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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Volkslogis - Volkspartei (Deutsche)
solcher Gesellschaftslieder, ebenso das wertvolle '
"Ambraser Liederbuch" (nach einem Druck von 1582
bg. von Bergmann, Stuttg. 1845), das keine Noten
enthält. Eine Auswahl bietet Hoffmann von Fal-
lersleben in seinen "Deutschen Gesellschaftsliedern
des 16. und 17. Jahrh." (2. Aufl., Lpz. 1860).
Auf unsere Klassiker wirkte das verachtete und ver-
gessene V. wie ein erfrischender Jungbrunnen. Durch
Percys "Rkliynes ot' Äncißnt i^nFUsli poetr)"
(1765) wurden Herder und Bürger mächtig au-
geregt. Herders Schüler, Goethe, sammelte in Straß-
bürg elsässische V. und dichtete sein "Heidenrös-
lein" im Stile des V. Die erste größere Samm-
lung deutfcher V., Nicolais "Feyner kleyner Alma-
nach vol schönerr echterr liblicherr V." (2 Bde., Verl.
1777-78; neu hg. von Ellinger in den "Berliner
Neudrucken", 1888), sollte zwar die erwachende Liebe
zumVolksgesange lächerlich machen,war aberimmer-
bin eine nützliche Vorarbeit. Sie wurde schnell
überholt durch Herders "Volkslieder" (2 Bde., Lp.;.
1778-79), die seine für das V. begeisterten Aus-
sähe in den "Fragmenten" und den "Blättern von
deutscher Art und Kunst" ergänzten. Weit reich-
haltiger war die von den Heidelberger Romantikern
(5l. Brentano und Ach. von Annm herausgegebene
Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" (3 Bde.,
Heidelb. 1806-8; neu bearbeitet von Birlinger
und Crecelius, 2 Bde., Wiesb. 1874); doch sind
bier die alten Texte allzu willkürlich, selbst stillos
gemodelt. Indes durch diese Arbeit drang Interesse
für unser V. in die weitesten Kreise. Heute noch
unübertroffen ist Uhlands meisterhafte Sammlung
c Alte boch- und niederdeutsche V." (2Nde., Stuttg.
und Tüb. 1844 - 45; 3. Aufl., 4 Bde., 1892).
Eine kleinere Auswahl enthält das "Liederbuch aus
dem 16. Jahrh." von Goedeke und Tittmann (Lpz.
1867; 2. Aufl. 1881); andere Sammlungen veran-
stalteten Simrock (1851; 2.Aufl.,Bas. 1887), Mittler
(Marb. 1855), Geo. Scherer u. s. w. Die alten
Melodien teilt mit Franz M. Böhme in dem schönen
"Altdeutschen Liederbuch" (Lpz. 1877) und R. von
Liliencron in seiner vortrefflichen Auslese "Deutsckes
Leben im V. um 1530" (in Kürschners "Deutscker
Nationallitteratur", Bd. 13); auch Kretzsckmer und
Zuccalmaglio ("Deutsche V. mit ihren Original-
weisen", 2 Bde., Verl. 1840), Erk und Irmer'ODie
deutschen V. mit ihren Singweisen", 2. Ausg., Lpz.
1843), Erk ("Deutscher Liederbort", neue Ausg. von
Böbme, ebd. 1893-94) u. a. berücksichtigen die Me-
lodien. Auf die histor. Lieder beschränkt sich Lilien-
crons großeZWerk"DiehistorischenV.der Deutschen"
i4Bde.,Lpz.1865-69),zudemFreiherrvonDitsurth
in mehrern Sammlungen, die auch Kriegslieder des
18. und 19. Jahrh, enthalten, Nachträge brachte.
Die besten Sammlungen für einzelne Landesteile
lieferten: für die Schweiz Tobler (2 Bde., Frauen-
feld 1884), für Schwaben E. Meier (Berl. 1855)
und Birlinger (Freiburg 1864), für die Alpenländer
Hartmann ("V., in Bayern, Tirol und Salzburg
gesammelt", Bd. 1, Lpz. 1884), L. von Hörmann
("Schnaderhüpfln aus den Alpen", 2. Aufl., Innsbr.
1882), Greinz und Kapferer (Lpz. 1889 u. 1890), für
Kärnten Pogatschnigg und Herrmann (2 Bde., Graz
1879; neue Ausg. 1884), für Österreich Tschischka
< Pest 1844), für Steiermark Schlossar (Innsbr. 1881),
für Siebenbürgen Schuster (Hermannst. 1865), für
das Elsaß Weckerlin ("(?Iiau80N8 populaii e8 ä61'^I-
8ae6", deutscher Text mit franz. Übersetzung, Par.
