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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Tiergeographie

same, im wesentlichen aus denselben Gestalten zusammengesetzte cirkumpolare Fauna (weiß auf Karte I); die Tierwelt der gemäßigten Alten und Neuen Welt besteht, wenn auch aus andern, so doch oft sehr ähnlichen und einander vertretenden (sog. vikariierenden) Arten und zeigt eine große Übereinstimmung in der Physiognomie.

Es ist nun leicht begreiflich, daß der Bestand der Fauna eines Landes im Laufe der Zeit sich ändern muß; mit den örtlichen Verhältnissen ändern sich die Tierarten, manche sterben aus und neue wandern ein, so daß es oft sehr schwer, ja unmöglich ist, zu sagen, welche Geschöpfe an einer Lokalität wirklich autochthon sind. Das Einwandern neuer Arten wird um so leichter vor sich gehen, je besser dieselben aktiv oder passiv dazu befähigt sind oder je bequemer ein Land zu erreichen ist. Fledermäuse, Insekten, Vögel, obwohl diese letztern die modernste Wirbeltierordnung bilden, haben eine weitere Verbreitung, als andere langsame und an der Scholle haftende Tiere. Auch die Gegenwart passender Straßen erleichtert das Einwandern: solche Straßen sind Inselketten, wie die Alëuten und die Kurilen, die Thäler großer Ströme (z. B. für Einwanderungen nach Westeuropa die Donau, nach Norden der Rhein), bisweilen auch hohe Gebirge, namentlich Längsgebirge, welche es durch ihre Temperaturverhältnisse Tierarten des kalten und gemäßigten Tieflandes ermöglichen, weit gegen den Äquator hin vorzudringen - es reichten sich z. B. in den hohen Gebirgen Mexikos und der Landenge von Panama, ja selbst Chiles eine arktische und antarktische Fauna die Hand. So finden sich in allen Erdteilen zwei Faunen nebeneinander: eine altursprüngliche und eine (bisweilen auch mehrere hintereinander) sekundär eingewanderte. Es giebt aber Barrieren, welche die Tierarten bei ihrer Ausbreitung nur schwer oder gar nicht zu durchbrechen vermögen: solche Barrieren sind große, namentlich aber auch tiefe Meeresteile, Steppen und Wüsten, sehr hohe Gebirge, besonders wenn sie (wie die Alpen und Himalajakette) mehr in der Richtung der Breitengrade verlaufen, und gewaltige Ströme, abgesehen von kleinern, mehr lokalisierten Hindernissen, wie wenn etwa schon an der betreffenden Stelle eine in gleicher Weise lebende, aber stärkere und daher im Kampfe ums Dasein siegreichere Art vorhanden wäre. Wir können uns wohl vorstellen, wie in ungeheuer langen Zeiträumen Länder einmal innig miteinander vereinigt waren, dann sich mehr und mehr trennten und auf lange Zeit durch für Tiere unüberwindliche Schranken geschieden wurden, sich wieder, aber in anderer Kombination, hoben und vereinigten, und durch dieses abwechselnde Spiel von langdauernder Verbindung und Isolierung mußten die verschiedenen Faunen in ihrer oft so merkwürdigen Zusammenstellung und Mischung entstehen. Meistens passen sich die Arten den veränderten Verhältnissen an; seltener aber bleiben sie, wenigstens in ihren Hauptmerkmalen, unverändert und von der neu hinzutretenden Fauna auffallend verschieden, sie bilden sog. Reliktenfaunen (so z. B. Glacialrelikte seit der Eiszeit, Meerrelikte von noch frühern Epochen u. s. w.). Nach den jetzigen Verbreitungsverhältnissen teilt man die Erde in zoogeographische Regionen. Deren stellte Wallace folgende auf: Die australische Region (auf Karte 1 blau) besteht aus allem Lande östlich von einer durch die Bali-, Lombok- und Makassarstraße im Osten der Philippinen und Bonininseln bis zum 30.° nördl. Br. verlaufende Linie und umfaßt auch die Sandwich- und Marquesasinseln sowie im Südosten Neuseeland. Diese Region befindet sich seit lange in der Isolierung, sie ist reich an altertümlichen Tiergestalten: hier allein werden Kloaktiere gefunden, hier hausen von den 36 bekannten Gattungen der Beuteltiere 33, und von den 322 hier vorkommenden Vogelgattungen haben 204 in keinem andern Teile der Erde Vertreter, und es finden sich unter ihnen so merkwürdige Tiere wie die Paradiesvögel, die Kasuare, die Erdpapageien, die Kiwis, der Leierschwanz u. s. w. Hochcharakteristisch für die Region ist weiter der Reichtum an Papageien (44 Proz. der Arten) und Tauben. Die Einwanderung von Nordwesten her ist unbedeutend, und die eingewanderten Formen nehmen von Celebes nach Neuseeland stufenweise ab. Östlich und südöstlich von Neuguinea finden sich von Säugetieren außer Beuteltieren, die aber nicht weiter gehen als auf das kontinentale Australien und Tasmanien, nur Fledermäuse (fliegende Hunde und in Neuseeland eine eigene echte Fledermaus als einzig autochthones Säugetier) und einige wenige Mäuse, also fliegende und hochgradig polytrope Formen und daneben noch ein, jedenfalls vom Menschen eingeführter und verwilderter Hund (der Dingo). Ganz oben im Nordosten auf den Sandwichinseln mischen sich einige amerik. Elemente von Insekten und Reptilien bei, und manche Beziehungen der Fauna der Region zur südamerikanischen sind unverkennbar, es wäre aber übereilt, hieraus auf einen Zusammenhang der austral. Region mit Südamerika zu schließen. Solche Beziehungen finden sich öfter, so zwischen Südamerika und Westafrika, Afrika und Indien, Ostnordamerika und Europa, Westnordamerika und Ostasien, aber sie sind noch nicht beweisend für ein früheres Vorhandensein einer Atlantis oder einer Lemuria; derartige faunistische Anklänge können doch auch sonst verschiedene Ursachen haben, sie können auf ein durch Zufälligkeiten, Wind, Meeresströmungen u. s. w. veranlaßtes langsames Einwandern deuten, manche sind aber gewiß nur sozusagen scheinbar specialer, in Wahrheit aber allgemeiner Natur. Es kann eine Gesellschaft von nahe verwandten Tierformen in der Vorwelt einst weit verbreitet gewesen sein, aber ihre große Masse starb aus, und nur hier und dort auf der Erde hielten sich unter ihnen besonders zusagenden Lebensbedingungen einige derselben, so daß man gegenwärtig einer wunderbar versprengten Verbreitung gegenübersteht, für die aber häufig durch das Studium der fossilen Formen ein Verständnis zu erlangen ist. Es ist wahr, in der Jetztwelt leben bloß in Südamerika und auf Malaka, Sumatra und Borneo Tapire, aber es ist, geologisch gesprochen, noch gar nicht so lange her, daß sie auch Bestandteile der westeurop. Fauna ausmachten. Makis bewohnen zur Zeit nur das tropische Afrika, Madagaskar und Ostindien mit seinen Inseln, aber wir kennen Verwandte von ihnen aus dem Eocän Nordamerikas und Frankreichs. Nach der Eiszeit rückten eine Anzahl von Norden mit der Vergletscherung eingewanderte Formen in der nördl. Erdhälfte in die hohen Gebirge hinanf und bildeten hier eine Reliktenfauna.

Weniger isoliert als die australische ist die neotropische Region (auf der Karte grün), bestehend aus dem ganzen kontinentalen Südamerika nebst Westindien, den Galapagos, Falklandinseln,