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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Tibur; Tic; Tichatschek; Tichau; Tichodroma; Tichwin; Tichwinsches Kanalsystem; Ticino

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Tibur - Ticino (Fluß)

dessen Ruhm er die Elegie 2, 5 schrieb und den er auf dem Feldzuge nach Aquitanien 30 v. Chr. begleitete. Sonst lebte T. in der Stille auf einem kleinen Gute bei Tibur, starb aber schon in der Blüte seiner Jahre um 18 v. Chr. T. machen die Einfachheit seines Gefühlsausdrucks, die Zartheit seiner Naturschilderungen, die tiefe Sehnsucht nach treuer Liebe zu einer eigentümlichen Erscheinung unter den Dichtern des Augusteischen Zeitalters. Von den vier Büchern, in welche man die Elegien teilt, die unter seinem Namen auf uns gekommen sind, wird das dritte mit Recht ihm abgesprochen. Der Verfasser desselben nannte sich Lygdamus. Mehrere Elegien des vierten Buches sind von Sulpicia, einer Nichte Messallas, verfaßt, das erste Gedicht des vierten Buches von einem unbekannten jungen Dichter. Gute Ausgaben besorgten: Lachmann (Berl. 1829), Dissen (Gött. 1835), Haupt (zusammen mit Catull und Properz, 5. Aufl., von Vahlen, 1885), Lucian Müller (Lpz. 1870), Bährens (ebd. 1878), Killer (ebd. 1885). Übersetzungen von J. H. Voß (Tüb. 1810), Teuffel (Stuttg. 1853) u. a. - Vgl. auch Gruppe, Die röm. Elegie (Lpz. 1838).

Tibur, das heutige Tivoli (s. d.), in Latium am Abhange des Sabinergebirges, am Abfall des Monte-Ripoli auf dem linken Ufer des Anio (Teverone) gelegen, soll der spätern Sage nach von Siculern lange vor Rom gegründet sein. Als mächtige Stadt spielte sie in den Kriegen der Latiner gegen Rom eine Rolle, wurde aber 338 v. Chr. mit Präneste zusammen von L. Furius Camillus unterworfen und bildete von dieser Zeit an eine kleine Landstadt. Am Ausgang der Republik erhielt T. durch seine gesunde romantische Lage als Villenvorort von Rom wieder einige Bedeutung; namentlich Horaz hat es gefeiert. Zahlreiche Reste liegen in der Nähe der Stadt, etwa 4 km entfernt, in der Ebene am Fuße der Hügel, die mehrere Stunden im Umfang messenden, höchst bedeutenden Ruinen der Villa des Kaisers Hadrian, um 130 n. Chr. gebaut, Fundstätte vieler hervorragender Kunstwerke. Von sonstigen Resten aus dem Altertum sind bemerkenswert: ein Rundtempel oberhalb der Fälle des Anio (s. Tafel: Römische Kunst II, Fig. 2), in der Nähe ein kleiner ionischer Pseudoperipteros (Kirche San Giorgio).

Im 16. Jahrh. gehörte Tivoli der Familie Este; Kardinal Ippolito d'Este ließ durch Pirro Ligorio 1549 hier eine Villa anlegen, welche eine der großartigsten Schöpfungen dieser Art und noch jetzt, trotz langer Vernachlässigung, eine der sehenswürdigsten Renaissanceanlagen ist. 1826 riß der Anio bei sehr starkem Hochwasser einen Teil des Ortes weg, worauf durch zwei den Monte-Catillo durchbohrende Tunnel etwa der Hälfte des Flusses eine Ableitung oberhalb der Stadt geschaffen wurde (1835). - Vgl. Viola, Storia di Tivoli (2 Bde., Rom 1819); Nibby, Analisi della carta de' dintorni di Roma, Bd.3 (ebd. 1849); Winnefeld, Die Villa des Hadrian bei Tivoli (Ergänzungsheft 3 der "Jahrbücher des königl. deutschen Archäologischen Instituts", Berl. 1895).

Tic (frz., soviel wie Zucken, Verziehen des Gesichts), Gesichtsschmerzen, die sich in zwei Arten, dem T. douloureux und dem T. convulsif, unterscheiden. Der T. douloureux (spr. duluröh), auch Prosopalgie oder Fothergillscher Nervenschmerz, ist eine sehr schmerzhafte Neuralgie des fünften Gehirnnerven (s. Gesichtsschmerz); während der T. convulsif (spr. kongwülsíf) oder Mimische Gesichtskrampf (s. d.) in klonischen Krämpfen der vom Nervus facialis, dem Gesichtsnerv, versorgten Muskeln besteht. - Auch heißt T. soviel wie Grille, launenhafte Eigenheit.

