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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Torpedo

die ersten, allerdings erfolglosen Versuche mit Offensivtorpedos in einem unterseeischen Torpedoboot beim Angriff gegen das engl. Linienschiff Eagle 1776 und die Fregatte Cerberus 1777. Erst 20 Jahre später nahm Fulton ähnliche Versuche mit seinem Taucherboot Nautilus vor, mit dem er 1801 auf der Reede von Brest unter Wasser tauchte und durch eine "unterseeische Höllenmaschine", einen Treibtorpedo von 10 kg Pulverladung, der durch ein Harpunengeschoß an feindlichen Schiffen befestigt wurde und durch Schlagwerk zündete, ein Fahrzeug in die Luft sprengte. (S. Tafel: Torpedos und Seeminen, Fig. 3b.) Bald sah er jedoch selbst die Unbrauchbarkeit seines Unterwasserbootes ein und konstruierte einige andere Arten T., namentlich einen T. mit Schlagwerk, der die Entzündung beim Ablaufen einer Uhr bewirkte und als unterseeische Mine verankert wurde (Fig. 3a); 1814 machte er auch Versuche, mit einer Kanone unter Wasser zu schießen. Erst im amerik. Bürgerkrieg wurden T. häufiger verwendet. Zuerst benutzte man mit Pulver gefüllte und mit Kontaktzündern versehene Fässer, die man etwas unterhalb der Wasseroberfläche durch die Strömung gegen den Feind treiben ließ; schon weit vollkommener war der Singertorpedo mit Ladungen bis 50 kg Pulver. Bald jedoch begannen die Spieren- oder Stangentorpedos ausgedehnte Verwendung auf Dampfbarkassen und gedeckten eigentlichen Torpedobooten (s. d.) zu finden. Sie sind am Vorderteil der Boote mit einer etwa 7 m vor dem Bug auszuschiebenden Stange befestigt. Beim Angriff werden sie, bevor man mit dem feindlichen Fahrzeug in Berührung kommt, über Wasser gehalten und dann etwa 2½ m unter Wasser gesenkt, nachdem vorher der elektrische Strom durchgeleitet ist. Durch den Kontakt mit dem Feinde schließt sich der Strom, und die Explosion erfolgt. Der Harvey-, Otter- oder Schlepptorpedo, nach seinen Erfindern, den Brüdern Harvey, Kapitänen in der engl. Marine, so benannt, hat die ungefähre Form eines Schiffsrumpfes , ist 1 bis 1½ m lang und wird von dem angreifenden Schiffe auf 20 bis 30 m Entfernung durch eine Vorrichtung seitwärts an der Oberfläche geschleppt. Jene Vorrichtung gestattet, daß der T. kurz vor dem Angriff durch Nachlassen des Schlepptaues tauchen kann, um so unter den Boden des feindlichen Schiffs zu gelangen und dort durch Kontakt mit seinen Zündern zu explodieren. Da sich indes herausstellte, daß der Harveytorpedo den eigenen Schiffen beim Manövrieren beinahe ebenso gefährlich werden kann wie dem Feinde, so hat man ihn in fast allen Marinen wieder abgeschafft.

