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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Tongking

Schiffslieutenant Garnier nach T. entsendet, die sich der Citadelle von Ha-noi bemächtigte, dann aber zurückgetrieben wurde. Ein zwischen dem franz. Gouverneur von Cochinchina und der annamit. Regierung 15. März 1874 geschlossener Vertrag ließ T. im Besitz des Kaisers von Annam; doch wurde den Franzosen freie Schiffahrt auf dem Roten Flusse zugesichert. Als chines. Seeräuber den franz. Handel in T. belästigten, sendeten die Franzosen im März 1882 fünf Compagnien Marinetruppen unter Kapitän Rivière nach T. und bereiteten, nachdem 2. April Ha-noi besetzt worden war, die dauernde Erwerbung des Landes vor. Der Kaiser von Annam rief nunmehr China, das eine nominelle Oberhoheit über T. behauptete, um Schutz an, worauf im Sept. 1882 ein chines. Heer von 10 000 Mann in T. einrückte.

Am 17. Juli 1883 starb der Kaiser von Annam, Tu-duk, ohne Söhne zu hinterlassen, und den Thronstreit, der nun ausbrach, suchten die Franzosen sich zu nutze zu machen. Am 25. Aug. schloß der zum Generalkommissar für T. ernannte franz. Generalkonsul Harmand in Hue mit dem neuen Kaiser Hiep-Hoa einen Vertrag, durch den Frankreichs Schutzherrschaft über Annam festgesetzt und die Provinz Binh-tuan mit der franz. Kolonie Cochinchina vereinigt wurde. Da jedoch die gleichzeitig mit China geführten Unterhandlungen erfolglos verliefen, so wurde Admiral Courbet angewiesen, die Operationen mit Nachdruck wieder aufzunehmen, worauf er 16. Dez. 1883 die Festung Son-tai erstürmte. Nachdem darauf General Millot den Oberbefehl übernommen und 12. März 1884 Bac-ninh erobert und die Citadelle von Hung-hoa genommen hatte, hielten die Franzosen beim Eintritt der Regenzeit alle strategischen Stützpunkte im Delta besetzt.

