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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Buddhismus
allen Kreaturen; er ist "Arhant". Ein vollendeter Ardant hat aller Illusion und allem Schmerz ein Ende gemacht, sein Karman wird nicht mehr Basis zu Wiedergeburten. Der spätere B. giebt den Arhants Wunderkräfte (iddhi und ânubhâva, wie sie der vollendete Buddha besitzt), insbesondere die Kraft sich zu verwandeln und Wunder zu wirken, die Fähigkeit alles zusehen und zu hören, selbst die Gedanken und Wiedergeburtsreihen aller Kreaturen und die Erinnerung an die eigene frühere Existenz. Die höchste Stufe der Heiligkeit ist die samâdhi, welche Ablösung von allem Irdischen bezweckt, so daß ein Verwehen von allen Leidenschaften eintritt (nirvâṇa). Bildlich werden diese Meditationsstufen durch die höchsten Himmel repräsentiert. Die südl. Kirche nennt diejenigen, welche nicht bloß die Arhantstufe erreicht, sondern für sich die volle Erkenntnis (samyaksambodhi) erlangten, also das inirvâṇa (bei dem Tode tritt das parinirvâṇa [Abbildung von Gautamas Nirvâṇa s. Taf. III, Fig. 6] ein) genossen, Nirvâṇa. Diese sind aber nicht im stande, das Heil (dharma) andern mitzuteilen, wie der wirkliche vollendete Buddha, welcher in einem Weltalter nur einmal erscheint und diese letzte Geburt freiwillig auf sich nimmt, um den Kreaturen das Heil zu bringen und dann ins parinirvâṇa einzugehen.
Buddhas Bodhisatva, d. h. eines zum Erkennen (bodhi) die Wesenheit (satva) Besitzenden, ist Maitreya (Pali: Metteyya); die südl. Kirche erkennt ihn an, die kanonischen Schriften aber erwähnen ihn nicht. Die im Norden entstandene Mahâyânaschule aber wendet sich mit besonderm Eifer dem Maitreya-Kult und noch andern Bodhisatvas zu; sie betrachtet die alte Schule, in welcher jeder Heilige nur seine eigene Erlösung anstrebt, als die kleine Carriere (hinayâna) und strebt die große (mahâyâna) an, d. h. die Wiedergeburt als Bodhisatva. Geltend gemacht wurde dabei, Buddha habe nicht nur in der Sprache aller Länder gepredigt (in Wirklichkeit bediente er sich der Volkssprache, nicht des Sanskrit), sondern auch je nach dem Fassungsvermögen der einzelnen Wesen, was bis zu einem gewissen Grade, wie die Sûtras zeigen, auch zutrifft. Das Mahâyâna ist also in den Augen seiner Vertreter die Carriere der geistig Bevorzugten gewesen. Außer Maitreya werden zur Zeit des chines. Pilgers Fab-Hian zwei Bodhisatvas erwähnt, Mañjuçri und Padmapâni (Avalokiteçvara). Als die Phantasie die Himmelsräume immer mehr bevölkerte, wurde auch dort das Buddha- und Bodhisatvasystem durchgeführt. So entstand die Anschauung, daß, während ein Buddha auf Erden (manushi-buddha) das gute Gesetz predigt, er sich in den transcendentalen Welten in einem meditativen Buddha (dhyâni-buddha) abspiegelt. Der Theorie nach sind diese Buddhas ebenso unzählig wie die Welten und die irdischen Buddhas, faktisch aber werden fünf anerkannt mit fünf entsprechenden Dhyânibodhisatvas. Der dem Gautama Buddha entsprechende ist Amitâbha und sein Bodhisatva Avalokiteçvara. So ist in das Mahâvânasystem eine Vorstellung eingegliedert, welche wohl auf pers. Einflüsse zurückzuführen ist, ebenso wie die Theorie der Dhyânibuddhas der entsprechenden persischen von den Fravashis (s. Zoroaster, Bd. 16) entlehnt sein dürfte. In Wirklichkeit ist Amitâbhas Paradies Sukhâvatî (tibetan. bDe-ba-can) weiter nichts als ein Himmel für die Laien, welche dort als reine Wesen aus