Tichatschek, Jos. Aloys, Bühnensänger (Tenor), geb. 11. Juli 1807 zu Oberweckelsdorf in Böhmen als der Sohn eines Landmanns, ging 1827 nach Wien, nahm daselbst Gesangunterricht, wirkte im Chor der Hofoper mit und begann seine eigentliche theatralische Solistenlaufbahn 1834 in Graz. Dann gastierte er in Wien und Dresden und wurde 1838 am Dresdener Hoftheater angestellt, dem er bis zu seiner Pensionierung 1872 angehörte, zugleich auch als Kammersänger bei der Hofkirchenmusik fungierend. Auch sang er als Gast auf sämtlichen größern deutschen Bühnen sowie in London, Amsterdam, Stockholm u. s. w. Er starb 18. Jan. 1886 in Dresden. Hinsichtlich der Ausgiebigkeit und Ausdauer der Stimme war T. ein Phänomen. Seine Mittel wiesen ihn auf Heldentenorpartien hin; doch hat er auch in der sog. Spieloper Erhebliches geleistet. T. war der erste Sänger, der in Wagnerschen Heldenpartien (Rienzi, Tannhäuser, Lohengrin) auftrat; gerade in ihnen hat er außerordentliche Erfolge erzielt.

Tichau, preuß. Dorf, s. Bd. 17.

Tichodroma, s. Mauerläufer.

Tichwin. 1) Kreis im nördl. Teil des russ. Gouvernements Nowgorod, mit Flüssen, die zumeist zum Ladogasee, nur im O. und S. zur Wolga und Msta gehen, hat 18 607,6 qkm, 94 500 E., viele Seen (206 qkm) und Sümpfe; Ackerbau (nur Winterroggen, Gerste und Hafer), Waldindustrie, Schiffahrt und 120 Fabriken. - 2) Kreisstadt im Kreis T., an der Tichwinka, hat (1893) 6613 E., Post, Telegraph, 7 Kirchen, 3 Klöster, Stadtbank; Schmiedearbeiten, Schiffbau, Schifffahrt, Handel mit Getreide und Holz. Bei T. findet eine Umladung der Waren statt, die auf dem Tichwinschen Kanalsystem (s. d.) aufwärts oder abwärts zu gehen haben.

Tichwinsches Kanalsystem, System von Kanälen im nordwestl. Teil des europ. Rußlands, das die Newa mit der Wolga verbindet. Seine Hauptbestandteile sind der Sjaß, der in den Ladogasee mündet (86 km), die Tichwinka (115), der Tichwinsche Kanal zwischen Tichwinka und dem See Somino (31), eine Reihe Flüsse und Seen, die den Somino mit der Tschagodoschtscha verbinden (41), diese selbst (149), endlich die Mologa, die in die Wolga mündet (196), zusammen 618, von der Mündung der Newa bis zur Mündung der Wolga 3590 km. Das T. K. passierten 1893: 320 Dampfer, 4525 Kähne und 6109 Flöße.

Ticino (spr. titsch-) oder Tessin, bei den Alten Ticinus, linker Nebenfluß des Po, entspringt mit der kleinern Quelle am St. Gotthard, mit der größern am Nufenenpaß. Das Nufenenwasser fließt durch das Bedretto (s.d.); der andere braust in ununterbrochenen Fällen durch das wilde Thal Tremola (Trümmelthal). Von Airolo ab vereint, durchfließen sie das Hauptthal des schweiz. Kantons Tessin, das bis Biasca Leventina (s. d.), von Biasca bis Bellinzona Riviera heißt. Hinter Rodi-Fiesso durchbricht der T. den Platifer (Mont-Piottino) und stürzt in Wasserfällen durch die Felsschlucht der tiefern Thalstufe zu. Bei Biasca nimmt er den Brenno (s.d.), bei Arbedo die Moesa (s. Mesocco) auf; erreicht unterhalb Bellinzona, zahlreiche Inseln bildend, durch versumpftes Schwemmland bei Magadino den Lago Maggiore (s. d.). Bei Sesto Calende verläßt er den See als klarer, schiffbarer Fluß von