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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Auswanderung
Der Umwälzung der Bevdlkerungspolitik in den
Vereinigten Staaten gegenüber, aber auch an sich
betrachtet, sind die Änderungen der Auswanderungs-
politik in den europ. Staaten nur unbedeutend und
beschränken sich auf Schutzmaßregeln für die Aus-
wanderer und Verbesserung der Auswanderungs-
polizei. In Deutschland besonders hat das Be-
dürfnis nach einer Reform des Auswanderungs-
wesens im 1.1893 zu einem Gesetzentwürfe geführt,
welcher in der schärfern Kontrolle des Agentenwcsens
und in der Einführung der Anzeigepflicht der Aus-
wanderungsabsicht bei der Ortsbehörde gipfelte.
Gerade die letztere Bestimmung erregte aber fo
starken Widerspruch, daß der Entwurf nicht einmal
zur Beratung gelangte. Ein neuer Entwurf soll
dem Reichstag 1896/97 vorgelegt werden. Für
Österreich ist es besonders schwierig, die Beaufsichti-
gung und Leitung der Auswanderertransporte ent-
sprechend zu ordnen, weil es keine eigenen Aus-
wanderungshäsen besitzt.
Eine Sonderstellung unter den überseeischen Wan-
derungen nimmt die A. aus China ein, welche be-
sonders Australien, Polynesien und die Vereinigten
Staaten zum Ziele gehabt hat. In diesen Ländern
und anderswo haben die Chinesen, welche die Über-
völkerung aus der Heimat treibt, eine große An-
passungsfähigkeit an Klima und Arbeitsweise be-
kundet, andererseits aber überaus zäh an Sprache,
Religion und Sitten der Heimat festgehalten. Bei
ihrer erstaunlichen Bedürfnislosigkeit verdrängen
sie häufig die eingeborenen Arbeiter vollständig, so
daß die Gesetzgebung der überschwemmten Länder
selbst zu einer Zeit, wo an sonstige Beschränkung
der Einwanderung noch gar nicht gedacht wurde,
gegen den chines. Zuzug scharfe Mahregeln ergriff.
So erließen die Vereinigten Staaten 1882 ein Ge-
setz, welches für 10 Jahre die Einwanderung chines.
Arbeiter verbot und 1892 auf 10 Jahre verlängert
wurde, und die meisten auftrat. Staateu trieben die
schon 1881 eingeführte Kopfsteuer für jeden ein-
gewanderten Chinesen 1888 auf eine unerschwing-
liche Höhe. lS. Chinesenfragc, Bd. 4.)
Die Statistik der A., welche schon der uner-
laubten A. wegen nie einwandfrei werden wird, hat
neben der Zahl der Auswandernden als wichtigste
Merkmale deren Geschlecht, Alter und Beruf zu er-
fassen, da sich aus diesen Schlüsse auf die Größe
des wirtschaftlichen Verlustes der abgebenden Nation
ziehen lassen.
Die überseeische A. aus Deutschland über
deutsche, belg., Holland, und franz. Häfen betrug:
Jahre
überhaupt
Auf 1000 Einwohner
Davon nach

den Verein. Staaten
Brasilien
1891 1892 1893 1894 1895
120 089 116 339 87 677 40 964 35 629
2,41 2,31 1,73
0,80 0,68
108611 107 803 75102 34210 30 692
3710 779 1169 1283 1340
Im letztgenannten Jahre war, abgefehen von den
Hansestädten, die A. am stärksten aus Hannover mit
1,95, Oldenburg mit 1,93 und Schleswig-Holstein
mit 1,90 auf 1000 E.; über 1 auf 1000 E. erreichte
sie sonst nur in Posen, Pommern und Westpreußen.
Die schwächste A. mit 0,0? auf 1000 E. wies Schaum-
burg-Lippe auf. Im 1.1895 ist übrigens die A. mit
35629 fogar noch etwas unter jene des vorherge-
gangenen Jahres gefunken.
Auch Großbritannien und Irland haben
neuerdings einen erbeblichen Rückgang der A. zu
verzeichnen gehabt. Dieselbe betrug nämlich:
Jahre
überhaupt
Davon nach

den Vereinigten Staateu
Britisch-Nordamerika
Australien
1390 1891 1892 1893 1894
315 980 334 543 321397 307 633 227179
233 522 252 016 235 221 213212 159 605
31 897 33 752 41866 50 381 23 731
21570 19957 16183 11412 11185
An der beträchtlichen Abminderung der A. im
I. 1894 sind am stärksten die Schotten, demnächst
die Engländer beteiligt, während die irische A. nur
um ein Fünftel zurückgegangen ist.
Die italienische A., von der Statistik geschie-
den in dauernde (überseeische) und zeitweilige (euro-
päische), gestaltete sich im letzten Jahrfünft wie folgt:
Jahr ! Dauernd ^ Zeitweilig ^ Zusammen
1890
104 733
112511
217 244
1891
175 520
118111
293 631
1892
107 369
116298
223 667
1893
124 312
122 439
246 751
1894
101207
124139
225 346
Zu der dauernden A. stellt die Landwirschaft mit
durchfchuittlich 55-65 Proz. das Hauptkontingent,
während bei der zeitweiligen die Erdarbeiter, Maurer
u. dgl. allein schon über die Hälfte ausmachen.
Einen außerordentlichen Rückgang hat die A. <
Skandinavien erfahren. Diefelbe betrug:
. aus
Jahre ! Aus Schweden
1890
1891
1892
1893
1894
30128
38318
41275
37 504
8 246
Aus Norwegen Aus Dänemark
10991
13 341
17 049
18 778
5 642
10 298
10 382
10422
9150
4105
Auch die übrigen kleinern europ. Staaten, bezüg-
lich deren Nachweisungen vorliegen, haben 1894
geringere Verluste durch A. zu verzeichnen gehabt.
Die Ä. betrug:
Jahre
Schweiz
Niederlande Belgien
1890
6693
3526
2976
1891
6521
4075
3456
1892
7835
6299
5174
1893
6177
4820
3881
1894
3849
1146
1267
Äußerst geringfügig im Verhältnis zur Bevöl-
kerung war die A. aus Frankreich. Der mini-
male Zuwachs des Landes durch Geburtenüberschuh
macht ein stärkeres Abströmen von Arbeitskräften
unnötig. Im ganzen wanderten aus 1890: 20560,
1891: 0217,1892: 5528 und 1893: 5586 Personen.
Auch die A. aus Ost erreich, welche zu Beginn der
neunziger Jahre eine ungewöhnliche Ausdehnung
angenommen hatte, ist noch unter ihr früheres Ni-
veau zurückgegangen, und nicht minder scharf war
die rückläufige Bewegung in Nngarn. Aus der
ganzen Monarchie wanderten aus 1890: 55 658,
1891: 75197, 1892: 75047, 1893: 65 511 und
1891: 22 566 Personen.
Die A. aus Spanien, deren Hauptziel Cuba
ist oder war, während die Vereinigten Staaten so
gut wie gar nicht in Betracht kommen, betrug 1890: