Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

554

Syrien

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Syrien'

nur vikariierende Lokalrassen; aber in dem heißen Jordanthal mischen sich einige tropische Elemente, wie Nektarinien, hinzu. Im Nahr-Zerka giebt es Krokodile; von Schlangen wurden 19 Arten gesammelt, darunter fünf giftige, z. B. die Cobra und die Hornschlange. Die verschiedenen Fischarten, nur im See Genezareth, schätzt man auf 42. Unter den niedern Tierformen giebt es über 40 Species von Heuschrecken, viele Käfer, besonders Bodenformen, wilde und zahme Bienen sowie zahlreiche, die Dürre liebende Landschnecken.

Die Bevölkerung, nach Abstammung und Religion gemischt, ist größtenteils semitisch. Die Mehrzahl besteht aus Mohammedanern, worunter viele eingewanderte Araber, mit Einschluß der Beduinen an den Grenzen des Landes, wenige Türken, die Herren des Landes, und einige im Norden des Landes umherziehende Turkomanen- und Kurdenstämme. Sehr zahlreich sind auch die Christen. (S. Syrische Kirche.) Sie sprechen sämtlich Arabisch, was überhaupt als die Landessprache zu betrachten ist, denn die Syrische Sprache (s. d.) ist in S. fast ganz ausgestorben. Außerdem giebt es in S. viele zum Teil aus den europ. Ländern eingewanderte Juden, namentlich in Palästina, wo sie noch geschlossene, auch ackerbauende Gemeinden bilden; ferner Nossairier (s. d.). Endlich giebt es in den Städten als Handelsleute Griechen und Franken, in den kath. Klöstern europ. Mönche, schließlich amerik. Missionare und deutsche Ansiedler (s. Tempelgesellschaft), herumziehende Kurbâd oder Zigeuner.

Im Altertum war die Fruchtbarkeit, dank der sorgfältigen Kultur und namentlich der künstlichen Bewässerungsanlagen, eine viel größere; selbst in der Wüste gab es noch über Palmyra hinaus blühende Städte und Oasen. Heutzutage zählt ganz S. etwa 2,6 Mill. E. (Über die polit. Einteilung s. Osmanisches Reich, Verfassung und Verwaltung.) Die bedeutendsten Städte sind Damaskus mit 150000, Aleppo (Haleb) mit 110000, Beirut mit 85000, Jerusalem mit 33851 E., ferner Jaffa, Akka, Hamah, Saida, Tripoli, Alexandrette und Mersina. Der Schiffsverkehr in den sieben Häfen betrug 7000 Schiffe mit 2,4 Mill. Registertons. Dem Landverkehr dient seit 1895 die Syrische Eisenbahn (s. d., Bd. 17).

