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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Christlich-lateinische Litteratur
unterstützenden Mitgliedern gebildeten Beirates steht Graf Pfeil-Hausdorf. Ähnliche Vereine bestehen in Hamburg, Dresden, Leipzig, Frankfurt a. M., Stuttgart, Breslau und andern größern Städten. Am weitesten ausgebreitet sind die Vereine in England und Amerika; in Nordamerika und Canada besitzen sie (1895) 312 eigene Gebäude. Ihr Hauptorgan, "Young Men’s Era", ist das umfangreichste dieser Blätter. - Vgl. Geschichte der christl. Jünglingsvereine, zur 50jährigen Jubiläumsfeier in London 1894 (hg. vom Internationalen Centralkomitee in Genf, deutsche, engl. und franz. Ausgabe); Krumznacher, Die evang. Jünglingsvereine, C. V. J. M. und verwandte Bestrebungen (2. Aufl., Elberf. 1895).
Christlich-lateinische Litteratur. Der Ausgangspunkt für die C. L. scheint der lat. Nordwesten Afrikas gewesen zu sein. Denn afrik. Ursprungs ist vielleicht die aus den Schriften der lat. Kirchenväter bekannte vorhieronymische Bibelübersetzung der "Itala". Sie entstand in der zweiten Hälfte des 2. Jahrh. und ist vielleicht noch etwas älter als die älteste apologetische Schrift der christl. - lat. Welt, der Dialog "Octavius" des Minucius Felix. Diese Schrift leitet über zu der eigentlichen christl. Litteratur. Die feindselige Haltung des Staates zwang litterarisch gebildete Christen zu Verteidigungsschriften, in welchen sie die Angriffe auf ihren Glauben abzuweisen suchten. Eng hiermit verbunden sind die polemischen Schriften, in welchen die Verkehrtheiten der heidn. Kulte dargethan wurden. Hieran reiht sich eine bedeutende histor., encyklopäd. und auch philos. Litteratur, abgesehen von dem unübersehbaren Reichtum der eigentlich theol. Erzeugnisse. Insbesondere aber kommt noch die altchristliche lat. Poesie in Betracht, die vielfach auch im Dienste der apologetischen Interessen stand. Da das Versemachen immer mehr zur Modesache geworden war und das Epos hauptsächlich als poet. Darstellungsform für die Dinge der Vorzeit galt, so haben es auch die christl. Schriftsteller nicht verschmäht, sich der ^poet. Form für die Apologetik und Polemik zu bedienen. Aus solcher Vorliebe für die Poesie erwuchsen dann Übertragungen von einzelnen Teilen der Bibel ins epische Gewand. Namentlich reizten die Schöpfungsgeschichte und überhaupt die Thaten Gottes im Alten Bunde immer wieder zur poet. Behandlung. Dazu kommt die immer mehr zunehmende Hinneigung zur mystischen und allegorischen Deutung von Personen, Ereignissen und Zuständen, welche der christl. Poesie ebenfalls nicht geringen Vorschub geleistet hat. Aus der poet. Grabschrift ging das Lobgedicht auf Märtyrer und Heilige hervor, der Heiligenroman in Poesie wie in Prosa wurde zur beliebtesten Litteraturgattung der spätern Zeit. Auch der Brief, poetisch oder in Prosa, oft in lehrhafter Breite zu einer Abhandlung anwachsend, ist ein wichtiger Teil der frühchristl. Litteratur geworden. Hierneben muß auch der Hymnik gedacht werden, deren Anfänge nicht auf röm. Boden, sondern im Orient zu suchen sind. Die christl. Hymnen gehen jedenfalls aus den von Paulus (Koloss. 3, 16) erwähnten spontanen Lobgesängen der ersten Christen hervor. Sie wurden für die christl. Feste und Tagesabschnitte gedichtet und haben in vielfachen Veränderungen und Übertragungen die Zeit überdauert; in späterer Zeit dienten sie hauptsächlich auch dem Heiligenkultus. Bei seiner Einführung in das Abendland erhielt der Hymnus eine strenge Kunstform; sein Maß war der iambische Dimeter. Doch bald löste sich diese Form auf in freie Rhythmen, in welchen die Silben einfach gezählt werden und der Wortaccent die Norm für die Recitation des Verses geworden ist, der Wert der Silben also nicht mehr den Ausschlag giebt. Wirklich entwicklungsfähig von diesen einzelnen Gattungen der christl. Poesie ist, vom Heiligenroman abgesehen, nur die Hymnik gewesen. Die altchristl. Lyrik hat nicht nur Lieder von wunderbarer Tiefe und Schönheit hervorgebracht, sondern sie ist auch die Mutter unsers modernen Kirchengesangs zu nennen.
