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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Venedig (ehemalige Republik)
stadt durch die Vermittelung des Dogen Seba- ^
stiano Ziani gesucht und gefunden hatte. Jetzt zer-
schlug V. an der Spitze der Kreuzfahrer das Ost-
römische Reich (s. Byzantinisches Reich) und schuf
in dessen Gebiet das lat. Kaisertum mit den von
ihm abhängigen Vasallenstaaten, während es zu-
gleich sich die ausschlaggebende Stellung an der
Seite des neuen lat. Kaisertums und diejenigen
Plätze vorbehielt, welche den Levantehandel, der
durch das Schwarze Meer ging, beherrschten. Als
die erschlaffenden Einflüsse des orient. Lebens die in
Byzanz gegründeten Reiche und Fürstenhäuser rasch
zersetzten, deren Macht V. aus Politik von vorn-
herein unterbunden hatte, begann der Sturz von
V.s Herrschaft im Osten. Das guelfische Genua,
längst von Neid erfüllt gegen V., aber durch das
feindliche normannisch - deutsche Etauferreich und
das mit ihm verbündete Pisa am Kampfe verhindert,
eröffnete ihn nun, wo es nach Friedrichs II. Tod
nicht mehr selbst bedroht war, indem es das in Nicäa
wieder aufgestandene griech. Kaiserreich bei der Rück-
eroberung von Konstantinopel 1261 unterstützte;
dafür dankten die griech. Kaiser den Genuesen da-
durch, daß sie ihnen die Handelsstraße nach dem
Orient durch das Schwarze Meer unter Verjagung
der Venetianer eröffneten. V. sah sich so genötigt,
sich einen neuen, südlichen Weg nach der Levante
über Arabien zu erschließen; allein das Wachstum
der dort sich erhebenden Moslimherrsckaften und der
Rückgang der christl. Reiche in Syrien und Palästina
machte dies zu einer schwierigen Aufgabe, und als
dem Falle des Stauferreichs in Unteritalicn (1208)
auch der von Pisa (1284) folgte, während anderer-
seits die Bildung einer für Genua binderlichen
starken angiovinischen Gegenmacht in Unteritalien
durch die Festsetzung der Aragonesen in Sicilien
ausgeschlossen wurde, da konnte Genua an die Ver-
nichtung V.s denken, unterstützt von dem Haß der
übrigen Städte Italiens gegen die Handelsherrschaft
der Laguuenstadt. Dazu kamen die innern Wirren
der Republik, in welcher die leitende Aristokratie sich
unter Pietro Gradenigo l1297) zur Ausschließung
aller neu aufkommenden Elemente hatte verführen
lassen; dies und der Übermut dieser Patricier gegen
das geringe Volk führte im 14. Iadrb. zu einer
Reihe von Empörungen (s. Tiepolo und Falieri).
Mehrmals (1298,1358,1379) brachte der mehr als
hundertjährige Krieg V. den: Untergang nahe, um
so mehr, als Genua die Unterstützung von Ungarn
und Padua für sich hatte. Endlich aber hatte die
Festsetzung der Genuesen in Ehioggia (1379) die alte
Kraft wieder wachgerufen; die Gegner wurden dort
von Andrea Contarini und Carlo Zeno eingeschlossen
und Genua zum Frieden und zur Anerkennung der
Seeherrschaft der Lagunenstadt gezwungen. 1387
erhielt dann durch den Anschluß der bisher zu Neapel
gehörigen Insel Korfu V. einen gewissen Ersatz für
Dalmatien, welches 1380 an Ungarn abgetreten
worden war, um dieses vom Bunde mit Genua ab-
zuziehen, und am Ende des Jahrhunderts sah sich
Genua von Mailand so bedroht, daß es sich unter die
Schutzherrschaft von Frankreich begab, während die
Verbindung von Neapel und Ungarn V. erspart blieb
infolge des Widerstandes der Päpste gegen diese auch
für sie gefährliche Umspannung. Die Kriege mit
Genua, Ungarn und dein eigenen Hinterland hatten
aber in V. dem Gedanken Eingang verschafft, sich
auf dein Festlande eine starke Rückendeckung zu
schaffen, und nachdem bereits mehrere Herrschaften
durch die Bedrohung von feiten Mailands gezwun-
gen worden waren, sich unter V.s Schutz zu flüchten,
begann die Republik unter F.Foscari (s.d.), sich der
Eroberung der ^eri-^ in-mg. (s. d.) in weiterm Um-
fange zuzuwenden. Im ganzen glücklich bei dieser
Unternehmung, hatte V. 1448 seinen Besitz ausge-
dehnt über Padua, Vicenza, Verona, Feltre,Bassano,
Belluno, Friaul, Vrescia und Bergamo sowie Crema.
