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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Tirol

streng. Dagegen ist in den südlichen, vornehmlich in den tridentinischen Alpenthälern die Hitze oft so heftig, daß die Einwohner genötigt werden, während des Sommers im Gebirge gelegene Wohnungen aufzusuchen. Der Südwind fällt zuweilen durch die ermattende Schwüle lästig. Besonders gemäßigt und gesund ist die Gegend von Meran und Arco. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Bludenz 8,2, Innsbruck 8,1, Vent (im Ötzthal, 1845 m) nur 1, Lienz (im Pusterthal) 7,5, Bozen 12,2, Meran 11,7, Trient 12,6° C. Die mittlere jährliche Regenmenge

ist am geringsten im obern Innthal, am bedeutendsten in Vorarlberg (Bregenz 1500 mm). T. zählt mehr als 200 Heilquellen, von denen das Mitterbad im Thale Ulten (Eisenquelle), das Brennerbad auf dem Brenner (eine indifferente Therme), Prags und Innichen im Pusterthal, Obladis im Oberinnthal und Rabbi im Sulzberg am besuchtesten sind.

Bevölkerung. Die Bevölkerung nimmt wie die aller Alpenländer nur sehr langsam zu. Sie betrug 1880: 805176, 1890: 812696 (397979 männl., 414717 weibl.) E., d. i. eine Zunahme von jährlich 0,09 Proz.; mit Vorarlberg 1830: 797405, 1840: 830948, 1850: 858203, 1857: 851016, 1869: 878907, 1880: 912549 und 1890: 928769 (454769 männl., 474000 weibl.) E., d. i. eine Zunahme von 0,18 Proz. Dem Religionsbekenntnis nach waren 809594 römische Katholiken (99,6 Proz.), 1662 Evangelische Augsburger und 523 helvetischer Konfession und 601 Israeliten; der Nationalität nach 437393 (54,8 Proz.) Deutsche, 359931 (45 Proz.) Italiener und Ladiner. Die Sprachgrenze zwischen Deutschen und Italienern, im Osten Ladinern, beginnt an der Zufallspitze im Ortlergebiet im Westen, verläuft längs der Wasserscheide zwischen dem Vintschgau (oberes Etschthal) und dem Sulzberg bis Fondo und biegt hier nach Süden um, wo Salurn im Etschthal die Südgrenze des zusammenhängenden deutschen Sprachgebietes bildet. (Einige deutsche Sprachinseln liegen noch weiter im Süden, besonders um Trient und Rovereto.) Sie biegt hier nach Osten ab, verfolgt den Westabhang des Fleimser und Fassathals, geht dann über die Seißer Alpe nach St. Ulrich im Grödener Thal und erreicht in Welsch Ellen im Vigilthal den nördlichsten Punkt, von wo an sie nach Osten bis Landro an der Toblacher Reichsstraße zieht und hier die Grenze zwischen T. und Italien erreicht. Die Sprachgrenze zwischen Italienern (im Süden) und Ladinern (im Nordosten) verläuft zwischen Forno und Predazzo bis an die Landesgrenze. Die Ladiner (ungefähr 16000) bewohnen das Fassa-, das Grödener, Abtei- und Enneberger Thal. (S. die Ethnographische Karte von Österreich-Ungarn.) In T. und Vorarlberg konnten 90,37 Proz. Männer und 87,35 Proz. Frauen lesen und schreiben. Die Zahl der Geburten betrug 1895: 25027 (davon 580 Totgeborene), der Eheschließungen 5514, der Sterbefälle 21325.