Hauptvertreter der C. L. auf dem Gebiete der Apologetik und Polemik sind der schon genannte M. Minucius Felix, welcher in Anlehnung an Cicero und Seneca einen Dialog "Octavius" verfaßte, worin Cäcilius, der das Christentum vom Standpunkt des alten Römers heftig angreift, durch Octavius auf den Monotheismus und die höhere Sittlichkeit der neuen Lehre aufmerksam gemacht und besiegt wird. Das Werk ist vom moralisch-philos. Standpunkte aus geschrieben. Ferner Tertullian aus Karthago (um 150-220). Dieser schrieb 197 mit der Leidenschaftlichkeit des Afrikaners und der kampflustigen Spitzfindigkeit des Sachwalters seinen "Apologeticus" an die Statthalter des Reichs, in dem er nach Widerlegung der geheimen Verbrechen der Christen die ihnen vorgeworfene Nichtverehrung der Götter verteidigt und die Beschuldigung der Majestätsbeleidigung zurückweist. Die Schrift trägt einen scharf jurist. und polit. Charakter. Aus derselben Zeit stammt ein wesentlich polemisches Werk "Ad nationes" ("an die Heiden"), das nach kurzer Wiederholung des ersten Teils des "Apologeticus" einen heftigen Angriff gegen die alten Götter enthält. Arnobius, Rhetor zu Sicca in Numidien, schrieb um 300 das Werk "Adversus nationes" in sieben Büchern. Er weist die hauptsächlichen Anklagen gegen das Christentum zurück und wendet sich dann gegen den heidn. Polytheismus und seine Unsittlichkeit sowie gegen den heidn. Kultus in allen seinen Formen. Julius Firmicus Maternus richtete um 347 die Schrift "De errore profanarum religionum" an die Kaiser Constantius und Constans. Er fordert hier zur völligen Vernichtung des Heidentums auf, indem er das Haltlose und Unsittliche der orient. Kulte darthut, welche dem Dienste der Elemente huldigten.
Auf dem Gebiete der Geschichtschreibung (Epistolographie, Memoiren u. s. w.): Hieronymus aus Stridon (331-420), der von 386 an in seinem Kloster bei Bethlehem bis an seinen Tod unausgesetzt thätig war, der gelehrteste lat. Kirchenvater von ausgebreitetstem Wissen, schrieb 392 die erste christl. Litteraturgeschichte "De viris illustribus" nach Analogie des gleichnamigen Werkes von Sueton. Er behandelt hier, ohne die zeitliche Reihenfolge genau innezuhalten, 135 christl. Schriftsteller von Petrus an bis auf seine Zeit, jedoch fast nur die Prosaiker. Um 480 ist die Schrift fortgesetzt worden von Gennadius, Presbyter zu Marseille, der außerdem wichtige Ergänzungen zu dem frühern Teile gab. (Isidor von Sevilla und Ildefons von Toledo haben das Werk im 7. Jahrh. fortgeführt. Ausgabe von G. Herding, Lpz. 1879.) Wichtiger ist des Hieronymus lat. Bearbeitung und Fortsetzung der Zeittafeln (Canones) des Eusebius, in welcher er synchronistisch verfuhr und damit eine Vergleichung der polit. und kirchlichen Geschichte bezweckte. Daneben buchte er allerhand litterar. Facta sowie Naturereignisse. Sein Werk wurde die Grundlage der