1833), Mündel (Straßb. 1884), für Hessen Böckel
l" Deutsche V. aus Oberhesfen", Marb. 1885) und
Lewalter (Hamb. 1890-91), für Franken Ditfurth
iLpz. 1855), für das Vogtland Dunger ("Rundas
ilnd Reimsprüche aus dem Vogtlande", Plauen 1876),
für das Erzgebirge Alfr. Müller (Annaberg 1883),
für das Kuhländchcn Meinert (Wien 1817), für
Böhmen Hruschka und Toischer (Prag 1888 fg.), für
Schlesien Hoffmann von Fallersleben und E. Nichter
(Lpz. 1842), für den Harz Pröhle (Stuttg. 1863), ftir
Westfalen Al. Reifferscheid (Heilbr. 1878), für West-
preußen Treichel(Danz. 1895), fürOstpreußen Frisch-
bier (Königsb. 1877), für Niederdeutschland Uhland
und de Bouck (Hamb. 1883). Die wertvollsten Unter-
suckungen über das V. stellte Nhland an (im 3. und
4. Bande seiner "Schriften zur Dichtung und Sage").
Kurz orientieren Vilmar, "Handbüchlein für Freunde
des deutfchen V." (3. Aufl., Marb. 1886), und Kinzel,
"Das deutsche V. des 16. Jahrh." (Berl. 1885).
Auch andere curop. wie nichteurop.Nationen haben
einen großen Reicktum an V. Die Erkenntnis der
Volkspoesie förderten besonders die Lieder der Ser-
bon (s. Serbische Litteratur) und Finnen (s. Finnische
Sprache und Litteratur und Kalewala).- Vgl. Talvj
(Therese von Jakob), Versuch einer geschichtlichen
Charakteristik der V. german. Nationen, mit einer
Übersicht der Lieder außereurop. Völkerschaften (Lpz.
Volkslogis, s. Logis. ^1840).
Volksmedizin, s. Bd. 17.
Volkspartei, Deutsche, polit. Partei, die sick
namentlich in Württemberg als partikularistische
Fortpflanzung der demokratischen Bewegung von
1848/49 entwickelte. Ihr Programm stellte sie fest
auf der Darmstädter Delegiertenversammlung
19. Sept. 1865, auf der Frankfurter Volksverfamm-
lung vom 20. Mai 1866 und dem Stuttgarter Kon-
greß im Sept. 1868, wo sie sich unter der Führung
von Job. Iacoby, Eonnemann, Haußmann u. a.
neu konstituierte. Die Ereignisse von 1870 und
1871 drängten sie zeitweise ganz zurück. In der
württemb. Kammer erzielte sie seit 1876 wieder eine
kleine, aber beständig wachsende Minorität, bis sie
aus den Wahlen von 1895 mit 31 Sitzen als die
stärkste Partei hervorging. Im Reichstage war sie an-
fangs durch 5 Mitglieder vertreten; später schwankte
ihre Mitgliedcrzahl, nachdem sie 1887 schon einmal
alle ihre Sitze verloren hatte, zwischen 1 und 11.
Bei der Reichstagswahl von 1893 erhielt die V. 11
Mandate. Auf dem 1895 in München abgehaltenen
Parteitag wurde ein neues Programm beschlossen,
das in folgenden Satzungen gipfelt: a. Die V. ver-
langt die Durchführung der Selbstregierung des
Volks im Staate, d. Sie erstrebt den Ausgleich der
socialen Gegensätze in einer die Freiheit des Einzel-
nen verbürgenden Gesellschaftsordnung, c. Sie for-
dert Einsetzuug ständiger internationaler Schieds-
gerichte, ä. Sie tritt ein für unverbrüchliche Einheit
des deutschen Vaterlandes, wie für die Gleichberechti-
gung der deutschen Volksstämme. Führer der Partei
sind Payer (s. d.), Haußmann und in Bayern Kröber.
Die wichtigsten publizistischen Organe der V. sind:
"Frankfurter Zeitimg", "Stuttgarter Beobachter",
"Nürnberger Anzeiger", "Badischer Landesbote".
Den Namen Freisinnige V. führt feit 1893
eine aus der Spaltuug der Deutschen freisinnigen
Partei (s. d.) hervorgegangene, unter Führung von
Eilgen Nickter (s. d.) stehende Gruppe, die im Reichs-
tage durch 23, im preuß. Abgeordnetcnhause durch
14 Mitglieder vertreten ist. In Ost erreich nahm
die Deutsche Nationalpartei (s. d.j 1896 ebenfalls