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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Turgenjew - Turgor

gisen in 68 400 Kibitken. Ackerbau wird fast nur im Norden und Nordwesten betrieben. Haupterwerb ist Viehzucht; 1892 gab es 210 500 Kamele, 989 827 Pferde, 631 200 Rinder, 2,3 Mill. Schafe; ferner Fuhrwesen in Beförderung von Waren zwischen Centralasien und Orsk und Troizk. Mineralschätze sind vorhanden, doch wird zur Zeit nur Solesalz auf einigen Seen gewonnen (jährlich 1½ Mill. Pud). Der Handelsumsatz beträgt 1,7 Mill. Rubel. 1890 gab es nur 15 Schulen mit 505 Schülern und 75 Schülerinnen; ferner nur 4 (Militär-)Lazarette, eine einzige freie Apotheke (in Kustanaj) und 7 Kirchen. Das Gebiet, 1868 errichtet, besteht aus vier Kreisen: Ilezk (Sitz der Verwaltung in Ak-tjube), Irgis, Nikolajewsk (Sitz der Verwaltung in Kustanaj am Tobol) und T. Der Sitz des Gouverneurs ist in Orenburg. - 2) Kreis im südöstl. Teil des Gebietes T., hat 169 798,2 qkm (darunter 4198 qkm Seen), 70 210 E., darunter nur 715 seßhafte; Vieh-, besonders Schafzucht. - 3) Kreisstadt im Kreis T., rechts am Fluß T. und an der Karawanenstraße von Taschkent nach Orsk und Troizk, hat 478 E., Post und eine Holzkirche. Es wurde 1845 als Befestigung gegen die Kirgisen gegründet.

Turgenjew, Alex. Iwanowitsch, russ. Geschichtsforscher, geb. 1785, gest. 29. (17.) Dez. 1845 in Moskau, machte sich durch seine Forschungen um die Geschichte, Diplomatik, alte Statistik und altes Recht Rußlands verdient. Die von ihm auf Reisen gesammelten Urkunden wurden herausgegeben als "Historica Russiae monumenta" (2 Bde., Petersb. 1841-42; Nachtrag, ebd. 1848).

Sein Bruder Nikolaj Iwanowitsch T., geb. 1790, studierte in Göttingen, trat dann in den russ. Staatsdienst und ward 1813 dem Freiherrn vom Stein, welcher mit der provisorischen Verwaltung der Frankreich abgenommenen deutschen Länder beauftragt war, als russ. Kommissar beigegeben. Nach seiner Rückkehr nach Rußland stieg er zum Wirkl. Staatsrat und Beigeordneten des Staatssekretärs für innere und landwirtschaftliche Angelegenheiten. Um die Frage der Bauernbefreiung fördern zu helfen, trat er 1819 in den von dem Fürsten Sergij Trubezkoj und Murawjew-Apostol gegründeten "Bund des öffentlichen Wohls"; hierdurch in die Verschwörung der Dekabristen (s. d.) 1825 verwickelt, wurde er, da er auf Reisen war, in contumaciam zum Tode verurteilt. Er lebte seitdem in Paris, wo er 13. Nov. 1871 starb. T. schrieb "La Russie et les Russes" (3 Bde., Par. 1847; deutsch Grimma 1847) und polit. Broschüren. - Vgl. Briefe Alex. Iwanowitsch T.s an seinen Bruder Nikolaus (russisch, Lpz. 1871).

