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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Boden
ten des V. überlagernde Schicht endlich ist in an-
gebautem Land in der Regel Humus, entstanden
durch Verwitterung von Trümmergesteincn und
Verwesungs- und Vermoderungsprozessen von in den
B. gelangten Abfallstoffen tierischer und pflanzlicher
Natur. In Städten wird die oberste Schicht des V.
von sog. Ausschüttboden, d.h. einer künstlich durch
Aufhäufung von Vautrümmern und Abgängen des
Hausrats u. s. w. und meist sehr stark verunreinigter
Masse gebildet; diefer Aufschüttboden kann in Groß-
städten und alten Kulturstätten durch die immer
wiederholten Aufgrabungen, bei denen obcrfläcblicbe
mit tiefern Schichten den Platz tauschen, im Laufe
der Zeiten eine sehr bedeutende Mächtigkeit erlangen,
wie z. B. aus den Schliemannschen Ausgrabungen
auf der Stätte des alten Ilios hervorgeht; aber
auch in Wien fand Sueß bis unterhalb einer Tiefe
von 10 in Aufschüttboden. Behufs Studiums der
Untergrundverhültnisse eines Bezirkes, z. B. einer
Stadt, werden in derselben eine Anzahl von Vohr-
linien, teils parallel, teils einander kreuzend, kon-
struiert; in jeder Vohrlinie wird in bestimmten
horizontalen Abständen eine Anzahl von Bohr-
löchern niedergebracht und die aus verschiedenen
Tiefen ausgehobenen Erdproben untersucht; die
Tiefenlage der einzelnen Schichten sowie des Grund-
wasserspiegels werden durch direkte Messung bestimmt
und auf einen gemeinsamen Nullpunkt reduziert.
Man kann dann von jeder Vohrlinie ein Boden-
profil zeichnen, worin gewöhnlich die Längen in
fünfzig- bis hundertfach stärkerm Maße reduziert
werden müssen als die Höhen, weil sonst die Diffe-
renzen der letztern zu klein ausfallen würden. Ferner
kann man aus den bei den Bohrungen gewonnenen
Daten auch in ganz analoger Weise wie bei ober-
irdischen Terrainaufnahmen eine Höhenschichtenkarte
des Untergrundes und des Grundwasserspiegels ent-
werfen. Die ausgehobenen Proben werden ferner
qualitativ unterfucht. Zunächst wird ihre mecha-
nische Struktur durch Trennung der einzelnen
Teilchen von verschiedenem Durchmesser (von Kies
bis zu Feinsand) mittels Absicbcns durch einen
Siedsatz, event, noch durch Abschlämmen der fein-
sten Teilchen festgestellt und der prozentische Ge-
halt des B. an den verschiedenen Korngrößen durch
Wägung ermittelt. Die Kenntnis dieser prozenti-
schen Zusammensetzung ist von hoher Bedeutung,
weil sie Aufschluß geben über die Porengröße und
das Porenvolum, d. h. denjenigen Teil des Voden-
volumens, der von den Poren eingenommen wird,
also über diejenigen Faktoren, welche die Permea-
bilität des B. für Wasser und Luft bestimmen. Das
Porenvolum ist bei homogener Zusammensetzung
des B. unabdängig von dem Durchmesser der Korn-
größe und beträgt dann stets etwa 38 Proz.; bei
reichlicher Mischung verschiedener Korngrößen, wo
die kleinern Teilchen sich immer in die größcrn
Poren legen, ist es bedeutend kleiner. Die Poro-
sität des V. bestimmt den Grad der Intensität für
die Flächenwirkungen des V., d. h. für seine wasser-
haltende Kraft, für fein kapillares Aufsaugungsoer-
mögen für Wasser, ferner für seine Absorptionswir-
kungen, von denen die auf organische Substanzen
praktisch am wichtigsten ist und bei dem Betriebe von
Rieselfeldern großartige Verwendung findet. In sehr
dichtem B., der dem Eintritt und Wechsel der Luft
große Schwierigkeiten entgegensetzt, gebt die Mine-
ralisierung der tierischen und pflanzlichen Abfallstoffe
lange nicht fo rafch und vollständig vor sich, wie in
einem lockern, gut durchlüfteten V.; besonders findet
die Nitrifikation des aus den Dungstoffen stam-
menden Ammoniaks in folchem schweren B. große
Schwierigkeiten; auch wird ein solcher B. leicht über-
sättigt und vermag die Umwandlung weiterer zu-
geführter Fäulnisstoffe nicht mehr zu leisten.
