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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Volksbureaus; Volksetymologie

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Volksbureaus - Volksetymologie

(s. d.) und die Sieben weisen Meister (s. d.), traten gleichfalls in die Reihe der deutschen V., daneben aber entstanden auch neue Sammlungen ähnlicher Art, wie «Der Seele Trost», eine Tugendlehre nach den Zehn Geboten (Augsb. 1478), und, angeregt auch durch die humanistischen Facetienbücher, Joh. Paulis «Schimpf und Ernst» (Straßb. 1522 u. ö.; neue Ausg. von Österley, Stuttg. 1866; erneuert von Simrock, Heilbr. 1876), dem sich die reichhaltige Schwankbücherlitteratur des 16. Jahrh. anschloß (s. Schwankbücher). –Aus dem ital. «Filocopo» des Boccaccio ist «Florio und Biancafiora» (Metz 1499), aus dem Lateinischen des Petrarca die «Griseldis» durch Steinhöwel (Augsb. 1471) u. a. übersetzt u. s. w. Ebenso stammt aus lat. Quelle und nicht aus dem ältern deutschen Gedicht das prosaische Volksbuch von Salomon und Marcolf (Nürnb. 1487; s. Salman und Morolt). Marcolfs derber und schmutziger Mutterwitz, der so charakteristisch ist für die volkstümliche deutsche Litteratur des 15. und 16. Jahrh., macht sich auch in einigen originellen V. geltend. So im Eulenspiegel (s. d.), dessen ursprüngliche niederdeutsche Fassung verloren ist, dann in den «Schildbürgern» (s. d.). Verwandter Art sind auch zwei gereimte V., welche nach Art des ältern «Pfaffen Amis» eine Reihe von Schwänken an die Namen zweier Pfarrherren knüpfen: nämlich «Der Pfarrer vom Kalenberge» (s. Kahlenberg), verfaßt durch Philipp Frankfurter (um 1400; erster Druck um 1500), und «Peter Leu von Hall», auch «Der andere Kalenberger» genannt, verfaßt durch Achilles Jason Widmann (gedruckt zuerst in Frankf. um 1557), beide neu hg. in von der Hagens und in Bobertags «Narrenbuch». Im Volksbuch vom «Neidhart Fuchs» (gedruckt um 1530) leben die Reibereien des Minnesingers Neidhart von Reuental mit den österr. Bauern fort; «Der Finkenritter» (Straßb., um 1559) ist ein Vorläufer der Münchhausenschen Lügen und Aufschneidereien; dem «Eulenspiegel» endlich sind nachgebildet zwei Schwanksammlungen, die die Späße bekannter Personen sammeln, der «Klaus Narr» des Mansfeldischen Pfarrers Wolfg. Bütner (Eisleben 1572) und der «Hans Clawert» des Trebbiner Stadtschreibers Barthol. Krüger (Berl. 1587). Aber auch mehrere V. ernsten Inhalts sind in Deutschland neu entstanden, darunter neben Jörg Wickrams selbsterfundenem Ritterroman «Ritter Galmy» (Straßb. 1539), der die Beliebtheit eines Volksbuchs genoß, so wertvolle und bedeutende Werke wie der Fortunatus (s. d.) und der Dr. Faust (s. d.), die beide das Elend schildern, in das Zauberkünste den Menschen stürzen. Wie das Volksbuch vom Dr. Faust, schildert schon im 15. Jahrh. der ursprünglich niederdeutsche «Bruder Rausch» die, hier freilich unbewußte, Freundschaft mit dem Teufel, aber noch in einer heidnisch mildern und humoristischen Auffassung (gedruckt hochdeutsch zuerst Straßb. 1515). Einen Vertrag mit dem Teufel enthält auch die durch Georg Thym gereimte Sage von Thedel Unverferd von Walmoden (Magdeb. 1550; neu hg. von P. Zimmermann, Nr. 72 der «Hallischen Neudrucke», Halle 1888), die mit der Sage von Heinrich dem Löwen sich berührt. Der Bericht eines Ungenannten über das Erscheinen des Ahasverus oder des Ewigen Juden (s. d.) in Hamburg und an andern Orten (Lpz. 1602) wuchs erst allmählich durch Zusätze aus dem kurzen und magern ernsten Kern zu dem viel gelesenen und übersetzten Volksbuche heran und kam über das zusammenhangslose Aufzählen aller möglichen Zeugnisse nicht zu einheitlicher Darstellung. Dagegen fesselt durch gelungene Abrundung die liebliche Erzählung von der Pfalzgräfin Genoveva (s. d.), in ihrer gegenwärtigen Gestalt eine Übertragung aus dem Niederländischen und vielleicht das jüngste aller V.