Einen wesentlichen Aufschwung nahm das Torpedowesen durch den Fischtorpedo, eine Erfindung des österr. Seeoffiziers Lupis. Dieser T., gewöhnlich nach dem Käufer und Verbesserer der Erfindung Whiteheadtorpedo genannt, hat annähernd die Form eines Fisches oder einer an beiden Enden spitzen Cigarre mit einer Länge von 4 bis 7 m und einem Durchmesser von 30 bis 45 cm. Ursprünglich wurde er aus Stahl gefertigt, was seine Konservierung infolge des beständigen Rostens aller Teile so erschwerte, daß Schwarzkopf in Berlin Anfang der achtziger Jahre nach Ankauf des Patents den T. ganz aus Hartbronze verfertigte und damit erst den Fischtorpedo zu einer brauchbaren Waffe machte. Dieser T. wird von Schiffen und namentlich von Torpedobooten aus verwendet (s. Fig. 4). Er gleicht nur insofern einem Geschoß, als er die Seitenrichtung bei seinem Abgang aus dem Rohr des Schiffs oder Bootes erhält, dagegen seine Geschwindigkeit und das Innehalten einer bestimmten, vorher beliebig einzustellenden Tiefe selbstthätig hervorbringt; in dieser Hinsicht ist er einem Unterwasserfahrzeug ähnlich. Der Fischtorpedo ist aus einzelnen fest verbundenen Teilen zusammengefügt. Der vorderste Teil enthält eine Ladung mit nasser Schießbaumwolle von 50 bis 120 kg Gewicht, deren Explosion durch einen Perkussionszünder an der Spitze beim Auftreffen auf einen festen Widerstand hervorgerufen wird. Die zweite Abteilung enthält den sog. sekreten Teil (Tiefensteuer), einen Mechanismus, der das am Schwanzstück befindliche Horizontalruder je nach Bedürfnis bewegt, damit der T. die gewünschte Tiefe im Laufe innehält. Weiter nach hinten liegt der Kessel, in den zum Betrieb der Maschine durch besondere Torpedoluftpumpen Preßluft unter etwa 100 Atmosphären Druck hineingepumpt wird; die Herstellung haltbarer Kessel, die einen Probedruck von 180 Atmosphären aushalten müssen, ist eine Hauptschwierigkeit. An den Kessel schließt sich der Maschinenteil an, eine dreicylindrige Brotherhoodmaschine enthaltend. Die Cylinder stehen im Winkel von 120° zueinander und sind einfachwirkend, d. h. erhalten Luftdruck nur von einer Seite; die verbrauchte Luft strömt durch die hohle Welle nach hinten aus. Zwei zweiflüglige, in entgegengesetzte Richtung schlagende Propellerschrauben, deren eine hohle Welle über die andere gestreift ist, sitzen am Schwanzstück des T. und werden durch die Maschine getrieben. Dahinter befindet sich an einem besondern Gestell das schon erwähnte Horizontalruder, aus zwei Flossen bestehend, sowie ein unbewegliches Vertikalruder, das lediglich den Zweck hat, den T. zum Geradeauslaufen in der vom Abgangsrohr gegebenen Richtung zu zwingen. Über die Obrysche Steuervorrichtung s. Torpedo (Bd. 17). Da jeder T. zur Erlangung der Kriegsbrauchbarkeit, also zu seiner individuellen Fehlerverbesserung und zur Einübung des Personals, sehr häufig blind geschossen werden muß, so wird ihm für diesen Fall die scharfe Ladung abgenommen und ein gleichschweres und gleichgeformtes Kopfstück aufgesetzt. Das Wiedereinfangen des T. nach dem Schuß durch Boote wird dadurch erleichtert, daß der T. auf beliebig zu wählende Entfernung hinter der schwimmenden Scheibe seine Maschine stoppt und in diesem Moment mittels einer zweiten Einrichtung durch Emporschlagen des Horizontalruders selbst einen Luftsprung aus dem Wasser macht, um dann an der Oberfläche still liegen zu bleiben, während jeder im Gefecht fehlgegangene T. versinkt. Auf die einfachste Weise wird der T. in Thätigkeit gesetzt, indem man ihn in ein durchbrochenes Rohr bringt und so tief versenkt, daß das Wasser den T. umspült. Durch ein Hebelwerk am Rohr wird ein Ventil im T. geöffnet, das den Eintritt der Preßluft aus dem Kessel in die Maschine gestattet, also den T. in Fahrt bringt. Diese sog. Abgangsrohre werden als Torpedobatterien zur Küstenverteidigung und auch zum Einschießen der T. auf dem Schießstand verwendet; auch die Dampfbarkassen der Schiffe einzelner Marinen sind mit dieser Einrichtung, die das Stoppen des Bootes vor dem Schuh nötig macht, versehen. Auf Schiffen und Torpedobooten verwendet man Ausstoßrohre, aus denen der T. unter gleichzeitiger