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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Tibet

galus, Artemisien, verkümmerte Nadelhölzer; an Sümpfen kommen Schilf, Ried, Nesseln, Wermut, Potentillen vor; doch sind die Ebenen häufig nur von Kies, Geröll und Sand, im Südosten auch von Löß erfüllt. In den Gebirgen unter 3300 m stellen sich Weiden, Tamarisken, Pappeln ein, über 3300-3900 m lebt eine hochalpine Staudenflora, und im Osten ruft der größere Wasserreichtum frischere Vegetation hervor. Frischgrüne Weiden und weinumrankte Pappeln stehen in den Flußthälern, im Sommer sprießen zahlreiche Blumen, aber dürre Wüsten treten dazwischen sogleich auf, wenn Wasser fehlt. In Osttibet findet sich Wald aus Birken, Wacholder, Pappeln, Espen oder Pinus obovata Ant. - Von Tieren leben auf den Wüstensteppen der Yack in Herden bis zu 1000 Stück, die Antilopen Procapra und Pantholops, die Saiga-Antilope, das Moschustier, Nager und Maulwürfe, das weißbrüstige Felsschaf Argali, der Pfeifhase, Murmeltiere, Wühlmäuse, Hamster, der tibetan. Wolf und der Bär Ursus lagomyiarius, endlich der Wildesel Kulan (Asinus kiang). Der Reichtum an Tieren grenzt an grasigen, bewässerten Stellen ans Fabelhafte. Einheimische wie Zugvögel sind häufig, besonders Geier, Raben, Schneefinken, der Star Podoces, an den Sümpfen Reiher, Kraniche, Steinhühner, Schnepfen und Raubvögel.

Die Bewohner sind im Norden Nomaden, im Süden und Osten seßhaft, im ganzen ein Halbkulturvolk mongol. Rasse (s. Tafel: Asiatische Völkertypen, Fig. 8, beim Artikel Asien). Die nördlichen sind dunkler, die südlichen heller. Eine Mittelstellung nehmen die Tanguten des Nordens zwischen Tibetanern und Mongolen ein, ein in Zeltlagern lebendes Nomadenvolk. Im Süden sind die, aus Bruchsteinen erbauten, festungsartig gestalteten, düstern Häuser zu Ansiedelungen vereinigt. Die Volksdichte ist gering, im Süden und Osten 10-25 pro Quadratkilometer, im Norden (Zajdam) 1-10 pro Quadratkilometer; der Nordwesten, die Mitte sowie Teile des Nordens sind fast menschenleer. (S. auch Indische Ethnographie, Bd. 17.) über die Religionen von T. s. Buddhismus (Bd. 17).

Politisch zerfällt das Hochland in drei Teile; der äußerste westl. Zipfel ist britisch (Ladach, s. d.), mit Leh als Hauptort; der Osten gehört der chines. Provinz Sze-tschwan an, mit Batang als Hauptort; der ganze Rest ist ein chines. Nebenland mit 1 912 000 qkm und 1 165 000 E., Hauptort ist Lhassa (s. d.). Ackerbau ist nur möglich im Brahmaputragebiet, in den Thälern der östl. Flüsse und im Zajdam. Ausgeführt werden Wollwaren, Filz, Metallwaren, Gold, Edelsteine, Moschus, Pelze, Hirschhorn; eingeführt Thee, meist Ziegelthee aus Han-tou und Sze-tschwan, Tabak, seidene Tücher. Ein chines. Resident sitzt in Lhassa, Garnisonen liegen in den größern Orten. Der Westen des Landes heißt Khor oder Ngari, der Osten Minjak; den Süden, Bodjul, nehmen die Landschaften Tsang, Wei oder Ü und Kham ein. Den Nordwesten bezeichnet man als Katschi, den Norden als Zajdam (Tsaidam) und Kuku-nor.

