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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wallenstein
Bedingungen W.s angenommen hatte. Danack
sollte niemand neben ihm ein selbständiges Kom-
mando im Reich führen, er hatte das Neckt zu Kon-
fiskationen, Vollmacht zu eigenen diplomat. Ver-
bandlungen, und besonders unbeschränkte Selb-
ständigkeit über Heer und Kriegführung. W., der
mit Leichtigkeit die in Böhmen eingefallenen Sack-
seu hinausgewiesen hatte und nun nach Bayern vor-
rückte, bezog im Juli 1632, gegenüber dem in Nürn-
berg verschanzten Gustav Adolf, ein gleichfalls be-
festigtes Lager bei Fürth, hütete sicb aber eine offene
Feldscklackt zu wagen, und wies die Sturmversuche
der Schweden (3. Sept.) blutig ab. Diese muftten
schließlich ihre unbaltbaren Stellungen aufgebeu
und zogen nach Süd- und Westbavern ab. W.
wandte sich gegen Sacksen, dessen Kurfürst er bereits
dem schwed. Bunde abtrünnig zu machen gesucht
batte, und stellte sich dem zum Schutz berbeieilenden
Gustav Adolf zur Entscheidungsschlacht bei Lützen
l l6. Nov. 1632). Wohl behaupteten die Schweden
das Schlacktfeld, aber der eigentliche Erfolg des
Tages war bei W., weil in der Schlacht sein gefäbr-
lichster Gegner, der ^chwedenkönig selbst, gefallen
war. W. zog sich uun uach Böhmen zurück und bielt
sich bis zum Frühjahr in Prag auf. Er verfolgte
jetzt uicht mehr des Kaisers, sondern sein und, so-
weit sie zusammenfielen, des Reiches Interesse und
war gewillt, den Kaiser zum Frieden zu zwingen,
sobald dieser Friede nnr seinem ehrgeizigen Streben
genug that. Im Frühjahr 1633 zog er uach Schlesien
und knüpfte vou dort aus Friedensverhandlungen
mit Schweden und Sackfen au, bewilligte den letztern
sogar eiucn Waffenstillstand und trat mit Frankreick
in Verbindung; jedoch wies er die damals genlackte
Anspielung auf die böbm. Köuigskroue ab. Plötz-
lick aber brach W., wobl mit Rücksicht auf seine
Stellung in Wien, die Verhandlungen ab, sckritt
zum Angrisf, drängte nach dem Sieg von Steinau
die Schweden aus Schlesieu und rückte in die Lausitz,
seine Truppen drangen bis Brandenburg, sie uahmen
<>iörlitz und Bautzen, Frankfurt und Landsberg ein.
In Wien aber tadelte man bitter sein eigenmächtiges
Borgehen sowie seine Weigerung, dem Herzog Mari-
milian von Bayern Hilfstruppen in defsen bart be-
drängte Lande zu senden, so daß schließlich der Kaiser,
gegen die frühere Abmachung mit W., dessen Unter-
befeblshaber Aldringer befahl, sich Maximilian unter-
zuordnen. Sehr widerwärtig war W. auch das Büud-
nio mit Spauien im Febr. 1632, in dessen Beteiligung
er nur eine Schädiguug des Reichs und nutzlose Her-
mlsforderuug von Spaniens ^)tival Frankreich fab.
'^ilnial erbitterte ibn die Kunde, daß, wieder gegen
Den Vertrag, eine selbständige span. Armee unter
Feria im Reick erscheinen sollte. Alle gegen ihn ge-
rickteten Vorgänge am Dose waren das Werk einer
gegen ibn arbeitenden Partei, zu der der Jesuit La-
mormcün, der span. und bayr. Gesandtc gcbörtcn.
Der schwerste Schlag für W. war, daß gegen seine
Voraussagen in Süddeutschland das von ihm nickt
nnterstützte Regensbnrg verloren ging und sein darauf
durch Böhmen bis (5ham (November) unternom-
mener Vorstoß erfolglos blieb, er vielmehr Winter-
quartiere in Böhmen bezog. Als vom Hofe der Be-
fehl kam, die Truppen aus den kaiserl. Landen zu ent-
fernen, verweigerte er nach vorheriger Beratung mit
seinen Obersten den Gehorsam. Bei einer Zusam-
menkunft im Pilsener Hauptquartier im Jan. 1634
gab er die Absicht kund, wegen der Umtriebe am
Wiener Hofe abzudanken, doch seine Offiziere be-
stürmten ihn, zu bleiben, und verpflichteten sich in
dem Pilsener Revers 12. Jan. 1634, treu bei ihm
auszuharren, auch wenn er vom Kaiser entlassen
werde. Die Erzählung von einer zuerst eingeschobe-
nen, dann weggelassenen Klansel, die des Kaisers
Dienst betraf, ist ungeschichtlich. In Wien aber
^ drängte man den Kaiser immer mehr zur Entlassung
! des übermächtigen Generals, und so erfolgte24.Jan.
