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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Urfahr - Urgeschichte
Urfahr, Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Linz in Oberösterreich, am linken Donaunfer, Linz gegenüber und mit diesem durch eine eiserne Gitterbrücke und durch Pferdebahn verbunden, an der Linie U.-Aigen-Schlügl (58 km) der Mühlkreisbahn, Sitz eines Hezirksaerichts (247,45 ^m, 23319 (5.), hat (1890) 6429, als Gemeinde 8289 E.; Maschinennnd Spiritusfabrik sowie bedeutenden Handel mit Getreide und Rohprodukten. In der Nähe die Kuranstalt Riesenbad nach Kneippschem System.
Urfé (spr. ür-), Honoré d’, franz. Romanschriftsteller, geb. 11. Febr. 1568 in der Grafschaft Forez, gest. 1. Juni 1625, wurde berühmt durch seinen von Tassos "Aminta" und Montemayors "Diana" inspirierten Schäferroman "Astrée", der zu den gelesensten Büchern des 17. Jahrh, gehört. Von dem Buche erschienen nacheinander fünf Bände (1610-27), deren letzterer von U.s Sekretär Baro verfaßt war. Die Hauptpersonen des anmutig geschriebenen Romans, der eine ideale Welt von Hirten und Rittern schildert, sind Céladon und Astrée; die Prüfungen, die ihre Liebe zu erdulden hat, machen die eigentliche Handlung aus, die durch mancherlei Abschweifungen und Liebesgespräche sehr in die Länge gezogen wird. - Vgl. Bernard, Les d’U., souvenirs historiques et littéraires (Par. 1839); Bonafous, Étude sur les d’U. (ebd. 1846); Chantelauze, Étude sur l’Astrée et sur H. d’U. (1860); H. Körting, Geschichte des franz. Romans im 17. Jahrh., Bd. 1 (Oppeln 1885).
Urfehde, s. Urphede.
Urga (chines. K’in-lun; mongol. Küren), Hauptstadt der nördl. Mongolei, an der Tola, einem Nebenflusse des Orchon, an der Poststraße von Kiachta nach Kalgan, besteht aus der Mongolenstadt Bogdo-Küren (Churen) oder Da-Küren und der Chinesenstadt Mai-ma-tschin. Die Mongolenstadt enthält den Tempel des Maidar, den Palast des Khutuktu, des obersten Priesters der buddhistischen Mongolen, und 10000 Lamas. Die Stadt zählt 30000 E. und ist Sitz eines russ. Generalkonsuls.
Urgebirge, ältere deutsche Bezeichnung der Archäischen Formationsgruppe (s. d.).
Urgel, Séo de (spr. -chehl), befestigte Bezirksstadt der span. Provinz Lerida in Catalonien, rechts am Segre, ist Sitz eines Bischofs, hat (1887) 3083 E., große Domkirche, und beherrscht zugleich mit dem rechts über dem Balira liegenden Kastell Ciotat die Pyrenäenstraße Perpignan-Lerida. Die Llanos de U. werden von Zuflüssen des Segre sowie von dem Kanal de U., der bei Artesa beginnt und unterhalb Lerida mündet, durchschnitten.
Urgenda, kaiserlich russ. Besitzungen, s. Orianda.
Urgendsch, Chanat in Turkestan, s. Chiwa.
Urgént (lat.), dringend, unaufschieblich; Urgénz, Dringlichkeit, Notdrang.
