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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Virgilius der Zauberer

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Virgilius der Zauberer

das Mörsergericht (Schilderung der Morgenstunden eines Bauern), in 124 Hexametern; die sog. "Catalecta" (oder "Catalepta", d. h. Kleinigkeiten?), eine Sammlung von 14 kleinen Gedichten gemischten Inhalts. Indessen ist die Echtheit fast aller dieser Dichtungen, auch des "Culex" in der jetzigen Gestalt, bestritten; von den größern hat das "Moretum" allein Anspruch auf Virgilianischen Ursprung.

Als Dichter wurde V. im Altertum und auch noch später vielfach überschätzt; die neuere Zeit urteilt nüchterner; doch stellen Sprache und Versbau und der Glanz der Darstellung in vielen Erzählungen in der "Aeneis" und Schilderungen in den "Georgica" den V. immer in die vorderste Reihe der klassischen Dichter. Kurz nach seinem Tode waren seine Werke bereits neben Homer das beliebteste Schulbuch. Kommentatoren und Grammatiker wie C. Julius Hyginus, Valerius Probus, Donatus, Servius, Macrobius u. a. erklärten ihn sachlich und sprachlich und beschrieben sein Leben. Die Verse seiner Dichtungen verwendete man in andern Zusammenstellungen zu neuen Gedichten (s. Cento) und benutzte sie sogar als Orakelquelle (Stichomantie). V. selbst ward im Volksglauben zum Zauberer. (S. Virgilius der Zauberer.) Eins der ersten mittelhochdeutschen Heldengedichte, die "Eneit" des Heinrich (s. d.) von Veldeke, ist einer altfranz. Dichtung, die auf der "Äneide" des V. beruht, nachgebildet, und überhaupt ist V. für die Dichtung des Mittelalters, namentlich der roman. Völker, insbesondere auch für Dante, von größter Bedeutung. Damit steht im Zusammenhange, daß eine große Anzahl von Handschriften von V. erhalten ist, darunter mehrere aus sehr früher Zeit, wie der Mediceus in Florenz aus dem 5., der durch seine Miniaturen berühmte Vaticanus (Romanus) in Rom aus dem 5. oder 4. Jahrh. Die ältesten Blätter im Vatikan sind sogar dem 2. Jahrh. n. Chr. zugeschrieben worden. Sie stammen aus einer Handschrift mit Bildern.

Neuere Ausgaben von V. besorgten außer vielen andern: Heyne (4. Aufl. von Wagner, 5 Bde., Lpz. 1830-41), Forbiger (4. Ausg., 3 Bde., ebd. 1872-75), Ladewig (1. Bdchn., 7. Aufl. von Schaper, Berl. 1882; 2. Bdchn., 11. Aufl. 1891; 3. Bdchn., 8. Aufl. 1886), Benoist (zum Teil 2. u. 3. Aufl., Par. 1872-84), Conington und Nettleship (4. Aufl., 3 Bde., Lond. 1881-83), Kappes (4. Aufl., Lpz. 1887), Thilo (ebd. 1886), Güthling (ebd. 1886). Die kritische Hauptausgabe ist die von Ribbeck (4 Bde., Lpz. 1859-68), von der auch ein Auszug erschien (Bd. 1-3, ebd. 1894-95). Übersetzungen lieferten: J. H. Voß (2. Aufl., 3 Bde., Braunschw. 1821), Neuffer und Osiander (6 Bdchn., Stuttg. 1830 fg.), Osiander und Hertzberg (ebd. 1853 fg.). - Vgl. Sonntag, Vergil als bukolischer Dichter (Lpz. 1891).