Geschichte. Der älteste Kulturstaat im nördlichen S., den wir kennen, ist das Reich Naharina oder Mitanni, wie es nach den ägypt. und den einheimischen Urkunden heißt. Dieses wurde um 1400 v. Chr., nachdem es sich im 16. und 15. vorchristl. Jahrhundert entfaltet hatte, durch die aufstrebende Macht der nichtsemit. Hethiter (s. d.) vernichtet, die nun die leitende Stellung in Nordsyrien einnahmen, bis sich ihr Reich in eine Reihe kleiner Fürstentümer auflöste. Die Hethiter wurden schon sehr früh von semit. Einwanderern beeinflußt, aber in vielfach wechselndem Grade, so daß die Urbevölkerung an manchen Orten sich physisch fast völlig rein erhielt und nur semit. Sprache und Schrift annahm, in andern Gegenden aber sich auch physisch stark veränderte. So finden sich in der frühesten histor. Zeit «semitische» Aramäer über ganz S. verbreitet, im Süden und an der Küste die Kananäer, Phönizier und Hebräer, die zur Zeit Davids und Salomos auch die aramäischen Staaten von Damaskus, Zoba und den von Hamath von sich in Abhängigkeit brachten. Nach Salomo wurden diese Aramäer wieder selbständig, und namentlich die von Damaskus bildeten eine bedeutende Macht. Aber den (seit Tiglathpileser I., ↔ 1130–1100) nach Westen vordringenden Assyrern erlagen allmählich alle diese syr. Staaten und Städte, zuerst die Fürstentümer der Hethiter, deren einheimische Dynastien sich bis gegen 700 v. Chr. erhielten, um dann erst durch assyr. Statthalter ersetzt zu werden, später die Aramäer und Hebräer. Weiterhin wurde S. nacheinander dem babylon., pers., macedon. Weltreich einverleibt, bis die Seleuciden ein eigenes Reich in S. stifteten. Nach dessen Sturze kam S. unter die Herrschaft Roms und blieb mit seinem nördl. und westl. Teile auch unter dem oström. Kaisertum eine Provinz von diesem, während in seinem südöstl. Teil mehr oder minder unabhängige Araberfürsten (wie die Ghassâniden) sich festsetzten. Bei der Ausbreitung des Islam wurde es 635 dem Chalifenreich einverleibt. Die christl. Herrschaften, welche die Kreuzfahrer eine Zeit lang im Mittelalter in S. gründeten, bildeten nur ein kurzes Zwischenspiel in der mohammed. Herrschaft, die seitdem über S. nicht aufgehört hat. Denn bald kam das Land unter die Sultane von Ägypten und die Mamluken, unter deren Herrschaft es furchtbar von den Mongolen verwüstet wurde. Im 16. Jahrh. eroberten es (1518) die osman. Türken, seit welcher Zeit es fortwährend einen integrierenden unmittelbaren Teil des Osmanischen Reichs ausgemacht hat, bis auf die kurze Zeit der Herrschaft des Vicekönigs von Ägypten, Mehemed Ali (1833–40). Infolge dieses unaufhörlichen Wechsels der Herrschaften, der verheerenden Kriege, deren Schauplatz das Land fast fortwährend war, und der Barbarei der Herrscher ist es von seiner alten Blüte ebenso in polit. und socialer wie physischer Hinsicht heruntergebracht. Während S. im Altertum ein von gewerbthätigen und handeltreibenden Völkern bewohntes, mit einer Menge blühender Städte bedecktes, wohlangebautes, fruchtbares Land war, ist es jetzt im ganzen nur noch eine schwach bevölkerte, mehr mit Ruinen als mit Wohnungen bedeckte, schlecht bebaute, dürre und deshalb unfruchtbare Öde, in der nur die von den Drusen und Maroniten bewohnten Teile des Libanons und die unmittelbarste Umgebung der größern Hafenorte eine Ausnahme machen. Nach der Restauration der türk. Herrschaft hat die Verwilderung und Unsicherheit nur einen neuen Aufschwung genommen, wie die häufigen blutigen Zwiste zwischen den Drusen und Maroniten und das furchtbare Blutbad unter den Christen und die Verbrennung ihres Stadtviertels in Damaskus im Juli 1860 beweisen. Neuerdings sind für die Kenntnis der ältesten Geschichte von Nordsyrien die Ausgrabungen von Sendschirli (s. d.) von großer Bedeutung geworden.

Vgl. Ritter, Erdkunde von Asien, Bd. 17, Tl. 1 und 2 (Berl. 1854–55); Cowper, Sects in Syria (Lond. 1860); Burton und Drake, Unexplored Syria (2 Bde., ebd. 1872); Zwiedineck von Südenhorst, S. und seine Bedeutung für den Welthandel (Wien 1873); de Vogüé, Syrie, Palestine, Mont Athos (2. Aufl., Par. 1879); Sachau, Reise in S. und Mesopotamien (Lpz. 1883); Lortet, La Syrie d'aujoud'hui (Par. 1884); Baedeker, Palästina und S. (4. Aufl., Lpz. 1897); Hull, Memoir of the geology and geography of Arabia Petraea, Palestine and the adjoining districts (Lond. 1886); Diener, Beitrag zur Geographie von Mittelsyrien (in den «Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Wien», 1886); Meyers Reisebücher, Palästina und S. (3. Aufl., Lpz. und Wien 1895). Die polit. Geschichte S.s behandeln de Salverte, La Syrie avant 1860

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 555.