Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

397
Volkswohl - Volkszählungen
Mittel verweigerte. Die erste Berufung des V. er-
folgte im Jan. 1881 zur Begutachtung des Unfallver-
sicherungsgesetzes und der Novelle zur Gewerbeord-
nung, eine weitere im Dez. 1887 zur Begutachtung
des Alters- und
Volkswohl, in Dresden erscheinende Wochen-
schrift, eine allgemeine Ausgabe der nur an Zeitun-
gen (wöchentlich zweimal) verschickten "Social-Corre-
ipondenz", Organ des Centralvercins für das Wohl
der arbeitenden Klassen, das sich zur Aufgabe stellt,
unter Ausschluß jeder polit. oder kirchlichen Partei-
richtung den gemeinnützigen Bestrebungen zur För-
derung der Volkssittlichteit, Volksbildung, Volks-
gesundheit und materiellen Volkswohlfahrt zu dienen
und namentlich die Versöhnung zwischen Unter-
nehnvn und Arbeiter zu fördern. Begründer (1876)
und Redacteur des V. wie der "Social-Correspon-
denz" ist Victor Böhmert in Dresden; den Verlag
baden Duncker & Humblot in Leipzig (Auflage 950).
Es erscheinen auch monatliche Sonderausgaben
u. d. T. "Der Helfer, Blätter für Armenpflege und
Wohlthätigkeit" (Auflage 2400), und "Voltsgesund-
heit, Blätter für Mäßigkeit und gemeinnützige Ge-
sundheitspflege" (Auflage 3W0).
Volkszählungen, statist. Erhebungen, die die
Ermittelung des Standes der Bevölkerung (s. d.)
zum Gegenstand haben. Sie bilden eine der um-
sassendsten und bedeutendsten Unternehmungen der
amtlichen Statistik. Die auf die Feststellung der
Volkszahl gerichteten Bestrebungen reichen weit in
das Altertum zurück. Namentlich haben die Chinesen,
Juden und Ägypter Ausnahmen veranlaßt, die an
unsere heutigen V. erinnern. Die Bürgerlisten in
Griechenland und Rom, hier von den Censoren auf
dem Laufenden erhalten und im Lustrum regelmäßig
abgeschlossen, vertraten das Ergebnis einer Volks-
aufnahme; eine förmliche allgemeine Volkszählung
ordnete zwar der Kaiser Augustus an, indessen scheint
sie nicht durchgeführt worden zu sein. Dem Mittel-
alter waren allgemeine, über ein größeres Gebiet
sich erstreckende V. unbekannt. Wohl aber haben
damals einige Städte erfolgreiche Versuche zur Fest-
stellung ihrer Einwohnerzahl gemacht (wie z.B. Nürn-
berg 1449 und Straßburg i. E. etwa um 1475), die
um so wichtiger sind, als sie vorzugsweise geeignet
erscheinen, die bisher noch wenig bekannten Be-
völkerungszustände des Mittelalters zu beleuchten.
Dem gleichen Zweck dienen heute unter anderm die
überlieferten Steuerrollen und Bürgervcrzeichnisse
sowie die ältern Kirchenbücher mit ihren Nachweisun-
gen über Eheschließungen, Geburten und ^terbe-
fälle, aus deren Zahl nach einem anzunehmenden
festen Verhältnis die Bevölkerung annähernd be-
rechnet werden kann. Brauchbares Material zu
deren oberflächlicher Schätzung bieten die auf uns
gekommenen Angaben über den Nahrungsmittel-
verbrauch, die Zahl der waffenfähigen Mannschaf-
ten, der .Handwerker gewisfer Gewerbe u. s. w. Die
erste allgemeine Volkszählung fand nicht vor dem
18. Jahrh, statt. Preußen und Hessen unter den
deutschen Staaten, ferner Schweden (seit 1748) und
England legten darauf verhältnismäßig früh Wert.
Weil jedoch die Ermittelungen ohne allgemein gültige
und genaue Vorschriften vollzogen wurden und sich
auf zu wenige Fragen bezogen, leisteten sie geringe
Dienste; auch der in diesen Dingen am weitesten
vorgegangene preuh. Staat beschränkte sich nach
1816 längere Zeit auf die Erhebung weniger That-
sachen. Seit 1853 hat der Internationale statist.