Diese Erfolge der Franzosen machten Eindruck auf die chines. Regierung, und sie ließ sich 11. Mai 1884 zum Abschluß des Vertrags von Tien-tsin herbei, worin sie alle Rechte auf Annam und T. aufgab, während Frankreich auf seine Entschädigungsansprüche verzichtete. Darauf schloß Frankreich 6. Juni 1884 einen neuen Vertrag mit Annam, der die auswärtige Politik dieses Reichs völlig unter den Willen des franz. Residenten stellte, die Verwaltung der Zölle, der öffentlichen Bauten u. s. w. franz. Beamten überließ, Hue und andere wichtige Plätze franz. Truppen einräumte sowie mehrere Häfen freigab, wofür Frankreich die im vorigen Jahr erhaltenen Provinzen an Annam zurückstellte. Gemäß den Abmachungen mit China sollte Frankreich den Grenzort Lang-son besetzen dürfen. Bei dem Vormarsch franz. Truppen kam es jedoch, da die Chinesen das Land noch nicht geräumt hatten, bei Bac-le 23. Juni zu einem Gefecht, in dem die Franzosen geschlagen wurden. Da Frankreich Entschädigungsansprüche erhob, die China nicht anerkannte, entbrannte der Kampf von neuem. Aber wenn auch Viceadmiral Courbet den Hafen Ki-lung an der Nordspitze der Insel Formosa blockierte, auf dem Minflusse die chines. Flotte 23. Aug. in den Grund bohrte und das Arsenal von Fu-tschou zerstörte, die Chinesen ließen sich nicht einschüchtern, sondern sandten neue Truppen nach T. General Brière de l'Isle, der im Sept. 1884 an Stelle des Generals Millot den Oberbefehl übernommen hatte, rückte gegen Lang-son vor und schlug 3. und 4. Jan. 1885 die chines. Vorhut östlich von Chu. Am 12. Febr. fand bei Lang-son ein sechsstündiger blutiger Kampf statt, worauf die Franzosen die Stadt besetzten. Inzwischen hatte ein aus Jün-nan im Thale des Roten Flusses nach T. eingerücktes zweites chines. Heer die Festung Tujen-kwang eingeschlossen, die dringend des Entsatzes bedürfte. General Brière de l'Isle sah sich daher genötigt, sein Korps angesichts eines numerisch überlegenen chines. Heers zu teilen. Er übertrug dem General de Négrier den Befehl bei Lang-son und zog in Eilmärschen Tujen-kwang zu Hilfe, wo er 2. und 3. März das 20 000 Mann starke chines. Belagerungskorps schlug. Inzwischen hatte sich die Lage im östlichen T. sehr zum Nachteil verändert. Die Chinesen griffen an verschiedenen Punkten franz. Garnisonen an, und General de Négrier rückte deshalb 22. März von Lang-son aus gegen That-ke vor, eroberte nach blutigem Kampfe am 23. bei Bang-bo einige Werke, wurde aber am 24. von den Chinesen entscheidend geschlagen. Die Franzosen mußten nach Chu und Bac-le zurückgehen, und die Chinesen besetzten Lang-son. Diese Schlappen des Landheers vermochte die franz. Flotte wenigstens teilweise wettzumachen. Sie blockierte die Insel Formosa, den Meerbusen von Pe-tschi-li und die Mündung des Jang-tse-kiang und verhinderte die Reiszufuhr nach dem nördl. China, während es dem Obersten Duchesne gelang, 8. März 1885 die Feinde aus der Stadt Ki-lung zu vertreiben. Da beide Teile des kostspieligen Krieges müde waren, wurde auf Grund der im April 1885 vereinbarten Präliminarien 9. Juni der definitive Friede zu Tien-tsin geschlossen, auf Grund dessen Frankreich T. erhielt, dagegen ohne Kriegsentschädigung die besetzten chines. Gebiete räumen mußte. So hatten die Franzosen nur noch mit den Schwarzen Flaggen (s. d.) und den Annamiten zu thun, deren Widerstand der neu ernannte Oberbefehlshaber General Courcy bis zum Mai 1886 niederwarf. Schon 26. Jan. dieses Jahres hatte die franz. Regierung durch ein Dekret die Organisation des Protektorats über T. festgestellt; ein Generalresident, der in Ha-noi residiert, und zwei Oberresidenten, die ihren Sitz in Hue und Ha-noi haben, wurden an die Spitze der Verwaltung gestellt. Schon im Okt. 1887 wurde T. mit Cochinchina, Kambodscha und Annam zu dem Gebiet Indochina vereinigt und einem Generalgouverneur unterstellt, doch behielt es, wie jene, seine gesonderte Verwaltung. Völlig geordnete Verhältnisse konnten jedoch bisher noch nicht in T. Platz greifen, da das Land durch Räuber- und Piratenbanden fortwährend beunruhigt wird. Dazu kommt, daß die Einnahmen die Ausgaben lange nicht decken, obwohl Frankreich durch den Bau von Straßen und Eisenbahnen viel für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes thut. Im Juli 1893 wurde Siam durch die Blockade des Menam gezwungen, das linke Ufer des Me-kong als Grenze des franz. Indochina anzuerkennen.

Litteratur. Dupuis, L'ouverture Fleuve Rouge au commerce et les évènements du Tonkin 1872-73. Journal de voyage et de l'expédition (Par. 1879; Bd. 2 der "Mémoires de la Société académique indo-chinoise de Paris"); Bouinais und Paulus, L'Indo-Chine française contemporaine (2. Aufl., 2 Bde., ebd. 1885-86); Imbert, Le Tonkin industriel et commercial (ebd. 1885); Millot, Le Tonkin (ebd. 1888); L'affaire du Tonkin, par un diplomate (ebd. 1888); Lehautcour, Les expéditions françaises au Tonkin (ebd. 1888); Ferry, Le Tonkin et la mère-patrie (ebd. 1890); Heinrich Prinz von Orléans, Autour du Tonkin (2. Aufl., ebd. 1896); Rousset de Pomaret, L'expédition du Tonkin (ebd.