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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Immunität
angeborenen I. ist verschiedenen Infektionskrank-
heiten gegenüber sehr verschieden; während sie z. V.
der Cholera und noch mehr dem Typhus gegenüber
recht häufig ist, erscheint sie nur sehr selten gegenüber
Masern und Pocken, von denen vielmehr fast alle
mit Infektionsstoff in Berührung kommenden Per-
sonen, die die betreffende Krankheit noch nicht durch-
gemacht haben, befallen werden. Als Beispiel einer
I. durch Altersdifferenzen sei die vollkommene Un-
empfänglichkeit der Erwachsenen gegen Schädlich-
keiten erwähnt, die bei Säuglingen zu schwersten
Magen-Darmaffektionen (Otwiera iukmwm) führen.
Was die erworbene I. betrifft, so ist es eine
längst bekannte Thatsache, daß Menschen, die Pocken,
Scharlach u. s. w. überstanden haben, für immer oder !
doch für sehr lange Zeit gegen eine neuerliche gleich-
artige Infektion geschützt sind. Nach andern In-
fektionskrankheiten freilich ist ein folcher Schutz nur
für kürzere Zeit wirksam, so z. V. bei Cholera meist
nur für mehrere Monate; noch andere Infektions-
krankheiten hinterlassen gar keine I., sondern bewir-
ken sogar, wie Malaria, eine gesteigerte Disposition
für eine erneute Infektion. Von besonderer prak-
tischer Wichtigkeit ist nun aber die ebenfalls schon
längst bekannte Thatsache, daß auch nach ganz leich-
ten Erkrankungen an der betreffenden Infektion
trotzdem ein vollständiger Schutz gegen spätere
Erkrankungen gegeben ist; diese Thatsache wurde
schon im 18. Jahrh, bei der zur Bekämpfung der
Pocken angewandten Variolation verwertet, bei der
man Gesunde absichtlich der Infektion mit notorisch
leichten Pockenfällen aussetzte, um sie vor späterer
schwerer Infektion zu behüten. In weit vollkomme-
nerer Weise wird dasselbe Princip in neuester Zeit bci
den Methoden der künstlichen Immunisierung
von Tieren angewendet; hier wird zunächst am nor-
malen Tier eine ganz leichte Infektion ausgelöst, sei
es durch Anwendung einer seyr geringen Menge des
Virus (s. Infektionskrankheiten), fei es durch An-
wendung abgeschwächter, z. V. älterer oder unter
ungünstigen Kulturbedingungen fortgezüchteter Kul-
turen (wie bei Pasteurs Impfschutz gegen Hühner-
cholera), sei es durch gleichzeitige Verabfolgung eines
Antiseptikums mit der verimpften Kultur (wie z. V.
bei Vehrings früherer Methode der Diphtherie-
immunisierung, wobei zugleich mit dem Virus das
stark antiseptisch wirkende Iodtrichlorid injiziert
wurde); nach kurzer Zeit hat sich dann eineI. gegen
größere Dosen des Virus ausgebildet, die nunmehr
anstandslos vertragen werden, während sie dem
normalen, nicht vorbehandelten Tier bereits verderb-
lich wären; durch successive Impfungen mit stetig
steigenden Mengen des Virus gelangt man dann zu
immer höhern Graden derI. Natürlich ist der ganze
Prozeß der künstlichen Immunisierung sehr lang-
wierig und muß, wenn man Verluste von Tieren
durch chronische Nachwirkungen der Injektionen ver-
meiden will, mit großer Umsicht und unter steter
Kontrolle des Allgemeinbefindens (Gewicht, Tempe-
ratur, Ernährungszustand) der Tiere geleitet werden;
trotzdem kommt nnmer ein gewisser Prozentsatz von
unliebsamen Störungen vor, zumal wenn die Im-
munisierung übereilt wird. Die Methode wird sich
also für die Anwendung am Menschen wegen ihrer
Langwierigkeit und wegen der event. Gefahren wenig
eignen. Zum Glück ist man diefer Notlage über-
boben, da es gelingt, die I., die durch die eben ge-
schilderte Methode nur ganz allmählich gewonnen
würde, plötzlich in ganz unveränderter Intensität
als solche fertig auf eiuen andern Organismus,
z. V. auch auf den Menschen zu übertragen, indem
man Blutserum des immunisierten Tieres den Men-
schen subkutan injiziert. Durch dieses Verfahren,
welches die Basis der Heilserumtherapie bildet,
gelingt es also, dem Menschen die Früchte eines
langwierigen und immerhin nicht ungefährlichen
Immunisierunclsprozesses vollkommen zu nutze zu
machen, ohne ihn doch dem Risiko und den Unbe-
quemlichkeiten der eigenen Erkämpfung der I. durch
überstehen wiederholter Infektionen auszusetzen.