Virgilius der Zauberer, die nach mittelalterlicher Auffassungsweise sagenhaft verherrlichte Gestalt des röm. Dichters Virgil. Sehr früh machte sich die Meinung geltend, daß in seinen Schriften eine ganz besondere Weisheit verborgen sei. Christl. Schriftsteller schon des 3. und 4. Jahrh., wie Minutius Felix, Lactantius und Augustinus, gaben sogar ihrer Verehrung für Virgil eine christl. Wendung, indem sie dem Heidentum aus seinem Hauptdichter die Nichtigkeit des Polytheismus und die Wahrheit des Christentums zu beweisen suchten, namentlich dadurch, daß sie den Anfang der vierten Ekloge als eine messianische Weissagung deuteten. Diese Deutung setzte sich so fest, daß Virgil mit der Sibylle neben den alttestamentlichen messianischen Propheten in die kath. Liturgie Eingang fand und auch in den Mysterien des Mittelalters häufig unter den prophetischen Zeugen für den künftigen Messias erscheint. Bibelausleger brauchten nicht selten Virgilische Verse zur Erläuterung von Bibelstellen, und die Scholastiker der spätern Zeit suchten sogar der ganzen "Aeneis" eine moralische Ausdeutung zu geben; ja selbst die biblische Schöpfungsgeschichte ward in einen Virgilischen Cento (s. d.) gebracht. Ein anderer aus gleicher Quelle entsprungener Gebrauch der Virgilischen Gedichte erhielt sich sogar bis weit über das Mittelalter hinaus: die sortes Virgilianae, eine Schicksalsbefragung (Stichomantie), bei der man die ersten sich darbietenden Verse des aufs Geratewohl aufgeschlagenen Buchs als Orakel annahm. Eigentliche, für diesen besondern Zweck verfaßte Losbücher kamen aber erst gegen Ende des Mittelalters in Übung und fanden während des 15. und 16. Jahrh. große Verbreitung.

Aus solcher Auffassung Virgils ist es erklärlich, daß sich an ihn allerlei Sagen knüpften. Diese lehnen sich vorzugsweise an Orte, die in dem Leben des Dichters eine hervorragende Rolle spielen: Neapel, Rom und Mantua. Veranlassung zur Ausbildung der neapolit. Volkssage scheint ein engl. Gelehrter gegeben zu haben, der um die Mitte des 12. Jahrh. das Grab des Dichters aufsuchte. Die früheste positive Kunde gab Johannes von Salisbury in dem "Policraticus" (1159), dann 1211 der Engländer Gervasius von Tilbury in den "Otia imperialia" und Konrad von Querfurt in einem Schreiben an Propst und Konvent von Hildesheim (1194). Diesen folgten der gleichzeitige Helinandus, dessen Erzählung Vincentius Bellovacensis in das sechste Buch seines "Speculum historiale" aufnahm, und der ebenfalls gleichzeitige engl. Mönch Alexander Neckam in seinem Buche "De naturis rerum", woraus die betreffenden Stellen übergingen in des Gualterus Burläus wiederholt gedruckte "Vitae philosophorum" und die 1382 zum Abschluß gebrachte "Cronia di Partenope". Aus diesen Hauptquellen haben die Spätern vorzugsweise geschöpft, selbst die beiden Italiener Buonamente Aliprando (in seiner zu Anfang des 15. Jahrh. in Terzinen abgefaßten Chronik von Mantua) und der sog. Pseudo-Villani ("Le croniche dell'inclita città di Napoli", Neap. 1526). Zu einem Ganzen wurden die Sagen vereinigt in dem seit dem Anfang des 16. Jahrh. wiederholt gedruckten franz. Volksbuche "Faitz merveilleux de Virgille", zuerst bei Jehan Trepperel zu Paris, aus welchem bald darauf das englische hervorging (deutsch durch Spazier, Braunschw. 1830), und das niederländische (deutsch in von der Hagens "Erzählungen und Märchen", Prenzl. 1838), dem dann die noch ungedruckte isländ. "Virgilius-Saga" sich anschloß.

Vgl. Zappert, Virgils Fortleben im Mittelalter (Wien 1851); Siebenhaar, De fabulis, quae media aetate de Virgilio circumferebantur (Berl. 1837); E. Duméril, De Virgile l'enchanteur (in dessen "Mélanges archéologiques et littéraires", Par. 1850); Graesse, Zur Sage vom Zauberer Virgilius (in dessen "Beiträgen zur Litteratur und Sage des Mittelalters", Dresd. 1850); Roth in Pfeiffers "Germania", Bd. 4 (1859); Milberg, Mirabilia Vergiliana (Meißen 1867); Schwieger, Der Zauberer Virgil (Berl. 1897); die erschöpfendste Behandlung der Sage bei Comparetti, Virgilio nel medio evo (Livorno 1872; deutsch von Dütschke, Lpz. 1875).