Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bodenimpfung - Bodensee
den Parallelismus zwischen Typhusfrcquenz und
Stand des Grundwassers s. Grnndwasscr. Eine ge-
legentliche Bedeutung für Ausbreitung von Infek-
tionskrankheiten scheint der V. manchmal für Milz-
brand zu gewinnen', auf sumpfigen Weideplätzen
scheint auch ein saprophytischcs Wachstum der Milz-
brandbacillen stattzufinden und so immer die Mög-
lichkeit der Infektion gegeben zu sein. Eine wirkliche
epidemiologische Bedeutung, und zwar von ganz
außerordentlicher Tragweite, hat aber der B. für
Malaria' es ist vollständig sicher, daß diese Krank-
heit an eine bestimmte Vodenbeschaffenheit, nämlich
zeitweise Durchfeuchtung und Imprägnierung mit
organischen Ab fall st offen, gebunden ist. Wie der
Transport der im B. sicher vorhandenen Malaria-
erreger zum Menschen anzunehmen ist, stcbt noch
nicht genügend fest; entweder erfolgt er durch Luft-
^ön^ngen mittels Verstäubung oder durch stechende
Insekten. Der beste Schutz gegen die Malariainfek-
tion vom B. aus besteht in der vollständigen Ab-
dichtung der Bodenoberfläche durch gute Pflasterung
und wasserdichte Sohlen unter den Käufern. Im
übrigen sucht die praktische Hygieine den B. im
Untergrund der Städte möglichst frei von organi-
schen Abfallstofsen zu halten, oder von solchen durch
Kanalisation wieder zu reinigen, Bestrebungen, die
man unter dem Namen Assanierung begreift.
Vgl. von Fodor, Hygieine des B. (im "Hand-
buch der Hygiene", hg. von TH.Weyl, Bd. 1, Jena
1893); Soyka, Der B. (in von Pettenkofers und von
Ziemssens "Handbnch derHygicine und der Gewerbe-
krankheiten", Tl. 1, Abteil. 2, Heft 3, Lpz. 1887).
^ Bodenimpfung, über die B. mit Nitragin
s. Etickstoffsammler.
Bodenmüdigkeit, die zuweilen zu beobachtende
Erscheinung, daß ein Acker, der früher bei Bestellung
mit einer bestimmten Frucht regelmäßig gute Er-
träge lieferte, jetzt beim Anbau dieser Frucht stets
versagt, ohne daß eine augenfällige Ursacke dafür
vorhanden ist. Am häufigsten wird die B. beim
Anbau der Zuckerrübe beobachtet; aoer aucb beim
Klee und andern landwirtschaftlichen Kulturpflanzen
tritt sie zuweilen auf.
Die V. kann verschiedene Ursachen baben. Sie
kann veranlaßt sein durch Mangel an Pflanzennühr-
stofsen im Boden (s. Bodenerschöpfung, Bd. 3), oder
durch eine fehlerhafte Physik. Beschaffenheit des
Ackers, oder endlich durch massenhaftes Auftreten
tierischer oder pflauzlicher Schädlinge. Daß sich der
Acker nur gegen die eine Pflanze als müde zeigt, er-
klärt sich daraus, daß die Anforderungen der Pflan-
zen an die chem. und Physik. Voocnbcschaffcnbcit
verfchieden sind (ein Acker erwies sich z. V. klee-
müde, weil besonders der Untergrund an Kali ver-
armt war, während die flacher wurzelnden Halm-
früchte an dem Kali der Ackerkrume genug hatten
und gediehen) und weil die verschiedenen Kultur-
pflanzen durch die verfchiedenen Parasiten in un-
gleichem Maße leiden. Nach anderer Ansicht soll die
B. eine Folge davon sein, daß die Wurzeln der Pflan-
zen specifische Stoffe (sog.Ermüdungsstoffe) im Boden
ausscheiden, die bei ihrer Anhäufung der Pflanze
selbst schädlich werden; doch ist von einer solchen
Wnrzelausscheidung nichts Thatsächliches bekannt.
Die Mittel zur Beseitigung dcr V. müssen natür-
lich je nach ihrer Ursache verschieden sein. Bei Man-
gel an Nährstoffen wird kräftige Düngung (mit
künstliche)! Düngemitteln), bei fehlerhafter Physik.