Urgeschichte, Vorgeschichte, Prähistorie, die Wissenschaft, die sich mit der Vorgeschichte der Menschheit beschäftigt. Die Grenze zwischen Geschichte, die von der schriftlichen und mündlichen, Überlieferung ausgeht, und N., die die Reste früherer menschlicher Geschlechter und die Spuren ihrer Thätigkeit zu deuten sucht, ist unbestimmt, da in manchen Gebieten der Erde, wie in Ägypten, Babylonien oder China, die schriftliche Überlieferung sehr weit zurückreicht, in andern, wie in manchen Teilen Centralafrikas, die beglaubigte Geschichte noch kaum begonnen hat. Die U. entwickelt sich in enger Verbindung mit der Anthropologie (s. d.) und der Ethnographie (s. d.), da die Zustände der heutigen Naturvölker auch das Verständnis für die primitiven Verhältnisse der europ. Urzeit eröffnen. - Lange Zeit wurde U. nur gelegentlich und systemlos betrieben; eine eigentliche Forschung entwickelte sich erst im ersten Drittel des 19. Jahrh., nachdem das System Cuviers (s. d.) beseitigt war. Die Arbeiten Boucher de Crèvecoeur de Perthes und Schmerlings, der ersten erfolgreichen Höhlenforscher, fanden seit 1838, als der engl. Geolog Lyell für sie eintrat, allgemeinen Beifall, und die Entdeckung des sog. Neanderthalschädels (1857) mit den sich daran knüpfenden Erörterungen machte die neue Wissenschaft rasch populär. Nunmehr fand auch die Thätigkeit nordischer Forscher, die sich vorwiegend mit den vorgeschichtlichen Stein- und Bronzegeräten Skandinaviens beschäftigt hatten, zunehmende Beachtung. 1854 waren ferner die ersten Pfahlbauten (s. d.) in den Schweizer Seen entdeckt worden. In allen Teilen Europas und bald auch in Amerika begann nunmehr eine rege Forschungsthätigkeit, in Deutschland hauptsächlich unter dem Einfluß Virchows. Schon ist es stellenweise gelungen, Geschichte und U. aneinander zu knüpfen, während man andererseits mit großem Erfolg bemüht gewesen ist, die ältesten Spuren des Menschen aufzusuchen und die Frage aufzustellen, ob die Menschheit durch irgend ein Zwischenglied mit den höhern Gruppen der Tierwelt in Verbindung steht. Diese letzte Frage ist noch nicht gelöst. (S. Mensch.)
Das Alter der Menschheit ist noch nicht mit Sicherheit festgestellt. In Europa hat der Mensch zweifellos in der sog. Interglacialzeit, wahrscheinlich aber schon in der ältern Eis- oder Diluvialzeit existiert; ob er dagegen in der Tertiärzeit bereits vorhanden gewesen ist, läßt sich noch nicht als gewiß behaupten. Dagegen beweisen eine Reihe von Funden in Nord- und Südamerika mit großer Wahrscheinlichkeit das Dasein menschlicher Wesen in Amerika am Ende der Tertiärzeit. - Genauer bekannt ist bisher nur die U. der Bewohner Europas, Nordamerikas und einiger Teile Asiens, und so bezieht sich denn auch die Einteilung der U. in Perioden nur auf diese Gebiete. Überall hat die Menschheit eine längere oder kürzere Zeit durchlebt, in der Metalle unbekannt waren und alle Geräte und Waffen daher aus Holz, Stein, Knocken und Horn hergestellt wurden. Da die Steingeräte naturgemäß am besten der Zerstörung durch die Zeit widerstehen und überdies den metallkundigen Völkern von jeher besonders aufgefallen sind, so hat man die ältern Perioden der Menschheitsentwicklung kurzweg als Steinzeit (s. d.) bezeichnet. Charakteristische Fundstellen aus dieser Periode sind in Taubach bei Weimar (Interglacialzeit) und an der Schussenquelle in Württemberg (zweite Eiszeit). In dieser ältern Zeit (paläolithische Periode) wurden die Steine, unter denen sich der Feuerstein besonderer Beliebtheit erfreut, nur roh zugeschlagen (s. Tafel: Urgeschichte I, Fig. 1 u. 2). Doch war schon damals Europa von sehr verschiedenen Rassen besiedelt, die schwerlich in ihrer Kultur ganz auf gleicher Stufe standen. So mag z. B. die rohe Bevölkerung, die in den Küchenabfallhaufen oder Muschelbergen (Kjökkenmöddingern, s. d.) der dän. Küste ihre Spuren hinterlassen hat, mit der schönen Rasse im südl. Frankreich, die nach den Höhlenfunden von Cro-Magnon benannt wird, wenig gemein gehabt haben. Die Steingeräte der Diluvialzeit bestehen aus messerartigen Splittern, kleinern und größern