Schon der junge Goethe erkannte den unverwüstlichen poet. Schatz, den die unscheinbaren V. in sich bergen: dafür zeugen sein «Faust» und sein «Ewiger Jude»; seinem Beispiel folgte der Maler Müller in seiner «Genoveva». Aber erst die romantische Schule nahm sich der Wiedererweckung der vergessenen V. gründlich an: Tieck zumal erneuerte «Magelone» und «Die Schildbürger», behandelte «Octavian», «Genoveva» und «Fortunat» dramatisch; und J. ^[Joseph] Görres widmete den V. eine ausgezeichnete litterarhistor. Würdigung («Die deutschen V.», Heidelb. 1807). Auch die schwäb. Dichter liebten die V.: Uhland griff den «Fortunat» episch an, aus den Händen G. Schwabs ging die erste größere Sammlung und Erneuerung hervor. Schon 1578 hatte der Frankfurter Buchhändler Feyerabend 13 jener Romane u. d. T. «Buch der Liebe» in eine Sammlung vereinigt; aber die neuern ähnlichen und ebenso betitelten Versuche Reichards (Lpz. 1799) und von der Hagens und Büschings (Berl. 1809) fanden noch so geringen Beifall, daß beide Unternehmungen mit dem ersten Bande abgebrochen wurden, und von der Hagens «Narrenbuch» (Halle 1811) ging es nicht viel besser. Um so größern Erfolg erzielte Gust. Schwabs «Buch der schönsten Geschichten und Sagen» (2 Bde., Stuttg. 1836; als «Deutsche V.» in 13. Aufl., mit Illustrationen von Pletsch, Camphausen u. a., Gütersl. 1880, und 14. Ausg. 1888; auch in Reclams «Universalbibliothek»). Es bahnte den Weg für die trotz unleugbarer philol. Mängel doch durch Reichhaltigkeit und taktvollen Anschluß an die ältesten Texte ausgezeichnete Sammlung Simrocks «Deutsche V.» (Bd.1 -13, Frankf. 1845‒67; 2. Aufl. 1876‒80; neue Aufl., Bas. 1887). Das von Bobertag für die «Deutsche Nationallitteratur» zusammengestellte «Narrenbuch» (Stuttg. 1885) enthält die beiden Kalenberger, Neidhart, Markolf und Bruder Rausch. Einige nur handschriftlich erhaltene V. veröffentlichten Bachmann und Singer im 185. Bande der «Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart».

Volksbureaus, Einrichtungen, mittels deren dem Laien auf rechtlichem Gebiete und dem der socialen Gesetzgebung Auskünfte erteilt und erforderlichenfalls Schriftstücke angefertigt werden sollen, soweit für den streitigen Fall keine jurist. Vertretung vorgeschrieben ist. Die V. werden von einem Ausschusse beaufsichtigt und von einem rechtskundigen Manne geleitet. Die Anregung zu ihrer Errichtung ging von kath. Seite aus, doch sind auch von evang. Seite, namentlich von den evang. Arbeitervereinen, V. eingerichtet worden, besonders in Rheinland und Westfalen. Die größte Wirksamkeit entfaltete das Volksbureau in Essen, das 1896 19884 Auskünfte erteilte und 4340 Schriftstücke anfertigte.

Volksetymologie, die in allen Sprachen vorhandene Neigung, fremdartig klingende und unverstandene Worte durch Anschluß an bekannte mundgerecht zu machen. Es können Wörter der eigenen Sprache sein, die der Sprechende volksetymologisch behandelt, z. B. «wahnwitzig» ist mit einem Adjektiv wan «leer» zusammengesetzt, das als selbständiges Wort schon im Altdeutschen verloren ging. In der Zusammensetzung nunmehr isoliert stehend, wurde