Über das Verhalten des Wassers im B., soweit
es sich um jene große unterirdische Wasseransamm-
lung handelt, die man als Grundwasser bezeichnet,
s. Grundwasser (Bd. 8); oberhalb des Grundwasser-
spiegels sind nach dem Vorgange von Franz Hof-
mann drei Zonen zu unterscheiden: die oberfläch-
lichst gelagerte, die Verdunstungszone (s. d.),
dann die Durch gang szone, in der sich die Aus-
trocknung durch die atmosphärische Luft nicht mehr
bcmerklich macht und deren Füllungszustand der
wafserhaltcnden Kraft des B. entspricht, und die
Zone des durch Kapillarität aus dem
Grundwasser gehobenen Wassers. Die Ent-
wicklung aller drei Zonen und die Geschwindigkeit
der Passage des Oberflächenwassers bis zur Errei-
chung des Grundwasserspiegels ist je nach der Poro-
sität des V. natürlich ganz verschieden. Hiervon
hängt wiederum eine andere wesentliche Eigenschaft
des B. ab, nämlich sein Verhalten zu Mikro-
organismen. Die Oberfläche des V. enthält un-
geheure Mengen derselben und stellt geradezu die
echte Heimatsstätte und den Hauptschauplatz ihrer
Wucherung dar; hier spielen sich auch die für den
Haushalt der Natur fo bedeutungsvollen groß-
artigen Umsetzungen ab, durch welche die Abfall-
stoffe tierifchen Lebens in geeignete pflanzliche Nähr-
stoffe übergeführt werden, und durch welche der
Kreislauf des organischen Lebens sich immer wieder
erneut. (S. Batterien.) In tiefern Schichten da-
gegen, meist schon von 1 in Tiefe ab, ist der B.,
wenn dicht gefügte Schichten gewachsenen V. dar-
über lagern, vollständig keimfrei. Anders bei fehr
lockerm Geröllboden oder bei Vorhandenfein grober
Spalten (insbesondere in felsigem Untergrund), wo
Keime bis in bedeutende Tiefen gespült werden und
selbst ins Grundwasser gelangen können. Von krank-
heitserregenden Keimen finden sich im N. in großer
Ausbreitung nur die Erreger des Tetanus und des
malignen Ödems, denen keine allgemeine hygiei-
nische Bedeutung zukommt, da sie nur selten als
Erreger accidenteller Wundkrankheiten auftreten.
Dagegen können sich pathogene Keime, die zufällig
in den V. gelangt sind, z. B. Milzbrandbacillen mit
gefallenen Tieren, Cholera- und Typbusbacillen mit
Dejektionen, sicher eine Zeit lang im V. halten; ihre
Vermehrung wird wohl fast immer durch die über-
mächtige Konkurrenz der faprophytifchen Boden-
bakterien unmöglich gemacht. Ein Transport zum
Menschen kann meist nur aus den oberflächlichsten
Schichten, z. V. durch Gemüse u. s. w., höchst selten
und nur bei Keimen, die ein völliges Austrocknen
vertragen, auch durch die Luft stattfinden; aus tiefern
Schichten könnten durch im V. wühlende Tiere Bak-
terien wieder zu Tage befördert werden; so hat man
einenTransport von Milzbrandbacillen durch Regen-
würmer festgestellt; auch bei der Vubonenpest wird
dieser Infektionsweg gewiß häusig beschritten. Daß
dagegen, wie Pettentofer in seiner lokalistischen
Theorie der Cholera- und Typhusinfektion wollte,
ein Rücktransport der im V. gereiften Erreger durch
Wasser- oder Luftströmungen im V. zu stände kom-
men könne, ist nach den neuern Forschungen als ab-
solut unmöglich zu bezeichnen. (S. Cholera.) über