Das Verfahren der Übertragung einer fertigen I.
durch Seruminjektion wird als passive Immuni-
fierung bezeichnetem Gegensatz zu der erstgeschil-
derten aktiven, bei der das Tier mit den Kräften
des eigenen Organismus die I. im Kampfe gegen
die wirklich erfolgten, wenn auch schwachen Infek-
tionen erringen mußte. Allerdings ist der Schutz,
den eine solche passive Immunisierung gewährt, von
viel kürzerer Dauer (immerhin jedoch einige Wochen,
was praktisch völlig ausreicht) als die Festigung des
aktiv immunisierten Tieres; es liegt dies offenbar
daran,dah es sich bei der passiven Immunisierung um
eine Übertragung fertig gebildeter Schutzstoffe, keines-
wegs um eine durch den Prozeß der Immunisierung
angeregte Neubildung von solchen handelt; sehr wohl
aber ist letzteres bei der aktiven Immunisierung der
Fall. Daher erklärt es sich, daß im ersterwähnten
Falle mit dem allmählichen Schwinden der über-
tragenen Schutzstoffe durch den Stoffwechsel auch der
Impfschutz relativ bald erlischt, während im aktiv
immunisierten Tier fort und fort eine Neubildung
von Schutzstoffen aus den Gewebszellen selbst erfolgt
und die Verluste an Schutzstoffen durch die Aus-
scheidungen, wie sie z. B. in bedeutender Weise durch
die Milchsekretion erfolgen, fowie auch abnorme
Verluste durch Aderlässe bald wieder ersetzt werden.
Auch im aktiv immunisierten Tier selbst geht übri-
gens die Festigkeit desselben gegen eine erneute In-
fektion einerseits, der Gehalt des Serums an Schutz-
stoffen, der Heilwert desselben für andere Lebewesen
andererseits keineswegs immer parallel; man hat
daher wohl auch Gewebsimmunitüt uud
Serumimmunität unterschieden. Jedenfalls be-
weist die Möglichkeit einer passiven Übertragung der
I. ganz unzweideutig, daß das eigentlich Wirksame
im Körper des immunen Tieres auf dem Vorhanden-
fein gelöster Stoffe beruhen muß, welche die schädi-
genden Stoffe der Bakterien neutralisieren. Die Bil-
dung dieser Stoffe im aktiv immunisierten Tier durch
die Gewebszellen erfolgt durch Zusammenwirkung
dieser letztern mit den injizierten Giften oder Pro-
dukten der lebenden Infektionserreger; höchst wahr-
scheinlich handelt es sich dabei um eine unter dem
Einfluß des lebenden Plasmas der Gewebszellen
stattfindende einfache Umlagerung der dem Körper
feindlichen Stoffe in eine entgegengesetzte ebenfalls
aktive Modifikation, die sich beide zusannnenzn emem
inaktiven Produkt verbinden, d. h. neutralisieren.
Es ist hiernach nicht undenkbar, die Antikörper auch
direkt aus den Giftkörpern darzustellen, ohne den
Umweg durch die komplizierteTierpassage zunehmen;
in der That sind bereits solche Versuche mit Hilfe der
Elektrolyse augestellt worden; weitere Untersuchun-
gen in dieser Richtung, welche die Gewinnung der
Heilkörper außerordentlich viel einfacher und billiger
gestalten könnten, bleiben abzuwarten. Um die Art
und Weise der Wirkung der bei der I. wirksamen
gelösten Substanzen zu verstehen, muh auf die