Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

587

Indische Ethnographie

eintreiber, sobald er sich dem Dorfe nähert, die Trommel und zieht sich dann zurück. Die Maria legen darauf die Steuer an einem vorher bestimmten Orte nieder und verschwinden dann wieder. Sie gehen fast nackt, und ihr Körper ist mit Asche und Schmutz besudelt; das Haar lassen sie meist nach Belieben wachsen, oder sie scheren den Kopf bis auf einen Knoten auf dem Scheitel. In den Ohren tragen sie bis zu 15 kleine Ohrringe und um den Leib einen Gürtel von kleinen Muscheln oder 10-15 Schnüren, an dem ein Tabaksbeutel und ein blankes Messer hängt. Eine Axt, die von der Schulter herabhängt, oder Pfeil und Bogen vollenden ihre Ausrüstung. Die Weiber tragen ein baumwollenes Tuch um die Taille und ein Umschlagetuch, kleine Ohrringe aus Messing und Halsbänder aus weißen Perlen; Gesicht und Schenkel werden tättowiert. Eigentümlich sind ihre Totengebräuche. Durch eigenartigen Trommelschlag werden die Bewohner herbeigerufen, eine Kuh wird geschlachtet und alle Gäste mit Fleisch und Branntwein reichlich bewirtet. War der Tote ein erwachsener Mann, so wird der Körper mit Stricken aufrecht stehend an den Stamm eines Mahwabaumes (Bassia latifolia Roxb.), der den Gond heilig ist, gebunden und dann verbrannt. Dann wird die Asche gesammelt und zur Seite eines Weges beigesetzt, eine Steinplatte darüber gelegt und an diese ein Kuh- schwanz gebunden zum Zeichen, daß die Totengebräuche, die ein Neffe des Verstorbenen zu vollziehen hat, richtig ausgeführt worden sind. Kinder und Frauen werden stets beerdigt. Die Oraon in Tschutia Nagpur nennen sich selbst Khurnkh, sind aber in Indien am besten bekannt unter dem Namen Dhangar, "Bergleute". Der Census giebt ihre Zahl auf 368222 an. Sie sind eng verwandt mit den Radschmahal, die nach der Tradition der Oraon nur ein Zweig von ihnen sind, der sich von ihnen trennte, als sie aus den Hügeln in und um Rohtak im westl. Indien vertrieben wurden, wohin die einen ihre Heimat verlegen, während andere das Konkan dafür ausgeben. Bei den Oraon herrscht die, auch bei den Dschuang, Maria-Gond, Kondh, Radschmahal und sonst nachgewiesene Sitte, daß alle unverheirateten Männer bei Strafe in einem eigenen Hause im Dorfe gemeinsam schlafen müssen. Dasselbe Gesetz gilt bei den Oraon auch für die jungen Mädchen und mag, wie man vermutet hat, in der Engigkeit der Wohnungen ihren Grund haben. Nach den einen haben auch die Mädchen ein eigenes Haus wie bei den Kondh, nach andern werden sie in die Häuser der Witwen verteilt; sicher ist, daß sie in manchen Dörfern mit den Junggesellen in demselben Haus schlafen. Über alle Vorgänge in demselben muß die strengste Verschwiegenheit bewahrt werden, und es ist dort ein richtiges "Fuchssystem" ausgebildet. Die jüngern müssen die ältern bedienen, sie kämmen, waschen u. s. w., und sie werden einer strengen Zucht unterworfen, um richtige "Burschen" zu werden. Gegenüber diesem Schlafhause liegt unter alten, schattigen Tamarindenbäumen der Tanzplatz, wo an Festtagen oft die ganze Nacht durchtanzt und durchzecht wird. Die Oraon sind gutgewachsene Leute und, solange sie unverheiratet sind, in ihrem Anzuge sehr eigen, nachher desto nachlässiger und schmutzig. Die Frauen tättowieren sich ebenso wie die der Munda-Kolh, der Dschuang, der Kharria und anderer Kolarier. Die jungen Leute brennen sich Zeichen auf den Vorderarm, was zu den Pflichten der Schlafhausgemeinschaft gehört. In