Zugleich erweiterte sich V.s Macht im Osten infolge
des Vordringens der Osmanen, welches die griech.
Despoten des Rückhalts an einem starken Kaisertum
iu Byzanz beranbte; deren Gebiete wurden nun
teils mit Gewalt, teils durch Auskaufung an die
Republik gebracht. Die bedeutendste dieser Neu-
erwerbungen war Cypern 1473 (s. Cornaro). Ebenso
trug das Vordringen der Osmanen dazu bei, Ungarn,
das aucb an innern Wirren zu leiden begann, von
der bisherigen Bedrohung der venet. Besitzungeil
in Istrien und Dalmatien abzuziehen. So spielte
jetzt die nationale Zerrissenheit in Italien einer-
seits und andererseits das europ. Unglück des Vor-
dringens der Osmanen den Venetianern das in
die Hand, was ihre größten Kraftanstrengungen
ehemals kaum zu erreichen vermocht hatte; diese
äußere Lage mußte dabin wirken, daß die leiten-
den Persönlichkeiten der Republik nicht in einer um-
fassenden Wertung der Weltlage und Entwicklung
kühner Energie, sondern in handelsmännisch-kluger
Benutzuug der jedesmal vorliegenden Konjunktur
das Heil suchten. In demselben Sinne wirkte auf
die leitenden Männer die Verfassung und innere
Lage des Staates, in welchem es sich darum han-
delte, durch geringe Etaatslasten und Freiheit vom
Kriegsdienste, der den Söldnern (s. (5ondottieri)
überlassen wurde, die von der Leitung des Staaten
ausgeschlossene Masse in Zufriedenheit und Ruhe
zu erhalten und große Unternehmungen aucb
deshalb vermieden werden mußten, damit nicht
durch deren glückliche Durchführung aus der Mitte
der Aristokratie eiue überragende Persönlichkeit zur
alleinigen Herrschaft emporgetragen werde. Diesen:
innern"Verfall folgte der äußere auf dem Fuße; zu-
erst nahmen die Osmanen, nach der Eroberung von
Konstantinopel nun mit voller Kraft sich gegen V.
wendend, diesem die Inseln des griech. Meeres ein-
schließlich Euböas, ihre Besitzungen auf Morea und
Albanien ab. Dann brachten die Portugiesen durch
die Entdeckuug des Seeweges nach Ostindien (1498)
die Venetiancr um den Handel mit diesem, während
gleichzeitig die Auffindung der Neuen Welt den
Spaniern unermeßliche Mittel in die Hände gab,
die eine auch für V. verderbliche Preisrevolution in
Europa bewirkten. Und schließlich einigten sich die
fremden Mächte, deren Einfüllen in Italien V. ruhig
zugesehen, um sie nur zur eigenen Machterweiterung
zu benutzen, in der Liga von Cambrai (1508) zur
Vernichtung der Republik. Dieses Äußerste gelang
nun zwar der Diplomatie V.s zu vermeiden durch
die Bildung der Heiligen Liga (1511) und ein Bünd-
nis mit Frankreich (1513); dennoch verlor V. Cre-
mona und die Romagna dauernd. Der Krieg gegen
die Türken (1540) im Bund mit Karl V. und dein
Papste kostete der Republik neue Opfer; außer der
Zahlung von 300000 Scudi milftte man die M-
tretuug von Skio, Palmosa, Cesina, Nio, Parov,
Malvasia und Nauptia zugestehen, und infolge der
Zögerungen der Verbündeten ging dann 1571 auch
noch Cypern verloren. Aber mit der Schlacht von
Lepanto (s. d.) begann auch äußerlich der neue Auf-