom Abencerragen und der schönen Jarifa, dann der histor. Roman des Perez de Hita. So hatte sich die Kunst der Erzählung an mannigfachen Vorwürfen geübt, als ihr größter und reichster Meister Cervantes auftrat. Nicht nur sein genialer "Don Quixote", auch die Musternovellen sind dauernde Vorbilder in der Weltlitteratur geworden. Die span. Nachkommen haben zunächst den realistischen Roman nicht weiter gepflegt, um so eifriger die Novelle, mit Vorliebe in der ital. Rahmenform. Neben den schon genannten Sittenmalern sind noch Tirso de Molina, Montalvan, Mariana de Carvajal und Maria de Zayas hervorzuheben.

Die ital. Tragödie, selbst eine unglückliche Nachahmung Senecas, hat in Spanien im 16. Jahrh. eine Anzahl von Nachahmungen hervorgerufen, so durch Bermudez, Rey de Artieda, Virues, Leonardo da Argensola, meist roh und alle bühnenwidrig, Eigenschaften, die auch der einzigen bedeutendem unter ihnen, der "Numancia" des Cervantes, anhafteten. Die Bühne entwickelte sich hier wie überall aus dem geistlichen Schauspiel, das dort, wo es zum erstenmal seit dem 13. Jahrh. wieder auftritt, bei Gomez Manrique sehr verkümmert erscheint, auch noch bei Encina und Lucas Fernandez höchst einfach bleibt, weit entfernt von der prunkvoll phantastischen Gestalt, die es nach Lope de Vega vor allem in Calderons Autos (s. d.) gewann. Daneben ist ein lockerer, aber unverkennbarer Zusammenhang mit dem franz. Zwischenspiel zu bemerken, der auch in der Entlehnung der Benennungen Farsa und Jornada hervortritt. Reicher entwickelt sich die Farsa schon bei Torres Naharro, der einheimische mit franz. und ital. Anregungen kombinierte, und bei dem portug. Halbspanier Gil Vicente; aber beide sind steuerlos, sobald sie einen größern Stoff zu bewältigen suchen, ebenso wie 40 Jahre nach ihnen Rueda in den Comedias die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt hat, welche seine witzigen, bretterfertigen Pasos erweckten. Einen Fortschritt zeigen in verschiedener Hinsicht Cepedas "Conmedia selvage", eine Theaterbearbeitung der "Celestina", Carvajals "Josefina" und Cuevas histor. Dramen; zur festen Form gelangte man aber erst, als im letzten Drittel des 16. Jahrh. Madrid,