Kongreß die Theorie und Praxis der V. wiederholt
behandelt, nachdem Que'telet in Belgien 1846 aus-
führliche Haushaltungslisten (duiietinZ äe mona^e)
ausgeteilt und damit eine wichtige Verbesserung
durchgeführt hatte. In den letzten Jahrzehnten ist
die Technik des Voltszählungswesens noch weiter
vervollkommnet worden, und wenn auch jetzt noch
das Zählungswesen, selbst innerhalb des Deutschen
Reichs, nicht völlig einheitlich gestaltet ist, so sind
die Ergebnisse der neuern V. doch als eine der wert-
vollsten Quellen für die Kenntnis unserer socialen
Verhältnisse und als ein unentbehrliches .Hilfs-
mittel der Verwaltung anzusehen.
Die erste, bei V. zu entscheidende Frage betrifft
den Gegenstand der Zählung. Man kann in
dieser Hinsicht die Bevölkerung von drei verschiede-
nen Gesichtspunkten aus betrachten, je nachdem sie
während des Zählungstages entweder an einem
Orte thatsächlich sich vorfindet (faktische oder
ortsanwesende Bevölkerung), oder dort ihren
dauernden Wohnsitz hat (Wohnbevölkerung),
oder endlich in irgend einer rechtlichen Beziehung zu
demselbcnstehtsrechtlicheBevölkerung). Welche
von diesen drei Arten der Bevölkerung zu zählen
sei, war lange ein Gegenstand des Streites; der Sta-
tistische Kongreß und mit ihm die meisten Staaten
haben die ortsanwesende Bevölkerung als die am
leichtesten zu erfassende schon früher vorgezogen,
während im Zollverein noch bis 1867, in den Staa-
ten des spätern Norddeutschen Bundes nur bis 1864,
die sog. Zollabrechnungsbevölkerung, die ungefähr
der Wohnbevölkerung entspricht, erhoben wurde.
Seitdem wird die ortsanwesende Bevölkerung als
eigentlicher Gegenstand der V. ermittelt, wenn auch
daneben die Elemente zur Feststellung der Wohn-
bevölkerung (Angabe der vorübergehend An- oder
Abwesenden) erhoben werden. Die außerhalb des
Reichs sich aushaltenden Reichsangehörigcn wer-
den bei den V. außer acht gelassen.
Für den Umfang der V. gilt allgemein die
Regel, daß solche Fragen gestellt werden müssen,
die man zur Herstellung einer guten Volksbeschrei-
bung für notwendig hält; ein Übermaß ist wegen
der Belästigung des Volks und der Behörden ebenso
schädlich wie ein zu geringes Maß, und es sollte
insbesondere nicht mehr erfragt werden, als die
statist. Landesstclle zu verwerten gedenkt. Name,
Wohnung, Geschlecht, Alter (nach Geburtsjahr und
möglichst auch nach dem Geburtstag) und Familien-
stand gelten als die in erster Linie zu erfragenden
Thatsachen, wogegen eine Reihe anderer Punkte nur
in lüngern Zeitabschnitten einmal ermittelt zu wer-
den brauchen, z. B. das Verhältnis des Einzelnen
zum Familienhaupt und zum Wohnungsinhaber,
der Geburtsort, der Wohn- und Heimatsort, gewisse
körperliche und geistige Mängel (Blindheit, Taub-
stummheit, Blöd- und Irrsinn u. s. w.), die Familien-
sprache oder Stammeszugehörigkeit, der Beruf und
die Beschäftigung, die Art des Aufenthalts, der
Bildungsgrad und bei Kindern der Schulbesuch.
In Deutschland wird auch meistens nach dem Reli-
gionsbekenntnis gefragt. Bei der 2. Dez. 1895 im
Deutschen Reiche vorgenommenen Volkszählung ist
ebenso wie bei der 14. Juni desselben Jahres voraus-
gegangenen Verufszählung die Arbeitslosigkeit er-
mittelt worden. Noch andere Fragen aufzustellen
wird für unzweckmäßig gehalten, weil zu tiefes Ein-
dringen in die Vermögens- und Familicnverhält-
nisse unzuverlässige Unterlagen liefern und viele