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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Turnen
forderten. Daher versuchte man die Turnsacke durch ^
allerlei Verdächtigungen in Mißkredit zu bringen, z
wozu Iahns derbes Wesen, seine rücksichtslose z
Sprache in seinen Vorträgen über Volkstum im!
Winter 1817 und die sich in einigen äusierlicken Ab-
sonderlichkeiten ergebenden Turner willkommene An- ^
griffspnnkte boten. Die sog. "Tnrnfebde" inVreslau !
bewog die Negierung znr vorläufigen Sckließung !
der Turnplätze in Breslau und Liegnitz. Als darauf !
die Kunde von der 23. März 1819 erfolgten Er-
mordung Kotzebues durch Sand, der Bursckensckaf-
ter und Turner war, nach Berlin kam, glaubte
man an eine staatsgefabrliche Verschwörung. Fried-
rich Wilbelm III. unterschrieb nun nickt den ibm
sckon vorliegenden Organisationsplan zur Einrick-
tung von Turnanstalten in Preußen; Iabn und
andere Patrioten wurden verbaftet und sämtlicke
ösfentlicke preuß. Turnanstalten geschlossen.
Nur wenige Turnanstalten blieben von der T u r n -
sperre unberübrt. Doch gründeten sich trotz der Un-
gunst der Zeitumstaude bald wieder neue. In Stutt-
gart geschab dies 1822 durch den spätern Ober-
studienrat von Klumpp, der sich auch durch die
Sckriften: "Das T. Ein deutsck-nationales Ent-
wicklungsmoment" iStnttg. 1842", "Die Erziebung
des Volts zurWebrbaftigkeit" (18<;<;j verdient mackte.
König Lndwig 1. von Bayern beries bald nach sei-
nem Negierungsantritt Maßmann ls.d.) nach ^Nün-
ckcn znr Ubernabme des Tnrnunterrickts beim Ka-
dettenkorps und bei den königl. bindern, und 1828
wurde eiue öffentliche Turnanstalt in ^lüncken er-
ricktet. ^u gleicker Zeit geschab dies vom Ober-
bürgernieister und Landrat Frank in ^tagdebilrg-,
unterstützt wurde derselbe von (5. F. Kock, der mit
seiner schützenswerten Schrift "Die Gymnastik
aus dem Gesichtspunkt der Diätetik und Psvcko-
logie" iMagdeb. 1830) besondere Dienste leistete.
Eiselen batte es dabin gebrackt, daß er sckon 1825)
in Berlin wieder einen Feckt- und Voltigiersaal er-
öffnen durfte. Vielen Anklang fand Werner in
Dresden mit seinem von 183! an erteilten, auf
'Äußerlichkeiten großen Wert legenden Turnunter-
richt. Von nachbaltigerer Bedeutung wurde Heub-
ners turnerische Thätigkeit in Planen i. V., indem
die von ibm 1833 gegründete Anstalt für viele Orte
Anregung zu gleichem Vorgeben gab. Großen Vor-
schub leistete weiter dem T. der durch Lorinsers
Schrift "Zum Sckutze der Gesuudbeit in den Scbu-
len" (Berl. 1838) hervorgerufene Sckulstreit, der
mit eiuem Siege der Turufacke endigte. Zu allge-
meinem Auffchwung gelangte dieselbe aber, als
König Friedrich Wilbelm IV. am 6. Juni 1842
durck Kabinettsorder das T. "als notwendigen und
unentbehrlichen Bestandteil der gesamten mann- !
lichen Erziehung" bezeichnete. Maftmann wurde für !
die Oberleitung des Turnwefens in Preußen nach !
Berlin berufen. An vielen Orten beeilte man fick,
das T. an den Schulen einznfübren, auch traten
nunmebr büusiger Erwachsene zu gemeinsamem T.
zusammen und bildeten Tnrnvereinc. 1816 stellten
sick denselben vier Zeitschriften als Vereinsorgane
zur Verfügung, von denen "Der Turner", von Steg-
lick in Dresden redigiert, das bedeutendste war und
das sich auch am längsten, bis 1852, erbielt.
Die Iabnsche Turnschule hatte zwar ibrer Zeit
genug getban; allein man süblte das Bedürfnis,
der Turnsacke andere Stütz- und Zielpunkte zu geben. !