Turgenjew, Iwan Sergejewitsch, russ. Novellist, geb. 9. Nov. (28. Okt.) 1818 in Orel, erhielt seinen ersten Unterricht auf dem väterlichen Gut, dann in einer Moskauer Pension und kam 1834 auf die Moskauer, 1835 auf die Petersburger Universität. Dort schrieb er sein Erstlingswerk, das Drama "Stenio", eine Nachahmung des Byronschen "Manfred", das aber von seinem Litteraturprofessor Pletnew unbarmherzig kritisiert wurde. Dagegen ließ Pletnew zwei Gedichte T.s im "Zeitgenossen" erscheinen. 1838 ging er auf zwei Jahre nach Berlin und hörte dort philos., philol. und histor. Vorlesungen. 1841 kehrte er über Moskau, wo er mit den Spitzen des Slawophilentums zusammen kam, ohne aber mit dieser Richtung zu sympathisieren, nach Petersburg zurück. Er trat in die Kanzlei des Ministeriums des Innern, gab aber den Staatsdienst nach einem Jahr auf. Aus dieser Zeit stammte seine Bekanntschaft mit Bjelinskij, der ein Gedicht T.s "Parascha", das 1843 im Druck erschien, wohlwollend beurteilte. 1846 erschien im Novemberheft des "Zeitgenossen" eine Skizze T.s "Chorj und Kalinytsch" mit dem vom Redacteur Panajew herstammenden Beisatz "Aus den Aufzeichnungen eines Jägers". Der große Erfolg ermutigte T. zu ähnlichen Arbeiten dieser Art, die später u. d. T. "Aufzeichnungen (Tagebuch) eines Jägers" gesammelt wurden und mit noch einigen kleinern Erzählungen ("Andrej Kolosow", "Drei Porträte", "Der Raufbold", "Pjetuschkow", "Der Hamlet des Schtschigrowschen Kreises") 1844-50 erschienen und T. berühmt machten. In diese Zeit fallen ferner zwei Schauspiele "Der Parasit" und "Der Hagestolz". 1848 bestimmten ihn die ihm unerträglichen russ. Verhältnisse ins Ausland zu geben. 1852 erhielt er wegen eines von der Moskauer Censur durchgelassenen Aufsatzes auf den Tod Gogols einen Monat Haft und wurde auf 2 Jahre auf sein Gut verbannt. Dieser Aufenthalt, durch den er andere Verhältnisse und Menschen kennen lernte, erwies sich für seine dichterische Entwicklung als sehr günstig. In den fünfziger bis Anfang sechziger Jahren erschienen die Romane "Rudin" (1855), "Ein adliges Nest" (1858), "Am Vorabend" (1860), "Väter und Söhne" (1862), von denen besonders der letzte eine Flut der widersprechendsten Beurteilungen hervorrief. T. zog 1863 nach Baden-Baden, 1870 nach Paris und starb 3. Sept. (22. Aug.) 1883 in Bougival bei Paris. Seine Leiche, nach Petersburg überführt, wurde auf dem Wolkower Kirchhof zwischen Vjelinskij und Dobroljubow bestattet. Im Auslande entstanden, außer einer Reihe Novellen, die Romane "Dunst" (1867), "Frühlingsfluten" (1872), "Neuland" (1877), und in seinen letzten Lebensjahren die Novellen "Der Triumphgesang der Liebe" (1881) und "Klara Militsch" (1883), sowie die "Gedichte in Prosa". Seine "Sämtlichen Werke" erschienen in 10 Bänden (Petersb. 1891). Von seinen Briefen erschien die erste Sammlung Petersb. 1884 (deutsch von H. Ruhe, Lpz. 1886). In deutscher Übersetzung erschienen die "Ausgewählten Werke T.s" (12 Bde., Mitau und Hamb. 1869-84), einzelne Werke in Reclams "Universalbibliothek" u. s. w. - Vgl. J. Schmidt, Bilder aus dem geistigen Leben unserer Zeit (Lpz. 1870); J. Eckardt, Baltische und russ. Kulturstudien (ebd. 1869); E. Zabel, Iwan T. (ebd. 1884); de Vogué, Le roman russe (Par. 1886).

Turgescenz (lat.), s. Turgor.

Turgit, ein derbes, dichtes, rötlichbraunes Mineral von flachmuscheligem Bruch, der Härte 5 und dem spec. Gewicht 3,54 bis 3,74, das die chem. Zusammensetzung Fe4O5(OH)2 oder 2 Fe2O3 + 2 H2O mit 94,7 Proz. Eisenoxyd und 5,3 Wasser, besitzt. Es findet sich bei Bogoslowsk am Ural und bei Salisbury am Connecticut.

Turgor (lat.) oder Turgescenz, das Aufgeschwollensein, Strotzen. In der Botanik heißt T. der erhöhte hydrostatische Druck, der infolge diosmotischer Vorgänge bei reichlicher Wasserzufuhr im Innern der lebenden Zellen entsteht und eine Spannung der den Protoplasmaschlauch umgebenden Zellmembran zur Folge hat. Durch Veränderungen in der Höhe des T., der oft einen Druck von 10 Atmosphären und darüber erreicht, werden zahlreiche Bewegungserscheinungen in den Pflanzen hervor-^[folgende Seite]