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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Stimme

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Stimme (physiologisch)

Instrumentalkomposition die einzelnen Stimmen zum Gebrauch der Sänger und Musiker enthalten. Die überwiegende Mehrzahl der ältern Kompositionen liegt nur in S. vor. Erst im 17. Jahrh. begann man Partiturausgaben (s. Partitur) zu veranstalten; auch dann noch wurden kostspielige Werke noch lange, Sinfonien bis gegen die Mitte des 19. Jahrh., lediglich in S. veröffentlicht.

Stimme (Vox), im physiol. Sinne der Inbegriff der Töne, die im tierischen Organismus beim Durchgange eines kräftigen Luftstroms durch den Kehlkopf willkürlich erzeugt werden. Es sind daher Lungen, Luftröhre, Kehlkopf, Mund- und Nasenhöhle sowie die Mitwirkung der Stimmnerven durch den Willen notwendige Erfordernisse zur Hervorbringung der S., und nur Säugetiere, Vögel (mit wenigen Ausnahmen) und einige Reptilien und Amphibien besitzen eine S., während die von manchen andern Tieren, z. B. einigen Fischen, Küfern, Grillen u. s. w. hervorgebrachten Töne sowenig wie die beim Husten, Schluchzen, Röcheln u. s. w. gehörten Geräusche Anspruch auf diese Benennung haben. Das menschliche Stimmorgan, das sich am besten mit einer Zungenpfeife mit zwei Zungen vergleichen läßt, ist zusammengesetzt aus einem tonbildenden Körper, d. i. der Kehlkopf (s. d.), aus einem Windrohr, das die Luft den membranösen Zungen zuleitet, d. i. die Luftröhre, aus einem Blasebalg, d. i. der Brustkasten mit den Lungen, die den Luftstrom erzeugen, und endlich ans einem Ansatzrohr, d. i. die Mund- und Nasenhöhle, welches den erzeugten Ton zum Klang, Vokal- oder Nasenlaut umwandelt. Geschaffen wird die S. in der Stimmritze, einer im Kehlkopfe durch die untern oder wahren Stimmbänder (ligamenta glottidis) gebildeten länglichen Spalte, indem diese Bänder von der ausgestoßenen Luft, wie Zungen in den sog. Zungenpfeifen, in Schwingungen versetzt werden. Die oberhalb des Kehlkopfes gelegenen Teile, namentlich die Mundhöhle, dienen als Schallraum und bewirken in ihrer verschiedenen Stellung die Klangfarbe des Tons. Die Stärke des Tons wird durch die Stärke des Luftstroms, seine Höhe durch die Länge und Spannung der Stimmbänder bestimmt. Daher haben Frauen und Kinder mit kürzern Stimmbändern eine höhere S. als Männer. Der Übergang der höhern Kinderstimme in die klangvollere und tiefere S. des Erwachsenen (Stimmwechsel, Mutation) findet während der Zeit der Pubertät statt. Die S. dient teils zur (lauten) Sprache, teils zum Gesänge, teils zu dem weniger als diese beiden artikulierten und modulierten Geschrei. (S. Sprachorgane.) Krankhafte Affektionen des Kehlkopfes und der übrigen Stimmorgane haben auch fast immer Veränderungen der S. zur Folge. Abweichungen von der Regelmäßigkeit der S. nennt man Stimmfehler (Cacophonia oder Paraphonia), gänzlichen Mangel derselben Stimmlosigkeit (aphonia). Die letztere beruht meist auf einer Stimmbandlähmung (s. Kehlkopf). Zu den Stimmfehlern kann man die hohe S. bei Kastraten und Männern, deren Geschlechtsteile überhaupt in der Entwicklung zurückgeblieben sind, sowie die tiefe S. bei sog. Mannweibern rechnen. Zu den Untersuchungen des Stimmorgans dient vorzüglich der Kehlkopfspiegel (s. d.).