Mancherlei bücken und Sckwäcben traten zu Tage'. ^
das vorwiegende T. an künstlichen Vorrichtungen!
wollte namentlick nicht für die züngern Altersstufen
als geeignet crfckcinen, und die Anhäufung großer
Schülermassen auf den Turnplätzen wurde für die
turneriscke und barmonische Entwicklung des Einzel-
nen als wenig ausgiebig erachtet. Es war daher
ein Fehler, daß Maßmann 1814 das Turnwerk in
Preußeu genan so wieder aufnahm, wie es 181!)
liegen geblieben war, und sich gegenüber den Neue-
rungen und Verbesserungen von Ad. Spieß ableh-
nend verbielt. Da die preuß. Negierung Maßmanns
Nicktung wenig fruchtbringend fand, begünstigte sie
die sckwediscke Gymnastik (s. Heilgymnastik),
auf die man in Deutschland namentlich durch H. E.
Nichters Schrift "Die sckwed., nationale und mediz.
Gymnastik" lDresd. 1<^15) aufmerkfam geworden
war. Der vom preuft. Kriegsminister znm Studium
dieser Gomnastik nach Schweden entsendeteNotbstein
wnrde ein so fanatischer Vertreter derselben, daß er
als Leiter der 1851 begründeten Centralturnanstalt
zu Berlin alle Mittel in Bewegung setzte, um das
deutscke T. ganz zu verdrängen. Als er sich jedoch
ansckickte, die .Hauptgeräte Neck und Barren zu ver-
werfen, traten die Hauptvertreter des deutfchen T.
aus den Kreisen der Arzte und Turnlehrer gegen ihn
auf. Als auch in höchster Instanz die wissenschaftliche
Deputation für das preuft. Medizinalwefen fick in
einem umfänglichen Gutachten im Sinne der Ver-
treter des deutscken T. ausgesprochen hatte, endigte
dieser zur Aufklärung der verfchiedenen Anschauun-
gen und auch den Neformen der deutschen Turnkunst
forderlicke Turnstreit.
Mittlerweile batte Ad. Spieß durch seine glück-
licke Erfindungsgabe und fein bedeutendes Lehr-
gesckict die Turntunst stofflich bereichert und metho-
disch vervollkommnet, und zwar in Berücksichtigung
der Eigenartigkeit beider Geschleckter. Er trat mit
ganz neuen Forderungen für das T. der Schnlen auf:
Turnbaus und Tnrnplatz sollten in unmittelbarer
Nabe der Sckulen vorbanden sein, damit die Turn-
stunden in die übrigen Schulstunden eingereiht wer-
den könnten- jede Schultlasse sei auch als Turnklasse
zu bebandeln, deren turnerische Unterweisung nicht
durch Vorturner, sondern unmittelbar durch den
Lebrer zu erfolgen babe: das Princip der Gemein-
tbätigkeit fei nickt bloß bei den Frei- und Ordnungs-
übungen, sondern womöglich auch bei den Gerät-
übungen anzuwenden, wozu die Geräteausstattung
des Turnraums passen müsse; die Turnstunden seien
aus die ^age zu verlegen, in denen sich Schul- und
Arbeitsstunden bänften. Die Spießfchen Grund-
fätze haben sich allmählich allgemeine Anerkennung
verschafft.
Mr die weitere Entwicklung des Schulturnens
war die Gründung von Turnlchrerbildungs-
anstalten von großem Einfluß. In Dresden ge-
schab dies von der sächs. Negierung 1850 unter
Berufung von Kloß als Direktor. Seit 1881 ist
dort dessen Nachfolger W. Bier erfolgreich thätig.
Preußen gründete 1851 die Centralturnanstalt in
Berlin für Militär- und Civilturnlehrer zugleich.
Bis 18<>3 stand derselben H. Notbstein vor, der aus-
schließlich das scbwed. System begünstigte. Nack
seiner Entfernung zog allgemach das deutfche T.
ein. Bei der 1877 erfolgten Trennung in eine be-
sondere Militärturnanstalt, in welcher ein T., wie
es den Vorsckriften über Militärturnen entspricht,
getrieben wird, und in eine besondere Civilturu-
lelneranstalt wurde Scklllrat I>i'. Euler (s. d.) zum
Dirigenten der letztern ernannt. Für Württemberg