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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Völkerwanderung

flutsage identifiziert wurde, wurde er wie dieser zum Stammvater der gesamten nachsintflutlichen Menschheit. Über die von Sem, Ham und Japhet abgeleiteten Völker s. diese Artikel und Noah.

Das jetzige Kap. 10 ist aus Bestandteilen der beiden Quellenschriften des Jahwisten und des Priestercodex zusammengesetzt; außerdem ist in der Erzählung von Nimrod und der Stiftung seines Reichs (Vers 8-12) ein den Plan des Kapitels durchbrechendes und nach andern Gesichtspunkten erzählendes Einschiebsel hinzugekommen. Aus dem Priestercodex stammt das Gerippe der Erzählung und der Stammbaum der Japhetiten, vom Stammbaum der Hamiten die einleitenden Verse (6 fg.) und der Schluß (Vers 20), vom Stammbaum der Semiten Vers 22 und der Scbluß des Ganzen (Vers 31 fg.). Alles übrige ist aus einer jüngern Schicht der jahwistischen Quelle eingeschaltet worden. Sonach enthält das Kapitel zwei aus verschiedener Zeit stammende, aber einander parallel laufende Versuche, den polit. und geogr. Gesichtskreis mit den Mitteln der genealog. Darstellung zur Anschauung zu bringen. Das Einteilungsprincip ist hierbei weder die Hautfarbe und Rasse noch die Sprache gewesen. Vielmehr werden die Völker nach ihrer polit. und kulturellen Zusammengehörigkeit und den Handelsbeziehungen gruppiert. Es sind also nicht Nachrichten über die Verwandtschaft und Entstehung der Völker, worüber es keinerlei Überlieferung giebt. Der Abschnitt ist ein für modernes Empfinden fremdartiger Deutungsversuch einer dem Schreiber gegenwärtigen Weltlage.

Völkerwanderung, die Bewegung namentlich der german. und einiger andern Völker nach dem Westen und Süden Europas, die insbesondere im 4. bis 6. Jahrh. n. Chr. stattfand; sie findet ihre Fortsetzung in der Wanderung der Slawen nach Südosten. Durch die V. erhielt Europa ein neues Aussehen, indem die Germanen im 5. und 6. Jahrh. in den Provinzen des Römischen Reichs Staaten gründeten, das Christentum und andere Gaben der Kultur empfingen, aber auch neue und gesündere Staats- und Gesellschaftsordnungen brachten oder schufen und durch Vermischung mit der alten (röm. oder romanisierten) Bevölkerung neue Völker bildeten. Mit diesen Staaten, vor allem durch die Ausdehnung des fränkischen über die zwischen Rhein und Elbe zurückgebliebenen Germanen, erreichte die V. ihr Ende. Auch die nachdrängenden Slawen, Avaren u. s. w. wurden zurückgeworfen. Als Anfang der V. wird gewöhnlich der Einbruch der Hunnen in Europa 375 n. Chr. bezeichnet; aber die Wanderungen der kelt. Stämme nach den Donauländern, nach Italien, nach der Balkanhalbinsel und Kleinasien (s. Kelten) und die Züge der Cimbern (s. d.) und Teutonen waren schon Vorspiele der Bewegung, und seit Mitte des 2. Jahrh. drängten die Germanen fortgesetzt gegen die Rhein- und Donaulinie. Die Alamannen (s. d.) rückten gegen das Ende des 3. Jahrh. in das röm. Zehntland (s. Decumatische Äcker) ein, von wo aus sie sich seit der letzten Hälfte des 4. Jahrh. westlich über den Rhein bis zu den Vogesen, südlich bis zu den höchsten Alpenketten und ostwärts bis zum Lech ausbreiteten und so ihre heutigen Sitze einnahmen. Ähnlich breiteten sich die am mittlern und untern Rhein sitzenden Stämme, die jetzt als Franken (s. d.) erscheinen, über den Fluß aus, bis die Salischen Franken und ihr König Chlodwig (s. d.), 481-511, das große Fränkische Reich (s. d.) stifteten.