! zunäckst gebeim eine Absetzungsurkunde, von der
! jedoch nur die verläßlichen Führer der kaiscrl. Partei
! im Heere, die man bereits der Sache des Kaisers
^ gewonnen hatte, darunter Piccolomini, Gallas und
! Colloredo, Kenntnis erhielten. Ihre Partei ver-
stärkte sick, und W., der sich bereits unsicher fühlte,
verpflichtete seine Leute in einem zweiten Pilsener
! Schluß vom 20. Febr., mußte aber hier selbst ver-
! sprechen, nichts gegen die Hoheit des Kaisers oder
gegen die Religion zu unternehmen. Aber schon
war 18. Febr. ein zweites Patent von Ferdinand
uuterzeichnet, das für die Öffentlichkeit bestimmt
war, den in einer Verschwörung begriffenen Gene-
ral für abgefetzt erklärte und die Offiziere des Ge
borsams gegen ihn eutband. Die Prager Besatzung
schlug sich zuerst zum Kaiser und weigerte sich,
weitere Befehle von W. anzunehmen.
W., der seine Verhandlungen mit den gegnerischen
Mächten nie hatte fallen lassen, zog nun nach Eger,
um sich hier mit dein schwed. Heer unter Bernhard
von Weimar zu vereinigen. Unterwegs schloß sich
ihm Oberst Putler mit einem Dragonerregiment an.
Am 24. Febr. kam W. nach Eger. Dessen Komman-
dant Gordon und sein Oberstwachtmeister Leslie, die
W. für völlig zuverlässig hielt, traten bald mit Butter
in Verbindnng; sie waren anfangs ratlos, was gegen-
über dem abgesetzten Feldherrn zu beginnen sei,
und sahen schließlich das sicherste Mittel in dessen
Beseitignng dnrch Mord. Während eines Gastmahls
bei Gordon wurden 25. Febr. die nächsten Vertrau-
ten W.s, Ilow, Terzka und Kinsty überfallen und
niedergemacht, die Ausführung der Ermordung W.5
war einein Hauptmann aus Butlers Regiment,
Devereur, übertragen. Mit seinen Genossen drang
dieser in W.s Quartier, das Haus des Bürger-
meisters von Egcr, und stieß ihm die Partisane in
die Brust. Die Leiche wurde zu den übrigen Erschla-
genen auf die Burg gebracht, daun in Gitschin, 1785
zu Münckcngrätz beigesetzt. W.s Güter wurden kon-
fiseiert und an die Anhänger des Kaisers verteilt.
Nber die Frage von W.s Schuld und Unfchuld ist
ein erbitterter Meinungsstreit geführt worden. Schon
G. Echmid, Die Wallensteinlitteratur fin den "Mit-
teilungen des Vereins für Geschichte der Deutscheu
in Böhmen", Prag 18755, 1882 u. 1884), zählt 806
Bücher und Schriften nber W. auf. Von den ältern
Bearbeitern ist zu nennen Förster, Briefe W.s
l3Bde., Bcrl. 1828-29); derf., Albrecht von W.
<Potsd.1,^34); ders., W.s Prozeß (Lpz. 1844); Arctin,
Wallenstein (Regensb. 1846); Helbig und Hurtcri?/
mehrern Einzelwerken. Das klassische Buch über W.
ist noch immer Ranke, Geschichte W.s (5. Aufl., Lpz.
1895). Die neuen Hauptvertreter des Kampfes für
und gegen W. sind Hallwich und Gindely, neben
ibnen stehen Schebet, Bilek, Hildebrand, Irmer
lDie Verhandlungen Schwedens und seiner Verbün-
deten mit W. und dem Kaiser von 1631 bis 1634,
3Tle., Lpz. 1888-91) und Gaedeke. Letzterer hat
im Histor. Taschenbuch (Sechste Folg^, Bd. 8, 1869,
S. 3-120) einen über den neuern Stand der For-
scknng gut orientierenden Aufsatz veröffentlicht.
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