ihrer Speise sind sie nicht wählerisch. Ihre Hauptnahrung ist Reis und eine Art Brei; neben dem Fleisch von Rindern, Schafen, Ziegen, Büffeln, Tigern, Bären verschmähen sie auch das von Füchsen, Schakalen, Feldmäusen nicht; sie verzehren Schlangen, Eidechsen, große Frösche, alle Arten von Fischen, Schildkröten. Allem aber ziehen sie Schweinefleisch vor, und in den Dörfern giebt es massenhaft Schweine. Sie trinken in großen Quantitäten Reisbier, und nicht selten ist das ganze Dorf völlig betrunken. Tabak rauchen und kauen sie. Totemismus ist bei ihnen weit verbreitet. Die Kondh (s. d., Bd. 10), an Zahl 320071, sitzen in den Hügeln von Orissa und waren berüchtigt durch ihre Menschenopfer und den Mädchenmord, was beides durch die Engländer unterdrückt worden ist. Die Menschenopfer hatten einen religiösen Grund (s. Indische Religionen), der Mord der weiblichen Kinder einen, wenn man so sagen darf, volkswirtschaftlichen. Die Kondh bezogen nämlich ihre Frauen billiger aus andern Teilen des Landes als aus ihrem eigenen Stamme; deswegen wünschten sie die eigenen weiblichen Kinder los zu werden. Dazu kommt aber noch ein anderer Brauch. Wenn nämlich ein Kind geboren ist, wird ein Astrolog von den Eltern herbeigerufen, der ein Horoskop stellt und ein Manuskript aus Palmblättern befragt, in dem sich geschriebene Sätze vermischt mit rohen Götterbildern befinden. Nach bestimmten Ceremonien wird der Schreibgriffel in das Buch geworfen und das Schicksal des Kindes nach dem Satze oder Bilde bestimmt, worauf er trifft. Verkündet dies Unheil für die Eltern, so wird das Kind in ein neues irdenes Gefäß gelegt, in der Himmelsrichtung fortgeschafft, aus der Unglück zu erwarten war, wenn es am Leben blieb, und begraben, über dem Grabe wird ein Huhn geopfert. Ein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Kindern wird dabei nicht gemacht, und so kommt es, daß es ganze Dörfer gegeben hat, in denen sich keine Kinder fanden. Jedes Dorf hat seinen Schulzen, eine Anzahl Dörfer wieder einen höhern Vorsteher, über denen ein höchster Beamter steht, der die Verwaltung eines weitern Landstriches führt. Alle diese Ämter sind erblich; Streitigkeiten werden in Versammlungen geschlichtet, die der oberste Beamte beruft, dessen Anordnungen man sich willig fügt. Die Radschmahal, in den gleichnamigen Hügeln sitzend, werden auf 30838 geschätzt und ihre Stämme als Paharia zusammengefaßt. Unter ihnen sind besonders die Maler oder Malair zu nennen, die ihrem Aussehen nach den Draviden ähneln, was sich daraus erklären kann, daß sie früher sich ihre Frauen gern aus der Ebene geraubt haben sollen. Die Männer lieben es, rote Turbane zu tragen, die Frauen wissen sich geschmackvoll zu kleiden. Die Toten werden begraben; tote Priester werden aber in einer Bettstelle in den Wald getragen, unter einen schattigen Baum gestellt, mit Laub und Zweigen zugedeckt und dort gelassen. Alle diese Bergstämme sind dem Genusse berauschender Getränke sehr ergeben. Die Gond, Kondh, Oraon und Radschmahal hat man zusammen mit den Kharwar in Mirsapur, Tschutia-Nagpur, Schahabad und den Brahui als norddravidische Völker zusammengefaßt. Der Census von 1891 giebt ihre Zahl zusammen auf 2135352 an, wobei aber nur die gerechnet sind, die noch ihre Muttersprache sprechen. Daß die 28990 Brahui auszuscheiden sind, ist schon bemerkt worden; gleiches gilt auch gewiß von den 7651 Kharwar, die den Kolariern zuzurechnen sein werden. Das ganze, sehr zahlreiche