Bodenbeschasfenheit zweckmäßige Bodenbearbeitung
und Innehaltung eines richtigen Fruchtwechsels von
Erfolg sein. Zur Vertilgung schädlicher Organis-
men im Boden hat man das Brennen desselben mit
Erfolg versucht. Es wird auch empfohlen, die schäd-
lichen (tierischen) Lebewesen im Boden durch für sie
giftige Stoffe, wie Schwefelkohlenstoff, sulfokoblen-
saures Kalium u. s. w. zu töten. Znr Erziclung
eines gesunden Komposts hat sich die Vermischung
der infizierten Pflanzenabfälle mit reichlichen Men-
gen von Kalk bewährt. Zur Beseitigung der die
Nübenmüdigkcit zumeist verursachenden Nematoden
hat man mit Erfolg den Anbau von Fangpflanzen
angewendet. (S. Nübcnncmatode, Bd. 13.)
Bodenplanken, s. Schiffbaukunst.
Bodenschwankungen von sehr geringer In-
tensität, die besonders in Physik. Instituten und
auf Sternwarten nackgewiefen worden sind, lassen
sich durch die wechselnde Temperatur der Erdober-
fläche, Atmospbäre und Gelände erklären, sobald sie
irgendwie periodisch auftreten. Anders verhält es
sich mit geringfügigen Nivcauveränderungen, die
sich in bestimmter Richtung geltend machen. Aus
verschiedenen gebirgigen Gegenden sind Angaben be-
kannt, daß z. B. die Kirchturmspitze eines entfernten
Dorfes, Giebel einzelner Häufer jetzt zu sehen seien,
was früber nicht der Fall war, oder umgekehrt. Die
genaue Prüfung dieser Angaben ergiebt sehr wenig
Eickeres; doch haben diese Erscheinungen ein großes
Interesse, weil sie Anzeichen für eine unmerklich
vor sich gebende Hebung oder Senkung einzelner
Teile oder Striche der Erdkruste abgeben würden, An-
zeicken vielleicht für die immerfort vor sich gehende
Erdebung von Gebirgen. In Zukunft wird man
durch eine neue Triangulation auf Grnnd der jetzt
ausgeführten sehr genauen Messungen zu sicherer
Erkenntnis der fraglichen Erscheinuugen gelangen.
(S. auch Hebungen und Senkungen, Bd. 8.)
* Bodensee. Auf Anregung des Königs Karlvon
Württemberg bildete sich 1886 eine internationale
Kommission zur Herstellung einer Vodenseekarte,
welche allen Anforderungen der Wissenschaft genügen
sollte. Alle fünf Uferstaaten beteiligten sich an den
Arbeiten der Kommission, welche seither ihre Thätig-
keit auf eine allgemeine wissenschaftliche Erforschung
des B. ausdehnte und zablreiche wertvolle Arbeiten,
insbesondere eine Tiefcnkarte des V. in 1:50000
veröffentlichte und zwar in den Schriften des Ver-
eins für Gefckichte des B., seit 1893. Allgemeine
gcogr. sowie die hydrogr. Verhältnisse, die mine-
ralog. und chcm. Beschaffenheit des Eeegrundes,
Physik und Ebcmie des Sccwasfers, insbesondere
seine Warme, Farbe, Durchsichtigkeit, weiter die See-
sckwankungen, sind bis jetzt publiziert worden. Die
Ergebnisse der Untersuchungen über Flora und
l Fauna des B. sind zum Teil unter der Presse
(1896); Berichte über die Geologie und die Vesiede-
lung der Bodcnsccgegend und eine Studie über den
V. als Wirtschaftsobjckt sind in Arbeit, so daß schließ-
! lick der B. in ähnlicher Weise wissenschaftlich dar-
l gestellt sein wird wie der Genfer See durch Forel. Die
! nn Anftrage der Kommission vom Eidgenössischen
! Topographischen Bureau ausgearbeitete Original-
! karte des B. in 1:25000 mit topogr. Darstellung
! seiner Umgebung bis 10 km landeinwärts wnrde in
! 1:50000'vervielfältigt (Bern 1896) und ist von
den fünf Ufcrstaatcn dem buchhändlerischen Ver-
trieb übergeben worden. -- Vgl. die Schriften des
Vereins für Geschichte des V. und seiner Umgebung,
besonders Heft 22 (Lindau 1893).