In der Gesangsmusik bezeichnet S. die Fähigkeit, musikalische Töne hervorzubringen und zu verbinden, sowie auch die eigentümliche Beschaffenheit der Töne selbst. Die Güte der S. beruht vorzüglich auf der Gesundheit und Kraft der Stimmorgane und äußert sich durch Stärke, Deutlichkeit und Bestimmtheit, Reinheit, Leichtigkeit, Dauer, Gleichheit, Wohlklang und Fülle der Töne. In Hinsicht auf den Umfang nimmt man vier Hauptgattungen der S. (auch die vier S. genannt) an, nämlich Sopran oder die höhere Frauenstimme von c1 (mit 256 Schwingungen in der Sekunde) bis c2 (1021), Alt oder die tiefere Frauenstimme von f (171) bis f2 (684), Tenor oder die hohe Männerstimme von c (128) bis c2 (512) und Baß oder die tiefe Männerstimme von E (80) bis f1 (342). Nur wenige Töne, nämlich von c1 (256) bis f1 (342), sind allen Stimmlagen gemeinsam, haben aber bei jeder eine andere Klangfarbe. Zwischen dem tiefsten Baß- und höchsten Sopranton liegen etwas über 3½ Oktaven. Den Sopran nennt man Oberstimme, auch Hauptstimme, weil er jetzt in der Regel die Melodie hat; der Baß ist die eigentliche Grundstimme, auf deren Tönen die Accorde ruhen; die zwei mittlern heißen Mittelstimmen. Früher war der Tenor (s. d.) die Hauptstimme, woher auch sein Name stammt, und Alt (s. d.) bedeutet soviel wie hoher Tenor. Eine Zwischengattung zwischen Sopran und Alt ist der Mezzosopran. In der kontrapunktisch-mehrstimmigen Kunstmusik giebt es keine Haupt- oder Nebenstimmen, weil alle S. von gleicher Bedeutung sind. In jeder menschlichen S. unterscheidet man Seminarien oder Stimmregister. Sie ist nämlich Bruststimme und Kopfstimme. Die Töne der erstern werden durch gleichmäßige Verengerung, die der letztern durch teilweise Verschließung der Stimmritze hervorgebracht. Die tiefe männliche S. gebraucht fast nur das Brustregister. Die weiblichen S. sind von Natur entweder Diskantstimmen oder Altstimmen, die Knabenstimmen dem Tone nach gewöhnlich Altstimmen, wenn sie auch den Umfang des hohen Diskant haben. Beim Übertritt des Knaben in das Jünglingsalter verändert sich die S. und geht aus Diskant oder Alt in Tenor oder Baß oder eine Zwischengattung (Bariton) über. Aber durch Kastrieren oder Verschneiden während der Kindheit bleibt die S. stehen und erhält daneben männliche Fülle und Kraft, wodurch die S. der Kastraten (s. d.) entsteht. Das Verhältnis der vier Singstimmen hat man auch auf die übrige Musik übertragen und spricht von vierstimmigem Satze, sowie bei den Instrumenten von Diskant-, Mittel- und Grundstimme je nach ihrer Tonhöhe. Desgleichen nennt man jeden einer Singstimme oder einem Instrument übertragenen Anteil an einem Tonstück S. oder Partie, sei es Begleitung oder Hauptstimme. Die Besetzung der Partien durch mehrere Singstimmen oder Instrumente derselben Art bewirkt den Unterschied der Solostimmen und der Ripien- oder Füllstimmen. - Vgl. Liskovius, Physiologie der menschlichen S. (Lpz. 1846); Merkel, Anatomie und Physiologie des menschlichen Stimm- und Sprachorgans (ebd. 1857; 2. Aufl. 1863); Roßbach, Physiologie und Pathologie der menschlichen S., Tl. 1 (Würzb. 1869); Meyer, S. und Sprachbildung (Berl. 1870); Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen (5. Aufl., Braunschw. 1896); Grützner, Physiologie der S. und Sprache (in Hermanns "Handbuch der Physiologie", Bd. 1, Tl. 2, Lpz. 1879); Mandl, Die Gesundheitslehre der S. in Sprache und Gesang (Braunschw. 1876); Trüg, Die menschliche S., nach Lunns "Philosophy of voice" bearbeitet (Düsseld. 1892).