Die um Weser und Elbe wohnenden sächs. Stämme (s. Sachsen) plünderten schon im 4. Jahrh. an den gallischen Küsten, gründeten im 5. Jahrh. hier Ansiedelungen und haben in demselben Jahrhundert, mit Angeln (s. d.) und Jüten vereint, das von den Römern verlassene Britannien sich unterworfen. (S. Angelsachsen.) Zu Anfang des 6. Jahrh. traten die Bajoarier, wie es scheint in ihrem Kerne Nachkommen der alten Markomannen, in dem einst röm. Lande auf, das von ihnen den Namen Bayern trägt. Nördlich von ihnen saßen die Thüringer. Alle diese Völker aber haben mit ihrer Hauptmasse ihre ursprünglichen Sitze nicht verlassen, diese nur weiter ausgedehnt. Dagegen wurden die Völker des nordöstl. Germaniens ganz aus ihrer ursprünglichen Heimat geführt. Schon um 200 wanderten die Goten (s. d.) von der untern Weichsel und der Ostsee nach dem Schwarzen Meere, von wo sie während des 3. Jahrh. zu Lande und zur See Kleinasien, Dacien, Mösien und Griechenland wiederholt verheerten, wenn sie auch von Konstantin und andern Kaisern mehrfach geschlagen wurden. Mit und neben ihnen drängten andere german. und nichtgerman. Stämme, wie Vandalen, Gepiden, Taifalen, Jazygen, Karpen u. a. Oft traten Teile dieser Stämme in röm. Dienste gegen ihre Stammgenossen, und ebenso vereinigten sich zu den Raubzügen Haufen verschiedener Stämme. Sie zogen mit Weib und Kind, blieben auch wohl in den neuen Landen, aber im ganzen verharrte die Masse der Goten zwischen Don und Donau (das Reich des Hermanarich um 370), bis sie von den Hunnen und den mit ihnen vereinigten Alanen überwältigt wurden. Die Ostgoten unterwarfen sich den Hunnen, die nun nördlich von der Donau das herrschende Volk waren, die Westgoten drängten über die Donau und durchzogen, bald im Kampf mit den Römern, bald in ihrem Dienst, die Balkanhalbinsel, Italien, Gallien und Spanien, bis sie 419 an der Garonne ein dauerndes Reich gründeten, das erste und nächst dem Fränkischen bedeutendste unter allen german.-roman. Reichen (s. Westgoten). In den Donaulanden lebten die Hunnen ähnlich wie früher die Goten, bis Attila ihre Kraft vereinigte und die Raubzüge gegen das Römische Reich in großartigstem Maßstabe ausdehnte. Als er aber 451 an der Donau aufwärts zog und mit einer durch den Zuzug der Unterworfenen immer stärker anschwellenden Völkerlawine in Gallien einbrach, wurde er von dem Westgotenkönig Theodorich und dem röm. Feldherrn Aetius auf den Catalaunischen Feldern (s. d.) zurückgeschlagen. Nach Attilas Tode 453 zerfiel sein Reich, und die Ostgoten, Gepiden, Langobarden und andere german. Völker hatten wieder das Übergewicht in den Donaulanden. Von dort aus zogen die Ostgoten unter Theodorich nach Italien und gründeten hier ein viel bewundertes, aber bald nach Theodorichs Tode (526) zerfallendes Reich. Es erneuerten dann die Langobarden, die ursprünglich an der untern Elbe gesessen hatten, diesen Versuch (508), und ihr Reich erhielt sich, bis es durch Pippin und Karl d. Gr. (774) mit dem Fränkischen Reiche vereinigt wurde. Aber es hatte seine Aufgabe erfüllt und die Grundlage geschaffen, auf der sich die mittelalterliche Entwicklung Italiens erhob. - Die Vandalen zogen aus Pannonien nach Gallien (406), dann nach Spanien und endlich nach Afrika, wo sie ein freilich nur etwa 100 Jahre blühendes Reich gründeten. Die Römer, die es zerstörten, konnten nun