Die Erforschung T.s und des Kuen-lun gehört ausschließlich der Neuzeit an. Theoretisch erfaßte den Charakter des Gebietes zuerst Humboldt auf Grund chines. Quellen, vollständiger dann F. von Richthofen. 1856 überschritten die Brüder Schlagintweit zuerst den westl. Kuen-lun, der seitdem besonders von Engländern und Russen ausgiebig durchforscht wurde; unter ihnen ragen hervor Hayward (1868-70), die beiden Expeditionen von Forsyth (1870 und 1873-74), bei deren zweiter der Deutsche Stoliczka eine mustergültige geolog. Durchforschung des Gebirges ausführte; ferner Grombtschewski (1888-90) und Bogdanowitsch (1889). Die Entschleierung der Kettenzüge des mittlern Kuen-lun ist in erster Linie das Lebenswerk Prschewalskijs (1870-85). Neben ihm sind dann ferner noch zu nennen: der Pandit A-K- (Kischen-Singh, 1879-82), Carey und Dalgleish (1885-87), Rockhill (1889), Bonvalot und Henri von Orleans (1889-90) und besonders die Expeditionen von Graf Széchenyi (1879-80), wobei Bogdanowitsch die nordwestlichen, von Loczy die nordöstl. Teile des mittlern Nordrandes geologisch untersuchten. Die Erforschung der östl. Teile ist das Verdienst F. von Richthofens (1869-72), sowie von Obrutschew (1892-93) und Sven Hedin (1894-95). In neuester Zeit näherten sich die Expeditionen von Bonvalot und dem Prinzen Henri von Orléans, Rockhill (1891-92), Miß Taylor (1892-93), Bower (1891-93), Dutreuil de Rhins und Grenard (1891-94) und Littledale (1894-95), schließlich bis auf nur zwei Tagemärsche Lhassa. Den äußersten Südosten T.'s, die Gebirge zwischen Mekong, Irawadi-Quellen und Assam, erforschten 1895 Prinz Henri von Orléans und Roux.

Geschichte. Als die Wiege des Tibetischen Reichs wird die Gegend am Ja-lung-kiang in der jetzigen Provinz Sze-tschwan betrachtet. Dort saßen um 1240 v. Chr. die von den Chinesen K'iang oder Ti-K'iang genannten Stämme, welche um 1049 als Bundesgenossen des Kaiserhauses Tschou auftraten und 626 v. Chr. dem Fürsten von Tsin halfen, den von Thsin in Ho-nan zu besiegen. Die einheimische Geschichte der Tibeter oder Bod leitet ihre Könige von den ind. Sakja ab, denen der gleichnamige Buddha angehörte. Um die Mitte des 1. Jahrh. v. Chr. beginnt nach der Königsliste von Ladach mit Buddha-sri oder Nja-Khri-Tsan-po die Reihe der Könige von Jar-Lung. Unter dem chines. Kaiserhause der Han wurden die Tibeter 162 und 115 n. Chr. in Schen-si besiegt, ebenso 225 bei Ja-tschou durch den kaiserl. Feldherrn Tschu-ko-liang. Erst unter dem 25. Könige Hla-Tho-Tho-Ri breitete sich um 463 die Buddhalehre aus. Der Sitz der Könige war schon auf dem Mar-pho-ri (dem "roten Berge") bei Lhassa. Unter dem 29. Könige Nam-Ri-Srong-Tsan (578-629) erstreckte sich das Reich bis an die Grenze von Indien. Die damals mächtigen Thusan der chines. Geschichtschreiber waren ein den Tibetern verwandter Stamm. Seit dem 7. Jahrh. dehnte sich das Reich über Baltistan aus. Auch im Tarimbecken suchten die Tibeter festen Fuß zu fassen, wo sie indessen Ende des 7. Jahrh. mit den Chinesen in Kriege verwickelt wurden. Unter Khri-Tsong-de-tsan (742-786), welcher in Samjas am Brahmaputra seinen Sitz hatte, erstreckte sich die tibet. Herrschaft bis an die Grenzen des Chalifenreichs. Unter Ral-Pa-Tschan wurden Gelehrte aus Indien berufen, ind. Maß und Gewicht eingeführt und die großen Werke Kandschur und Tandschur begonnen. Später zerfiel T. in mehrere kleinere Reiche, von denen Ngari und Ladach bald voneinander getrennt, bald vereint waren, während im O. die Nan-tschao von Jün-nan aus vordrangen und im NO. das Reich der wohl teilweise verwandten Tanguten bestand. Um 1125 unterwarfen sich die Tibeter dem Kaiser von China, wurden aber bald von den Altan-Chanen besiegt, die ihrerseits später der Macht der Mongolen