Lotusblumenknospen wiedergeboren werden, überall, wo die Mahâyânaschule die maßgebende Religion geblieben ist (China und Japan), ist Amida (japan.) das allgemeine Gebet und dieser Dhyânibuddha mehr bekannt als der Religionsstifter. Im 6. Jahrh. wußte ein einflußreicher Mönch aus Peschaur, Asañga (Âryâsañga), das brahmanische Pantheon, das sich als Reaktion gegen die Buddhalehre entwickelt hatte, in den B. aufzunehmen. Die çivaitischen Götter werden verpflichtet, als Verteidiger der Kirche aufzutreten, sie geben das Gelübde, Unholde ihrer Machtsphäre von den Gläubigen fern zu halten. (Abbildung s. Taf. II, Fig. 1 u. 12.) In Zusammenhang damit kam die Lehre auf, daß es möglich sei, durch Bannformeln (dhâraṇî) und Opfer an Bodhisatvas (jeder hat seine dhâraṇî) dieselben zu vermögen, dem nach hoher Carriere strebenden Mönche übernatürliche Kräfte, Belehrung durch die Bodhisatvas selbst über in andern Regionen von Buddhas gelehrte dharmas u. s. w. zu verschaffen: die Tantraschule. Gleichzeitig kam auch die Lehre von den Energien der Götter (çakti, s. Indische Religionen) in den entarteten B. Zahllose Ḍâkinîs (tibetan. mkha-hgro-ma, d. h. Feen oder Hexen; s. Taf. II, Fig. 3) bilden die weiblichen Konsorten der Bodhisatvas, fremde unind. Namen (z. B. Kurukulle) erscheinen. Es wurde, wie angedeutet, angenommen, daß andere Wesen (Nâga, Ḍâkinî, Râkshasa) eigene Predigten eines Buddha besäßen, welche durch Bannung (man nahm dabei möglichst die Gestalt, Kleider, Attribute u. s. w. des zu Bannenden an) erreicht werden könnten. Als Hauptvertreter der Tantraschule muß der in Kabul im 8. Jahrh. geborene Padmasambhava (tibetan. U-rgyan; s. Taf. II, Fig. 9), eine Emanation des Amitâbha, betrachtet werden. Er ist zugleich Begründer des Lamaismus (s. d., Bd. 10).
Während die Mahâyânaschule auf China, Korea und Japan beschränkt blieb und von Tibet ausgeschlossen wurde, drangen in Tibet Kashmiri- und Bañgâli-Paṇḍits ein; sie lassen aber im Kampfe gegen die bösen Gewalten des Schneereiches den Padmasambhava kommen, der die Hindernisse, welche offenbar die einheimischen Schamanen verursachten, zu überwinden wußte; das älteste Kloster (Sam-ye) wird gegründet und die ersten Bücher ins Tibetische übersetzt. Gegen die in der Folge durch die beweibten, rotmützigen Tantriker verursachten Verschlechterungen der Religion (die Hierarchie hatte sich unter der Yuandynastie in Tibet entwickelt und die polit. Macht errungen) trat in der Mitte des 15. Jahrh. der gefeierte Tsoñ-kha-pa (s. Taf. II, Fig. 11 in der Mitte) auf. Er gilt als Emanation Maitreyas (s. Taf. II, Fig. 11 über Tsoñ-kha-pa) und wurde insofern für die Religion ein Reformator, als er die alte Zucht (Cölibat) wiederherstellte, Magie und Bannerei verwarf, die Meditation betonte und auch äußerlich die alten Formen als Abzeichen seiner Sekte (gelbe Robe, gelbe Mütze) wieder einführte. Da aber die Klöster vielleicht aus ökonomischen Gründen der Magie nicht ganz entraten konnten, wurde in jedem Kloster ein Gesetzeshüter (tibetan. chos-skyoñ, welcher rotmützig ist und heiraten darf, zu den notwendigen astrol. Ceremonien angestellt. Auf Tson-kha-pa oder vielmehr auf seine zwei Hauptschüler rGyal-tsah-rje und mKhas-grb-rse (s. Taf. II, Fig. 11 rechts und links neben der Mittelfigur vor Tson-kha-pa) geht jenes merkwürdige System der Wiedergeburten zurück, welches in Tibet der Hierarchie zu Grunde liegt, die sog. chubilganische Erb-^[folgende Seite]