Land- und Forstwirtschaft. Der Boden ist nur mittelmäßig fruchtbar, größtenteils steinig und felsig und selbst in den Thälern mehr zu Weiden als zu Ackerland tauglich. Von der ganzen Bodenfläche sind 81,1 Proz. produktiv; hiervon kommen 5,3 Proz. auf Äcker, 0,4 Proz. auf Weingärten, 6,1 Proz. auf Wiesen, 4,2 Proz. auf Hutweiden, 0,15 Proz. auf Gärten, 25,7 Proz. auf Alpen und 38,8 Proz. auf Waldungen. Der Hauptsitz des Ackerbaues ist im untern Innthal und in Südtirol. Geerntet wurden im zehnjährigen Durchschnitt 1885-94 in T. und Vorarlberg 234900 hl Weizen, 419200 hl Roggen, 175500 hl Gerste, 140200 hl Hafer, 431700 hl Mais, 1170900 hl Kartoffeln, 33456 hl Hülsenfrüchte, 715287 t Heu. Flachs (517 t), Hanf (221 t) und Tabak (323 t) werden im großen gebaut. Ein Haupterzeugnis von Südtirol ist der Wein (s. Tiroler Wein); im zehnjährigen Durchschnitt betrug die Jahresernte 331771 hl. Der Obstbau wird am stärksten im südlichen T., besonders um Trient, Bozen, Meran und im Etschthal betrieben. Die Äpfel des Innthals werden weit versendet. Das Klima des südlichen T.s gestattet schon die Kultur der Südfrüchte (Orangen, Citronen, Feigen und Oliven). Quitten, Kastanien (1167 t), Mandeln und Pfirsiche gehören in Südtirol schon zu den gemeinern Fruchtgattungen. Die Rindviehzucht blüht in hohem Maße. 1890 wurden in T. gezählt 15246 Pferde, 6248 Maultiere und Esel, 402989 Rinder, 207329 Schafe, 96733 Ziegen, 63597 Schweine, 41092 Bienenstöcke. Die Bienenzucht wird in einigen südl. Gegenden viel betrieben, die Seidenraupenzucht, als ein wichtiger Nahrungszweig, in Südtirol. Die Waldungen sind von großer Bedeutung, wenngleich durch schlechte Bewirtschaftung herabgekommen. Neuerdings werden seit der Überschwemmung 1882 von seiten des Staates Wiederaufforstungen und Wildbachverbauungen, namentlich in den südlichern Landesteilen, unternommen. T. und Vorarlberg haben einen Waldstand von (1895) 1108576 ha, meist Nadelholz. Die Jagd ist sehr ansehnlich, hauptsächlich auf Gemsen, Rotwild, Hasen und Federwild. In Südtirol wird der Vogelfang getrieben. Die Gebirgswässer und Seen enthalten treffliche Fische.

Bergbau. Der Bergbau besteht seit alter Zeit. 1895 wurden gewonnen 17453 t Braunkohlen, 1588 t Eisenerze, 1066 t Kupfererze, wovon 78 t silberhaltig waren, 209 t silberhaltige Bleierze, 1986 t Zink-, 107 t Schwefelerze und 404 t Asphaltsteine. Hieraus wurden im Hüttenbetriebe erzeugt: 982 kg Silber, 147 t Kupfer, 865 t Frischroh- und 186 t Gußroheisen und 80 t Kupfervitriol im Werte von 225403 Fl. Die Staatssaline Hall bei Innsbruck lieferte 1895: 13 t Steinsalz, 14369 t Sudsalz und 559 t Industrialsalz im Werte von 1163822 Fl. Die Zahl der beim Bergbau und Hüttenbetrieb beschäftigten Arbeiter betrug 1892: 1622.

Industrie. Am bedeutendsten ist entwickelt in Nordtirol die Baumwollspinnerei mit 7 Fabriken, 1118 Arbeitern und 109636 Feinspindeln, die Streichgarnspinnerei (8 Fabriken, 6710 Feinspindeln), die Streichgarnweberei (8 Fabriken, 120 mechan. Stühle), die Baumwollweberei (8, 1767) und in Südtirol die Erzeugung von Rohseide (33 Fabriken lieferten 1890: 71605 kg), die Seidenspinnerei (12 Fabriken, die mit 22 662 Spindeln 20000 kg Seide spannen) und die Seidenwebereien (5). Die Spinnerei und Weberei von Flachs und Schafwolle ist Hausindustrie. Zu erwähnen sind ferner die Eisenwarenfabrikation im Stubaier Thal, die Holzschnitzerei im Grödener Thal, die Teppichweberei im Pusterthal, die Verfertigung von Büchsen, die Marmorindustrie in Südtirol (Laaser Marmor). Die Zahl der Branntweinbrennereien beträgt 7112 in T. und Vorarlberg, es sind aber nur kleine mit der Landwirtschaft verbundene Brennereien, die 1895: 3454 hl Alkohol erzeugten. Auch die Bierbrauereien (1895: 115) sind meist kleinere Unternehmungen, welche 309174 hl Bier erzeugten. In den beiden Staatsfabriken zu Schwaz (Nord-^[folgende Seite]